Gedankensudelei 04/19

Oh, pfui Henker, es hängen wieder diese widerlichen Menschen auf Plakaten in den Straßen herum und grinsen gephotoshoppt auf mich herunter. Eklig. Sind wieder irgendwo Wahlen? Egal, ich bin nicht die Zielgruppe. Denn ich wähle die nicht.

Mit einem etwas lang gewordenen Bart um den Mund ein fingerdickes Nutellabrot zu essen ist keine gute Idee. Ich habe noch Stunden später Nutella mit der Zunge aus den Tiefen der Barthaare gepolkt.

Bei uns umme Ecke im Block hat ein neues Café aufgemacht. Ich bereue den Testbesuch zutiefst. Seitdem hält der Besitzer mich für seinen besten Kumpel, fängt mich jeden dritten Tag beim Vorbeilaufen nach Feierabend ab und fragt mich, wann ich mal wieder zu ihm essen komme. Ein Stresser. Brachialwerber. Klette. Ein Nervsack. Ich werde nie wieder bei ihm essen gehen und werde auch nicht schreiben, welches Lokal es ist, damit keiner auf die Idee kommt, da essen zu gehen. Ich hoffe, er macht bald zu und nie wieder in meiner Nähe auf.

Ich habe eine frühere Bekannte von mir im Internet gefunden. Sie ist jetzt Fettaktivistin in dieser gruseligen Berliner Feministinnenblase voller Unsympathinnen und twittert ihren Sermon ins Internet als hinge ihr Leben davon ab. Fettaktivistin heißt, dass sie Geld für den Umstand haben möchte, dass sie dick ist, das gut findet und diese ungemein wertvolle Information auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen in die Welt trötet. Sie bietet Workshops an. Lesungen. Seelenstreicheln für gelangweilte dicke Prenzlauer Berg-Mütter mit zu viel Geld. Sie surft also gar nicht mal unclever auf dieser verwöhnten postmodernen Erste-Welt-Identitätsgejammer-Luxusproblemwelle und sie hat gerade erst damit angefangen. Es kann nicht lange dauern und der Berliner Senat wird sie mit honorarbewehrten Fortbildungs- und Vortragsaufträgen über Fatactivism against Fatshaming zuschütten, auf dass auch sie endlich ein bequemes Auskommen auf Basis meiner 50-bis-60-Stunden-pro-Woche-Bürohölle-Einkommenssteuer hat.

Was jetzt noch nach diesen ganzen bis hoch zum Zäpfchen alimentierten Gender-, Trans-, Fat- und Racismsactivists in dieser wundgescheuerten Stadt, die offenbar immer noch zu viel Geld hat, fehlt, sind Ableismactivists. Gibt es. Ableismus. Von Able = zu etwas in der Lage sein. Ableismus = Das Verletzen des Seelchens von jemandem, der etwas nicht kann, was ich kann. Wenn ich also als Laufsportler auf dem Bürgersteig jemanden im Rollstuhl überhole, ist das ganz klar Ableismus und somit diskriminierend. Weil ich was kann was der nicht kann = Laufsport. Ich fordere Bundeshilfen für Aktivisten, die mich und alle anderen beschimpfen und verlangen, dass ich mit dem Laufsport aufhören soll, so dass ich andere nicht mehr mittels Laufsport diskriminieren kann. Und wenn ich dann, wenn ich keinen Sport mehr betreibe, fett werde, kann ich für 20 Euro eine Lesung meiner dicken hässlichen rothaarigen ehemaligen Bekannten besuchen, auf der ich dann mit allen anderen Berufsopfern bei veganen Schnittchen und Yogitee in der Gegend herumheule, dass C&A mich so furchtbar diskriminiert, weil sie kein Tanktop in Zeltplanensupersize extra für mich anbieten.

Hurra. Berlin ist wieder ganz Berlin: Jemand hat seinen Scheißköter einen dicken fetten weichen Scheißhaufen direkt vor meine Haustüre kacken lassen. Man hört immer von Hundehaltern, die die Schnauze ihres Hundes zu Erziehungszwecken in den Haufen drücken, wenn dieser statt draußen in die Wohnung gekackt wurde. Ich möchte genau das mit dem Hundehalter machen, der seinen Flohzirkus dieses außergewöhnlich dicke dampfende Kotwerk nicht einmal einen halben Meter vor meine Haustüre hat scheißen lassen. Eine Minute möchte ich sein Gesicht da reindrücken. Zwei Minuten. Drei. Bis er den Haufen vor Verzweiflung frisst.

In der S-Bahn. *Knips*. „Haben Sie mich gerade fotografiert?“ „Ja.“ „Warum?“ „Ich mache einen Fotoblog über Leute in der S-Bahn.“ „Sollten Sie mich dann nicht vorher fragen, ob Sie das dürfen?“ Mit aufgesetztem Seufzen: „Darf ich?“ „Nein, dürfen Sie nicht.“

Bleiben wir beim öffentlichen Nahverkehr. Die tolle Berliner S-Bahn hat einen Schienenersatzverkehr auf der Ringbahn zwischen Gesundbrunnen und Landsberger Allee eingerichtet. Natürlich funktioniert der nicht. Hier ist Berlin. Hier funktioniert nie etwas. Sie haben eine Busspur eingerichtet, die entweder unsanktioniert zugeparkt ist oder auf der Berlins gestörte Radfahrer in Zweierreihen ebenso unsanktioniert im Schritttempo vor sich hingurken. Also zuppelt der Bus in minimalster Geschwindigkeit die Grellstraße entlang. Und sowieso gibt es zu wenige Busse für zu viele Menschen, wegen denen sich die Türen nicht schließen können. Die S-Bahn ist die S-Bahn, deshalb ist alles was sie machen scheiße. Die Wegweiser sind scheiße, die Richtungsanzeigen sind scheiße und die Ansagen sind natürlich auch scheiße: „Bommbommdeommbrrrr drimm bom drommbomm zeckblabl hoischdoba!!!!“ Kein Ahnung, was der Busfahrer da ins Mikro furzt. Ich verstehe nicht mal als Halbdeutscher was die da erzählen, wie muss es erst den Touristen gehen. Was für Verlierer betreiben in Berlin die S-Bahn. Versiffer. Versager. Verkacker. Ein Offizier im Kaiserreich hätte sich in seiner Paradeuniform in sein Dienstzimmer zurückgezogen und sich erschossen. Weil er versagt hat. Das Gesicht verloren hat. Zu viel Scheiße auf einmal gebaut hat. Doch hier machen Dieselben einfach weiter. Immer weiter. Jahrzehnte weiter.

Oha. Ich habe ein Werbeplakat gesehen:

Haha. Der Knaller. Demnächst kommt noch einer und will das Image von Margot Honecker verbessern.

Ende März bin ich bei einem Acoustic-Konzert von Deine Lakaien gewesen. Mit mir anwesend waren auch viele Leute mit Smartphones. Eine sehr dumme Eule filmte jede fünf Minuten einen Eine-Minute-Clip zusammen, der nächste fotografierte mit Blitz, ein anderer schrieb Nachrichten auf dem leuchtenden Display, ein anderer sortierte die Bilder, die er gerade vom Konzert gemacht hatte. 58 Euro habe ich für einen Balkon voller dämlicher Pestbeulen gezahlt, die ihre Scheißgriffel nicht einmal drei Stunden von dem schmierigen Ding lassen können. Die Idiotenkrone bekam jedoch die biersaufende Gruppe aus vier Vollspasten vor mir, aus der vor lauter Biersaufen immer einer jede Viertelstunde aufstand und türknallend aufs Klo ging. Alexander Veljanow meinte vermutlich meinen Balkon, als er darum bat, der Konzentration wegen nicht während der Songs die Türen zu öffnen, eine freundliche Bitte, die mein Balkon ignoriert hat. Blep Blep. Früher war mehr Atmosphäre. Nicht nur bei Acoustic.

Noch ein Konzert im April: The BossHoss und Seasick Steve in der Max-Schmeling-Halle. Was ich nicht verstehe: Der Laden ist voll, lassen Sie es 10.000 Leute gewesen sein, und das Mobilfunknetz geht völlig in die Knie. Und ich habe nicht diesen Abkackerprovider O2, sondern einen vorgeblich guten. Nix ging. Kein Messenger. Kein Bild rausgekriegt. Offline. Deutschland 2019. Immer noch ein netzpolitisches Entwicklungsland. Ich war letztes Jahr in Tiraspol. Das ist die Hauptstadt eines separatistisches Zwergstaates, der sich von einem kleinen bettelarmen europäischen Staat namens Moldawien losgesagt hat, der jedoch abgesehen von anderen seperatistischen Zwergstaaten wie Abchasien und Berg-Karabach von niemandem anerkannt wird und relativ isoliert ist. Ein Armenhaus. Sie haben dort einen Fußballverein namens FC Sheriff Tiraspol, der vor 13.000 Zuschauern spielt. Es gab kein Netzproblem. In dieser bettelarmen abtrünnigen Region des bettelarmen Staates Moldawien. Vielleicht schicken die ja mal Entwicklungshelfer zu uns. Um uns zu zeigen wie es geht.

PeterLicht im Festsaal Kreuzberg gesehen. Bei dem war ich zuletzt 2016. Ich weiß nicht, seit wann ich nichts mehr mit diesen verzückt dreinschauen superintellektuellen hyperironischen Studentinnengesichtern anfangen kann. 2017. 2018 spätestens. Da wurde ich müde. Überdrüssig. Diese Blase ist so sehr in den seligen 90ern hängen geblieben, dass es schmerzt. Zuhause hören die sicherlich immer noch gerne „Kling Klang“ vom One-Hit-Wonder Keimzeit. Wenn ich sie 2019 immer noch so sehe, dann ich denke ich nur, dass sie mir so fremd geworden sind. So entrückt. Ein Raumschiff ohne Realitätenkontakt.

Vorletzten Sonntag im gutbürgerlichen Friedenau gewesen, um bei Lula am Markt einen furztrockenen Mohnkuchen zu essen. An einer grünen Fußgängerampel habe ich geübt nach links geschaut und wollte einem Radfahrer über seine rote Ampel den Vortritt lassen wie ich es aus Prenzlauer Berg kenne. Damit er mich nicht über den Haufen fährt. Doch er wollte nicht. Er wollte bei Rot warten und mir mein Grün gewähren. Was ist mit dem los, dachte ich zunächst. Dann realisiert: Ich bin vergiftet. Prenzlauer Berg macht krank.

Lula da in Friedenau hat gutes Brot. Der Kuchen ist crap, aber das Brot wirklich gut.

Ex-Promi-Alert: Sascha Lobo in der Stargarder Straße vor Hokey Pokey gesehen. Schreibt der noch? Und liest das noch wer? Egal. Viel wichtiger: Dick ist er geworden. Und der Iro ist jetzt rostbraun. Er sieht verlebt aus, der Lobo. Schwammig. Müde. Mache mir Sorgen.

Im April festgestellt: Sie haben Emils Biergarten oben in Pankow in die ewigen Jagdgründe gentrifiziert. Hurensöhne. Hoffentlich bomben die Alliierten euren Investorenneubau im nächsten Krieg zu Schutt. Mit euch drin.

Zuvorletzt Statistisches. Mit sensationellen 19 Klicks, davon bestimmt wieder die Hälfte von meinen besoffenen Kumpels, wurde das Ding über die Gestalten vom Kollwitzplatz in den letzten Wochen am meisten gelesen. Ja, die haben alle gut lachen, die Kumpels, denn die sind schon vor Jahren hier weggezogen, nach Reinickendorf, Wedding, Hellersdorf oder gleich nach Brandenburg, nur ich wohn‘ hier immer noch und muss zurechtkommen mit diesen ganzen Ökolackaffen.

So. Ich werde auch bald so dick wie Sascha Lobo, wenn ich so weiter mache. Denn ich aß an Orten wie folgt:

7 Dumplings, asiatisch, Prenzlauer Berg: Yo. Geht so. Der Zenit der Chinamaultaschen ist auch langsam vorbei. Wer jetzt noch aufmacht, packt es vermutlich nicht mehr, dürfte nicht lange durchhalten. Die Dumplings hier sind bis auf die Rindvariante recht fad und zu teuer ist es auch noch. 2 Personen 29 Euro und nicht satt. Es bleibt dabei: Dumplings nur beim Platzhirschen in der Dunckerstrase.

Yumcha Heroes Manufaktur, asiatisch, Prenzlauer Berg: Das sind die Dumplings. Vom Platzhirschen in der Dunckerstraße. Nicht so irrwitzig teuer wie bei seinem Ableger in Mitte. Dafür genauso gut. Details hier.

Las Olas, spanisch, Mitte: Ein Laden wie Berlin. Zu voll. Der Service brach an meinem Abend bei halbvollem Lokal völlig zusammen. Vertauschte Gerichte, am Eingang vergessene Gäste, ewiges Warten auf das Bezahlen und keiner räumt die Teller weg. Natürlich ist das nicht die Schuld der Angestellten. Die waren kurz vor dem Burnout. Zu wenige Leute, zu viele Tasks. Und der Raum ist völlig überheizt. Macht keinen Spaß hier zu sein. Wie grässlich muss es erst sein, hier zu arbeiten. 3 Personen, 90 Euro. Wenn Sie das hier unbedingt machen wollen, dann lassen Sie die Finger von den frittierten Calamari und den frittierten Sardellen. Alles schlecht frittiert, nicht abgetropft, das Zeug schwimmt im Öl. Fettiger ist nur die Paella. Null Safran, null Pfeffer, dafür Öl. Und zwei Tage Magendruck. Zu brackig die Gemengelage. Da helfen auch zwölf Zitronenschnitze nicht mehr.

Superfran, vegan, Prenzlauer Berg: Auf Empfehlung hier gewesen. Vegan und raw. Furchtbar. Der vegan-rawe Flammkuchen besteht aus einem keksigen bröseligen Boden, der nach Erde schmeckt und auf den wahllos Avocado, irgendwelche Körner und natürlich der unvermeidliche Rucola geworfen wurden. Furchtbar.

Funkturm-Restaurant, Westend: Hier halten sie immer noch Hof, die alten klunkerbehangenen Günther-Pfitzmann-Fanclub-Westberlin-Omas, die das Erbe des schon in den 80ern verstorbenen Mannes verfuttern. Ich dachte, die wären auch alle schon tot, aber nein, hier treffen sie sich und essen maximal okayes, aber nicht unbedingt sensationelles Essen. Trockener Braten, langweiliger Fisch, allein die Vorspeisen überzeugen. Aber Buffetessen ist schon cool. Ich habe so viel gefressen, dass ich am nächsten Tag beim Scheißen das Klo verstopft habe und zwar beim Zwischenspülen vor dem Klopapier. Eine irre Menge. Ich wusste gar nicht, dass so viel Nahrung in meinen Bauch passt. Und die Aussicht auf meine knuffige verkeimte Stadt, die wenigstens von hier oben nicht grottig und verdreckt aussieht, reißt es raus. Und der Service. Die jungen Frauen aus vermutlich sechs verschiedenen Ländern sind bemüht, kennen sich aber mit Wein null aus. Fragen Sie hierzu die Chefin. Billig ist es nicht. 3 Personen, 140 Euro.

Pasta & Vino, italienisch, Prenzlauer Berg: Esse ich denn auch mal gut? Ja. Hier. Das Beste in letzter Zeit.

Schmidt Z & Co, gehoben, Steglitz: Empfohlen von denen da. Es ist der Laden von Ralf Zacherl (der, der aus der Nase spricht). 6 Gänge mit Weinbegleitung und 3 Weinflaschen auf die Hand. 2 Personen 260 Euro. Nicht schlecht. Das von sensationell guten Weinen begleitete Menu beginnt etwas zu profan mit Karotte und Jaobsmuschel, steigert sich aber kontunierlich über Hühnerconsommé (die sie hier Brühe nennen, was ihr nicht gerecht wird), Wachtel, Kalb bis zu einem Dessertfeuerwerk. Danke. Nur bitte: Nicht duzen. Bitte nicht duzen. Ihr seid nicht Ikea.

So. Mehr war nicht.