Der potthässliche Alexanderplatz

Berlin ist die Hauptstadt der Versager. Der Berliner Senat versagt beim Wohnungsbau, die Berliner S-Bahn versagt beim Öffentlichen Nahverkehr und der Berliner Alexanderplatz steht dem in städtebaulicher Hinsicht kein Stück nach.

Be Berlin – Be Fail.

Nur deshalb ist es so, dass der Alexanderplatz optisch so etwas wie der Jason Voorhees von Berlin ist – vernarbt und potthässlich. Der Unterschied zu Jason Vorhees ist: Der Alexanderplatz hat keinen Charme – wegen seiner nicht nur optischen Widerwärtigkeit.

Wir haben früher die auswärtigen Gäste des Borgwürfels, meines international anerkannten besten und beliebtesten Arbeitsplatzes der Welt, auf den jeder Arbeitnehmer von Burkina Faso bis Grosny neidisch ist, immer im Park Inn am Alexanderplatz einquartiert. Großstadtillusion. Der Fernsehturm. Knotenpunkt. Urban Urban Urban. Aussicht. Lage Lage Lage. Hier funkt Berlin.

Machen wir nicht mehr. Order von oben. Wir zahlen lieber mehr pro Nacht und lassen unsere Gäste am Kurfürstendamm übernachten. Oder an der Friedrichstraße. Gendarmenmarkt wenn es sein muss. Gerne inzwischen auch in Kreuzberg. Nur nicht am Alexanderplatz. Wegen der Assis. Nicht wegen derjenigen tagsüber. Gegen die internationalen Bettelhorden, die früh ausschwärmen und den Alexanderplatz bis zum Einbruch der Dunkelheit mit der Akribie einer Fertigungsanlage durchkämmen, können sich gestandene Kerle aus Übersee selbst gut genug wehren und die meisten kennen das sowieso von Zuhause, kein Ding. Auch die verstrahlten Touristen, die glauben, am Alexanderplatz außer dem Fernsehturm irgendetwas sehenwürdigkeitsmäßig Relevantes zu finden und über den Platz irren wie verloren gegangene Maulwürfe, sind zwar viele, aber harmlos. Ich schicke die immer mit der U5 nach Hellersdorf, wenn die mich nach dem Weg zum Brandenburger Tor fragen. Und die ganzen Reisebusse voller selfiestickbewehrten Chinesen haken wir in Berlin unter Klamauk ab. Die glauben alle, hier gäbe es etwas zu sehen. Gibt es aber nicht.

Nein. Wir quartieren niemanden aus Frankfurt, Tokio oder London mehr im Park Inn ein und es liegt nicht am Hotel, sondern nur an den abartigen Gestalten, die davor nachts rumhängen. Dort am Brunnen des Grauens, dem hässlichsten Brunnen der Welt, gammeln sie rum und halten jedem selig träumenden Idealisten, der selbst 2019 noch an eine bessere Welt glaubt, den in Scherben gegangenen Spiegel vor. Fliegende Glasflaschen. Gruppen krakeelender ungebildeter kleiner Wichser, saufend, doch nichts vertragend, sechs, sieben Blutoothboxen am Brüllen, Aggression wabert in der Luft, Testosteron quillt aus den Ohren, Schubsereien, Rangeleien und immer mal wieder ein Messer. Dieser zentrale Platz der Stadt wird nachts in Beschlag genommen von welchen, die nicht wissen wo sie sonst hingehen sollen, weil es entweder am Taschengeld für den Club fehlt oder hackedicht Leute anpöbeln einfach viel mehr Spaß macht, weil genau das endlich mal ein Stück Macht bedeutet, wenn auch nur gegenüber denen, die ihre Kinder, mit denen sie an diesem Knotenpunkt zur U2 so spät noch umsteigen müssen, schnell weiterziehen, weil der ganze Grind, die Asozialen, die Irren, Gestrandeten, Kranken, die Scherben, der Müll, die Kotze, die immer gegenwärtige Gewalt niemanden interessiert, der hier Verantwortung trägt, nicht einmal die traurige kleine Polizeiwache, die der Senat, weil es dann doch mal ein paar kritische Presseartikel gegeben hat, aus Alibigründen auf dem Platz eingerichtet hat und die das Problem nur in die Passage zur Liebknechtstraße oder rüber hinter das Cubix Richtung Rotes Rathaus verschoben hat, was auch wieder niemanden interessiert, weil hier Probleme immer nur woanders hingeschoben werden, anstatt sie zu lösen. Dass der Bürgermeister der Stadt dem Zustand in Sichtweise seines Dienstsitzes desinteressiert laufen lässt, ist als Bild so symptomatisch für meine Stadt. Wir nehmen alles hin. Wir akzeptieren jeden Zustand. Und haben Verständnis für wirklich alles.

Nein. Wir bringen am Alexanderplatz keine auswärtigen Gäste mehr unter. Ein grässlicher Ort wie dieser fällt immer auch auf den Gastgeber zurück, der die Buchung für die Übernachtung veranlasst hat. Den ziehen wir uns nicht an. Den Schuh. Sagt die Geschäftsleitung. Und ich kann nicht einmal behaupten, dass das wie sonst alles andere eine schlechte Entscheidung ist.

Ein architektonisch versauter und hässlicher Ort wie dieser zieht eben immer auch hässliche Menschen an. Es ist kaum zu glauben, wie viele Banausen sich bisher an ihm abgearbeitet und ihn geschleift haben: Nach der weltkriegsbedingten Einebnung haben ihn Stalin, Honecker und alle möglichen nachfolgenden Berliner Senate in ihren verschiedenen Versagerfarben möglichst architektonisch widerwärtig wieder aufgebaut. Nur leider kriegt ihn keiner so richtig tot, den Alexanderplatz. Er ist immer noch der Hauptknotenpunkt in Berlin, immer noch voller Menschen, was aber nur daran liegt, dass sich hier gleich drei U-Bahn-Linien, die S-Bahn und die Regionalzüge sich hier kreuzen. Und an den Shoppingbunkern. Sonst gibt es keinen Grund, hier zu sein.

Was haben sie ihm alles angetan – Nach den Bomben wüteten sie mit sozialistischer Platte in Richtung Osten so weit das Auge reicht – eine Trostlosigkeit, die nicht einmal in Tirana, Bukarest und Novosibirsk ihr Pendant findet – und ließ dafür ein historisches Gebäude wie das Berolinahaus einfach jahrelang verwittern. Nach der Wende kleideten sie das Zentrum-Warenhaus aka Galeria Kaufhof in ein wuchtiges sandsteinfarbenes Gewand, völlig gesichtslos, zu dessen architektonisch-klobigen Uninspiriertheit sie sich offenbar genau diese fürchterlichen Plattenbauten zum Vorbild genommen haben. Auch wenn sie als einzigen Unterschied gerne mit teurem Material protzen, sehr viel schöner als vorher sieht das nicht aus.

Dann haben sie, weil es in Berlin immer noch eine Schippe hässlicher sein muss, ein bonbonfarbendes unförmiges Monstershoppingcenter namens Alexa gebaut, das aussieht wie ein mutierter Römertopf und das konsequenterweise nicht barrierefrei, beispielsweise über einen U-Bahn-Tunnel oder einen Übergang, zu erreichen ist, sondern über eine Ampel, deren Überquerung nur kollisionsfrei hinbekommt, wer im Skislalom geübt ist und so den entgegenkommenden Massen geschickt ausweichen kann.

Ja, und dann fehlt eigentlich nur noch einer dieser gesichts-, identitäts- und einfallslosen Glas-Beton-Bunker, die sie mittlerweile überall in Berlin wahllos in die Gegend gebären.

Weit gefehlt, denn sowas fehlt natürlich nicht: Solch einen Klotz hat nämlich der Saturn schon längst auf den Platz gekotzt und zwar genau an die Stelle, die den größtmöglichen städtebaulichen Kontrast zum Berolina-Haus, zum immer noch ostigen Park Inn-Hotel und zum bonbonfarbenen Römertopfmonster herstellt, im Ergebnis ein ästhetisches Quattro Infernale, stilmäßig wahlweise Brech- oder Abführmittel.

Der ebenso armselige realsozialistische Brunnen des Grauens als folgerichtige Asozialensammelstelle, der wie ein rostiges Geschwür aus dem Bauch des Platzes wuchert, setzt dem ganzen Trauerspiel nur noch die oxidierte Krone auf. Ich kann neben dem historisch wertvollen Berolina-Haus eigentlich nur ein Gebäude am Alex gut finden und das ist das Wahrzeichen, der überdimensionale Riesenfernsehersatzpenis, das mit Abstand beste Gebäude, das der Sozialismus je zustande gebracht hat.

So haben sie es geschafft, die Dilettanten der vielen letzten Jahrzehnte, dem Platz im Äußeren ein willkürlich zusammengewürfeltes, völlig uneinheitliches und damit charakterloses Aussehen zu geben, das in seiner stümperhaften Zusammenstellung ganz furchtbar armselig wirkt und damit natürlich genau das passende Publikum anzieht, das ihn jetzt endgültig reputationsmäßig in den Boden rockt, in dem es den öffentlichen Raum genau an den Wegen derjenigen in Beschlag nimmt, die ihn nicht umfahren, sondern immer noch nachts hier umsteigen, weil sie es nicht hinnehmen, dass ihnen der öffentliche Raum genommen wird oder ihnen wie alles hier in der Stadt egal geworden ist.

So, mein lieber Alexanderplatz, so bist du. Du bist Jason Vorhees. Du bist Berlin. Du stinkst, bist hässlich und die Leute, die dich bevölkern, sind genau die, die du verdienst. Ich will da auch nicht hin. Zu dir. Warum auch? Du hast nichts, das ich will. Lieber fahre ich weiter. Oder außenrum. Zum Zoo. Nach Steglitz. Oder von mir auch nach Köln oder auf den Kometen Hyakutake. Alles. Nur nicht zu dir.