Strasbourg

Ich komme in Strasbourg an und schon an der ersten roten Ampel klopft ein Goldbezahnter an mein Autofenster und will Geld. Später fahre ich Straßenbahn und ein Goldbezahnter steigt ein und will Geld. Vor der Notre Dame du Strasbourg steht auch ein Goldbezahnter und will Geld. Der Unterschied zu Berlin: Hier in Strasbourg kommen Goldbezahnte, wenn ich esse, nicht an die Terrassentische, sondern warten mit dem Geldwollen bis ich mit Essen fertig bin. Immerhin.

Als ich in eines dieser dummen Touristenboote einbuche, die die Kanäle hoch und runter schippern, habe ich Pech, denn rechts und links neben mir sitzen sehr eklige Menschen. Die Frau halbrechts von mir pult sich die Haut in Streifen von den Lippen und hört erst auf, als sie Blut an den Fingern hat. Daraufhin bearbeitet sie ihre Nagelbetten. Zieht die Hautfetzen ab. Nagt daran herum bis auch das Nagelbett am rechten Daumen blutet. Halblinks neben mir stehen die Dinge nicht besser. Eine dürre faltige cockneyquäkende Oma befreit ihre gelb-grauen adrigen Füße mit den rissigen gelblichen Nägeln von ihren durchgelatschten Trekkingsandalen und platziert sie an der Lehne ihres Vordermanns. Ich suche einen Platz, an dem ich kotzen kann und finde keinen. Über die Reling zu reihern verwerfe ich, weil ich kein YouTube-Hit werden möchte.

Die Briten haben heute die lautesten Kinder. Es ist eine Gruppe, die lauter ist als der Kommentar meines Guides im Kopfhörer, der mir Wissen über die Architektur Strasbourgs vermitteln möchte, das ich sowieso zehn Minuten nach der Bootsfahrt vergessen haben werde.

Das dumme Touristenboot, auf dem sich zwei eitle französische Gecks mit ihren Operettenuniformen als Bootsführer von dicklichen Blümchenkleidträgerinnen bewundern lassen, fährt an dem feudalen Prachtbau des EU-Parlaments vorbei. Die Kommentare um mich herum sind in verschiedenen Sprachen vernichtend. Englisch. Französisch. Deutsch. Die teuren Bürokratieschranzen, die über uns eine gläserne Brücke über das Wasser von einer feudalen EU-Residenz zur anderen überqueren, ahnen davon nichts. Sie halten sich vermutlich für ein Geschenk an die Welt.

Strasbourg ist eine schöne Stadt. Eine junge Stadt. Eine entspannte Stadt. Zumindest ist das in der Innenstadt so. Mit der Straßenbahn fahre ich gegen Abend in den Vorort, in den ich einquartiert wurde, um Geld zu sparen. Gruppen junger Typen mit Hoodies hängen zwischen Neubauschluchten herum. Ich schaue nach brennenden Mülltonnen, doch die sind nur ein Klischee. Die meisten Frauen hier tragen Kopftuch und eilen vor Sonnenuntergang nach Hause.

Strasbourg hat seit 1994 ein komplettes, ausgezeichnet funktionierendes Straßenbahnnetz aus dem Boden gestampft. Berlin brauchte für die lausigen zwei Kilometer Invalidenstraße, auf dem jetzt endlich die M10 von der Eberswalder Straße her fahren kann, zwei Jahrzehnte. Was können die was wir nicht können?

Ich bewohne ein billiges Apartment, in das ich mich selbst mit einem Code einchecke. Es ist kein Mensch zu sehen. Ich finde das gut, denn ich mag Menschen nicht. Hier in meiner Banlieue kann ich nichts kaufen. Nicht mal Bier. Der einzige Laden in Fußweite ist ein Bäcker und hat schon längst zu. Es gibt nicht einmal eine Tankstelle. Und darum ist alles was ich im Zimmer habe eine abgestandene Flasche Wasser und krümelige Kekse, die feucht geworden sind.

In den Eingangsbereich meines seelenlosen Apartmentkomplexes hat einer gepisst. Allerdings hinter der codegesicherten Eingangstür. Nicht davor. Insofern ein Insiderjob. Vermutlich einer, der nicht zufrieden mit den Umständen hier war. Oder einer, der mit einer direkten Aktion auf die mangelnde soziale Kontrolle in solchen Blöcken aufmerksam machen will. Oder es hat einfach nicht mehr bis zum Klo gereicht.

In dem Apartment neben mir spielt einer Saxophon bis Mitternacht. Ich möchte ihm das Saxophon gerne tief in den Arsch stecken und Buttersäure hinterher kippen. Stattdessen klopfe ich gegen die Wand und der Musikant verstummt.

Schlecht gegessen: Eine üble Merguezwurst mit Ketchup in einem Baguette an einer Ecke, an der außer mir keiner essen wollte. Gut gegessen: Au Brasseur. Flammkuchen, Unmengen Käse und viel selbstgebrautes Bier.

Das war Strasbourg. Mehr war nicht.