Teewurstparty in der Schülerdisco

Berlin. Ein Samstag. Aus irgendeinem Grund hänge ich in der Alten Kantine in der Kulturbrauerei herum, einem der dümmeren Clubs der Stadt, aber einem der letzten Clubs überhaupt hier im Schnarchsackspießerparadies Prenzlauer Berg. Ich bin der Älteste heute hier. Um mich herum nur BWL-im-Fernstudium-von-der-Dachgeschosscouch-Gesichter, Veteranen der letzten Böhse Onkelz-Coverband-Kinderglatzenparty irgendwo hinter Dahlwitz-Hoppegarten an der polnischen Grenze, Milchbubis, unsichere auftoupierte minderjährige Mädchen, die jetzt schon den lässig-arroganten Berlin-Mitte-Blick üben, den sie in ihren späteren Jahren fürs Matrix brauchen werden, weil es fürs Berghain nicht reichen wird.

Es läuft Musik wie vor 20 Jahren, Spin Doctors, Blur, Bob Geldorf, The Cure, The Stranglers, Nirvana, Pearl Jam, gibt es heute wirklich keine gute neue Musik mehr? Wohl nicht, denn sie spielen immer noch den alten Kram von früher, wahrscheinlich sogar in der gleichen Reihenfolge wie damals. Irgendwann kommt sogar Rage Against The Machine. Mit dem Evergreen „Killing in the name of. Fuck you I won’t do what you tell me.“ Ich beiße mir die Lippen blutig, um nicht laut loszulachen, als die BWL-Gesichter mit ihren H&M-Hemdkragen und ihrem L’Oreal-Powergel in den pomadigen Haaren anfangen zu hüpfen und die Revolution herbeischreien. Es geht nicht mehr grotesker. Ja. Hüpft. Hüpft. Und schmeißt danach bitte die Töpfchen mit dem handgezogenen Rucola eurer bräsigen Biofeinkosteltern von der Dachgeschossveranda.

Haha.

Nee.

Nix Revolution. Morgen schmiert Mami wieder die Stulle für die Uni. Vegane Teewurst. Mochte der Junge schon als Kind so gerne.

Killing in the name of.

Boom.

Ich schütte unkontrolliert Whisky in mich hinein, nur der puren Betäubung wegen. Es gibt hier keinen guten. Bourbon, Bourbon und nochmal Bourbon. Jim, Jack und Johnny. Furchtbar. Ganz hinten im Eck steht jedoch tatsächlich eine Flasche Tullamore, mit Staubschicht, weil sie keiner will. Diese Flasche habe ich für mich abonniert. Wer auch immer die von der Millenniumsfeier vor 20 Jahren übrig gelassen hat, ich saufe die aus. 7,50 rufen sie für den Dreifachen ab. Unschlagbar. Möchten Sie Eis dazu? Nein, um Gottes Willen bitte kein Eis, nur ein Glas Wasser, aber danke fürs Siezen. Göre. Brandenburger. Elende.

Dann wird es wieder fast Tag und der Großteil der Kinder sieht jetzt sehr verstrahlt aus, derangiert, schief irgendwie und baggert in der männlichen Variante alles an, was auch nur am entferntesten nach Frau aussieht und versucht in der weiblichen Variante immer noch, lässig mit arrogant zu kombinieren, um möglichst nicht angesprochen zu werden, was aber nicht wirkt, weil sie schief glotzend wanken wie der Spritti gleich in der M10 Richtung Warschauer Straße wanken wird, bevor er endlich vor den Fahrkartenautomaten kotzt. Ja. Herrlich. Déjà-vu. Auch das war früher schon so. Mortimer. Some things never change.

Als es sehr hell wird und sie den Rauskehrer spielen, es ist Helge Schneider, wanke ich zur Tür hinaus und ein alter Mann kommt mir entgegen. Ich bin sehr erleichtert, dass es sich nicht um mein Spiegelbild handelt, sondern tatsächlich um einen wirklich alten Mann. Er ist wahrscheinlich auf der Suche nach seiner Tochter, die nicht wie vereinbart um Mitternacht zuhause war. Ja. Auch das waren noch Zeiten.

Der Morgen dämmert und ich gehe auf die Suche nach einem vernünftigen Frühstück möglichst ohne diese in Prenzlauer Berg überall so beliebten im Mondschein von nackt die Mantras von Sri Chinmoy tanzenden Heilpraktikerinnen mit ausgesaugten Hängebrüsten pürierten Veganeraufstrichen. Tschüss, Alte Kantine, das war jetzt wirklich mein letztes Rendezvous. Ich bin rausgewachsen wie aus einer alten Hose, nur du bist immer noch so wie du immer warst und immer sein werden wirst, du alte Schülerdisco. Killing in the name of. Boom.


Alte Kantine in der Kulturbrauerei
Knaackstraße 97
10435 Berlin