Das Supermaul

Wenn ich etwas hasse, dann ist es hirnloses Gesabbel. Leider findet es überall um mich herum statt. Manchmal denke ich, die Einwohner Berlins heben sich ihre täglichen 20.000 Wörter genau für den Moment auf, an dem ich in ihrer Nähe bin, um mich fertig zu machen, mich wund zu quasseln, ins Grab zu sabbeln. Mit Nichtigkeiten. Unfassbaren Banalitäten. Containerweise Informationsmüll. Flutwellen voller Buchstabenballast.

Und wenn ich für etwas überhaupt kein Verständnis habe, ist es für Menschen, die frühmorgens um halb sieben die S-Bahn mit unkontrolliertem Verbalunrat kontaminieren, wenn ich vor einer halben Stunde noch im Bett lag und jetzt noch voller Zuversicht unterwegs in den Borgwürfel, der Oase meiner seelischen Erfüllung und dem Wundertonikum von Arbeitsplatz, bin. Doch nein. Da steht sie und ich denke, dass ich albträume, da steht sie wie ein grellbunter Clown angemalt mitten im Wagen herum, eine üppige Matrone voller Klunker, hat um sich einen Pulk Satelliten versammelt und erbricht ohne Pausen eruptive Wortschwälle in den Raum. Um halb sieben. Röhrend. Krakeelend. Lauter als die Musik in meinem Ohr. Die mal wieder Metallica ist. Kill em all.

Diese Frau hat ihr Tageskontingent an Wörtern bereits an der dritten Station aufgebraucht und sabbelt trotzdem weiter, weil sie das Kontingent verdoppeln möchte, den Quasselhighscore knacken will, auch den letzten Penner, der stinkend seit Tagen da hinten im hinteren Abteil um den Ring fährt, aus dem Wagen röhren wird. Doch ich gebe nicht so leicht auf und fahre Gegenwehr. Ich mache einfach meine Musik lauter, Metallica, Kill em all, was ich aus irgendwelchen sinnlosen Rücksichtsgründen, die in Berlin sowieso keiner goutiert, in der S-Bahn leise gestellt habe, um die Menschen nicht zu stören, die es nicht stört, wenn sie mich stören.

Doch es wirkt nicht, sie plappert viel lauter als Metallica und es sind auch noch hirntötende Nichtigkeiten aus der Smalltalkhölle. Themen wie aus unserem Fahrstuhl, der Zentrale des hirntötenden Smalltalkmülls. Natürlich geht es um das Wetter. Es soll wieder kälter werden. Und dann wieder wärmer. Oder erst wärmer. Und dann wieder kälter. Ich habe einen Knoten im Hirn. Mir die Synapsen verspult. Informationsoverkill. Es wäre ja im Moment zu bewölkt für sie. Sie braucht ja immer viel Sonne. Sie ist ein Sonnenkind. Hahaha. Denn die Mama hat immer gesagt „Kind! Wende dein Gesicht immer der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.“ Ahahaha. Blep Blep. Mir läuft Hirnmasse zum Ohr raus und ich beiße in die Haltestange, doch sie hört nicht auf mit ihrem nutzlosen Informationabfall. Ihr Papa war ja ein Regenkind. Immer missmutig, wahrscheinlich vom Arbeiten. Im Büro. Jetzt arbeitet sie auch in einem Büro. Oh irony. Ruft sie. Und Ahahaha. Danach fügt sie an, dass ihr Büro klimatisiert ist. Das hatte Papa noch nicht, damals in Delmenhorst. In einer Versicherung war der. Das wär ja nicht ihr Ding. Da ist die Kanzlei schon besser. Nur nette junge Kerle. Wieder Ahahaha. Die gute Seele, die sie ist. Alle Jungs brauchen eine gute Seele. Hinter jedem starken Mann steht … na wer? Sie blickt wissend in die Runde. Mein Hirn fühlt sich an als würde es mir gleich durch das Ohr auf die Schulter laufen und den Anzug versauen. Ich bin weichgekocht. Wundgetratscht. Komabesabbbelt. Frühmorgens schon. Ich weiß genau warum ihr Vater missmutig war. Er hatte sie als Tochter. Wahrscheinlich hat er sich lieber erschossen als noch einen Tag länger diesem Gesabbel seiner Brut zuhören zu müssen, deren Zeugung er seit dem ersten Wort aus ihrem Mund bereut hat. Ich muss hier raus. Nächste Station ist es soweit. Ostkreuz. Übergang zur S-Bahn Richtung Friedrichstraße. Ich muss raus. Doch sie steigt auch aus und plappert im Gehen weiter. Hinter mir her. Mein Hirn versetzt sich in einen gasförmigen Zustand und schwebt Richtung Deckenneonlicht. Ich flüchte die Treppe neben dem LeCrobag runter zu meinem Anschluss. Ganz entfernt höre ich sie noch. Sie redet von der Anzahl der Sonnenstunden. Sonne sei ihr wichtig. Sie sei ja Sonnenkind.