Zurückstresser

Life is a sexually transmitted desease
Deine Lakaien

In Berlin wachsen Sie damit auf, dass Sie mit Freundlichkeit normalerweise nicht weiterkommen. Wenn Sie hierher zuziehen, dann werden Sie diesen Fakt schmerzlich erleiden, denn Sie haben die Dinge anders gelernt. Sie sind nicht von hier, Sie denken, zivilisiertes Handeln hilft gegen die Übergriffigkeit. Und das tut sie sie auch. Nur nicht hier.

In Berlin müssen Sie dagegen halten, wenn Sie eine Situation nicht hinnehmen wollen. Sofort. Unmittelbar. Als Konter. Die Schelle direkt zurück. Sie müssen eine unerträgliche Situation eskalieren, sonst passiert überhaupt nichts. Und Sie gehen hier unter.

Nehmen wir die Smartphoneplärrer in der S-Bahn. Die Laller, die in ihr Idiotenorgan brüllen. „JAAA! HALLOOOO! JA ICH BIN JETZT IN DER S-BAHN. GREIFSWALDER STRASSE. KANN DIR NICHT SAGEN WIE LANGE ES NOCH DAUERT. JANINE! JAAAAAANINE! JETZT HÖRDOMA ZUUU!!“ Das sind sie. So sind sie. Und jeder im ganzen Wagen hat etwas davon. Und es bringt hier in der Asozialenhochburg Berlin überhaupt nichts, freundlich darum zu bitten, doch leiser zu telefonieren, denn Sie ernten im günstigsten Fall einen empörten Blick und das Fortführen des Telefonats in gleicher Lautstärke. Im ungünstigsten Fall werden Sie statt Janine angebrüllt. Möglicherweise bekommen Sie auch eine aufs Maul.

Ich habe für einen solchen Fall einen Deal mit einem guten Freund, der das auch hasst. Ich darf ihn in einer solchen Situation anrufen und laut sinnloses Zeug ins Smartphone plärren. Und er plärrt zurück. „KAAAAAAAI? JAAAAAAAAAAAA! ICH BIN JETZT PRENZLAUER ALLEE! JAAAAAAAAAA! PLANETAAAARIUM! WAT SACHSTE? NEEEE! SPRECH MA LAUTA! ICK VERSTEH DA NICH!“ Herrlich. Ich mag das. Auge um Auge. Mein Geplärre stört natürlich den Plärrer wie Hulle, weil er nichts mehr versteht, doch er kann nichts machen, denn Sie nehmen ja nur das selbe Recht in Anspruch wie er. Das Recht auf lautes Plärren in der S-Bahn. Die logische Folge ist und es läuft immer so: Der Plärrer verpisst sich. Meistens steigt er aus und plärrt auf dem Bahnsteig weiter.

Gleiches gilt für diese Blechmusik aus den Idiotenkindersmartphones dieser Stadt. Wannabegangsterpappkameraden aus dem Wedding machen das gern. Sido. Cro. Oder superkrass: Hafti. Fickischmischselba blechert bei diesen kleinen blöden Schulabbrechern in voller Lautstärke mit unerträglich pfeifenden Höhen und ohne Tiefen aus ihrem für diese Zwecke völlig untauglichen Gerät. Wenn Sie darum bitten, das Ding leiser zu machen, werden Sie ausgelacht und wenn es gut läuft, ignoriert. Reden bringt auch hier nichts und Gewalt ist verboten, sonst würde ich meine Tage damit verbringen, jeden Tag dumme kleine Smartphones mit zerbrochenem Display ganz tief in die Hälse von kuhgesichtigen Teenagern zu stecken.

Nein. Das machen wir anders. Ich habe ein vergleichweise gutes High End-Gerät mit für ein Smartphone recht guten Speakern und finde, dass sich Rammstein sehr gut eignet, um das mit Beats unterlegte Bildungskrüppelgesabbel zu übertönen. Es muss „Feuer frei“ sein, „Zerstören“ oder „Benzin“, schnell, hart und laut, nur nichts langsames wie „Donaukinder“, damit machen Sie sich nur lächerlich. Feuer frei. Setzen Sie sich neben das Idiotenkind, drehen Sie voll auf und behalten Sie dabei eine möglichst ausdruckslose Mimik während Sie Ihre E-Mails auf dem Smartphone checken. Rammstein (oder wenn Sie Ihr Kind dabei haben, gerne auch Kraftklub) schlägt jeden Hafti um Längen. Es ist einfach lauter.

Da Sie in gleicher Stufe eskalieren, kann Ihnen keiner was. Normalerweise geht das ungleiche Duett weiter bis jemand aussteigen muss, wobei ich in einer solchen Situation aus Prinzip bis zur Endstation mitfahre, zumindest wenn ich keinen Termin habe. Neulich dachte einer dieser kleinen unerzogenen Scheißer, es würde etwas bringen, wenn er mit seinen Blechbeats einfach einen Wagen weiter geht und dort die Leute nervt. Brachte leider nichts, denn ich lief mit Rammstein hinterher. Ausdruckslos und schweigend. Meine E-Mails durchblätternd. Dann stieg er aus.

Hupen. Auch so ein Ding. Der Berliner hupt wegen jedem Scheiß. Ein nicht gesetzter Blinker. MÖÖÖK! Zwei Sekunden Verzögern nach dem Umschalten auf die Grünphase. MÖÖÖK! Sie halten sich an die 30-Zone. MÖÖÖK! Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. MÖÖÖK! Zu langsam überholen, zu langsames Überqueren des Zebrastreifens, heiter bis wolkig bei leichten Schauern bei 15 bis 17 Grad. MÖÖÖK! MÖÖÖK! MÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖK!

Ich hupe jetzt mit. Wenn einer hupt, hupe ich auch. Mehrmals. Auch wenn ich gar nicht weiß worum es geht. Einfach aus Prinzip. Es wird zurück gehupt. Vom nächsten Weihnachtsgeld werde ich mir eine noch stärkere Hupe einbauen lassen, um noch lauter hupen zu können. Wenn ich von Prenzlauer Berg nach Charlottenburg fahre, habe ich, wenn ich ankomme, mindestens zehnmal gehupt, wovon ich von neun nicht einmal weiß, weswegen. MÖÖÖK! MÖÖÖÖK! Mitmachen heißt mein Mantra. Erst wenn in Berlin genauso oft gehupt wird wie in Mumbai, werde ich zufrieden sein. MÖÖÖK! Einmal hat einer hinter mir gehupt, weil nicht genug Platz war und ich einen Radfahrer nicht mit 10 cm Abstand überholen wollte wie das in Berlin alle tun. Ich fuhr rechts ran in eine Parklücke und ließ ihn überholen. Danach fuhr ich bis Weißensee hupend hinter ihm her bis er entnervt bei Rot über eine Ampel in eine Seitenstraße entkam. Nein. Ihr nicht mehr, ihr Huper. Ihr nicht mehr. Ich hupe mehr als ihr. Wäre es legal, würde ich mir ein Nebelhorn einbauen lassen, um euch und eure dumme Idiotenschüssel nebst Hupe in die nächste Brandmauer zu röhren.

Ganz schlimm finde ich den Kaffeemundgeruch von meinen Führungskräften im Borgwürfel, dem Tempel der Stille und Quell der Philanthropie. Es gibt nichts schlimmeres als Kaffeemundgeruch von Führungskräften, wenn man von ihren dummen kleinen Bommelslippern absieht. Kaffeemodder ist der Maulgünther aus der Hölle. Abgestandener Torf mockert aus dem Maul wie eine Wasserleiche im Endstadium. Oder eine vergorene Ratte im Keller, die vor Wochen an einem Giftköder draufgegangen ist. Meine Erfahrung ist: Sie können jemandem, der chronisch aus dem Hals stinkt, nicht ändern. Sie raffen es nicht. Wenn man sich tatsächlich traut, sie darauf anzusprechen, versuchen sie es ein paar Wochen mit Mundspray, doch dann lässt die Motivation nach und sie mockern wieder direkt in mein Gesicht.

Zurückstressen ist mein Gemüse. Ich halte jetzt mit Zwiebelmett dagegen. Schön mit extra Schalottenhalbmonden. Oder mit dem Fleischrestedöner direkt nach der Mittagspause. Mir kommt keiner von den Arschgeigen mit seinem Leichenmodder mehr nah, denn ich stinke aus dem Hals wie ein Bauarbeiter aus dem Arsch. Habe ich den Kaffeevergärer endlich dazu gebracht, dass er mir fernbleibt oder endlich ein Pfefferminz nach dem Kaffee nimmt, höre ich damit auf, weil aus dem Maul stinken scheiße ist.

Was gibt es noch so alles hier in Berlin? Klar: Schreiende Kinder mit üblicherweise völlig überforderten antiautoritären Elternteilen aus Prenzlauer Berg, die sich nicht durchsetzen können und kompanieweise Psychopathennachwuchs produzieren. Können Sie vergessen, dass die jemals lernen, ein Kind zu erziehen. Einem domestizierten völlig verweichlichten Biopapa beizubringen, plötzlich das Alphatier zu mimen und dem Kind Grenzen zu vermitteln, ist ein Vorhaben, für das Sie Jahrzehnte brauchen. Bis dahin ist der kleine Scheißer erwachsen und zieht schon längst lebendigen Mäusen die Haut vom Körper ab und dreht den Rest für seinen Brotaufstrich durch den Fleischwolf. Und mein ständiger erster Impuls, das fremde Balg, das im Café schreiend zwischen den Tischen umher rennt, einfach an seiner Unterhose an den nächsten Garderobenhaken zu hängen, fällt auch aus. Das gibt wieder nur Ärger mit der Polizei. Anzeige. Körperverletzung. Kindertherapeut. Und Sozialstunden in einem Fair Trade-Schnöselmüttercafé. Bringt nix.

Ich erlaube meinem Kind in einer solchen Situation, eskalierend dagegen zu stressen. Mein Kind ist sehr cool, kennt diese Situationen inzwischen und hasst sie. Ein Biokind brüllt sinnlos im Café umher ohne dass wieder irgendwer irgendetwas unternimmt? Meines stellt sich direkt neben den Brüllaffen und brüllt lauter. Wälzt sich auf dem Boden, wenn das nichts bringt. Springt. Dreht sich. Rastet komplett aus. Meistens ist dann Ruhe. Grabesruhe sogar. Dann schlagen wir ein und es gibt ein Eis. Okay, wenn das Jugendamt erfährt was ich da mache, war es das mit meinem Sorgerecht, aber das ist es wert. War die Performance gut und das Ergebnis zufriedenstellend, gibt es zum Vanilleeis noch Marshmellows als Topping. Doch doch, das muss so sein. Prenzlauer Berg-Pesteltern brauchen die harte Tour. Denn sie können es nicht.

So. Ich denke, die Dinge sind klar geworden. Wenn Sie in dieser Stadt wohnen, müssen Sie dagegen halten. Wie bei der Geschichte mit dem Drehstuhl über mir, der mich jede Nacht wach bleiben ließ. Bum Bum. Immer wieder. Boller Boller. Reden half nichts. Monatelang nicht. Es half am Ende nur DMX.

DMX ist eine Hip Hop Combo.

Mit sehr viel Bass.

Ich habe sehr gute Boxen.

Die mit der Membran zur Wand vermutlich Ziegel zersplittern lassen können.

Nach drei Tagen stand die Drehstuhleule vor der Tür und bat um Friedensverhandlungen.

Der Frieden hält bis heute. Viele Jahre schon. Nicht das Reden, sondern das Tun haben ihn bewirkt.

So ist Berlin. Mit Freundlichkeit kommen Sie hier, zumindest in den Innenstadtbezirken, nicht weiter, weil hier inzwischen nur noch Sozialkrüppel wohnen. Die verstehen keine andere Sprache. Und können Sie sich vom Naturell her nicht durchsetzen, werden Sie hier untergehen. Ziehen Sie besser gleich zurück nach Tübingen. Marburg. Münster. Irgendwohin, wo nette Menschen wohnen, die mit ihrem Umfeld kooperieren. Nicht nach Berlin. Kommen Sie nicht nach Berlin. Ich meine es nur gut.