Eisenach / 2019

Kurz vor Eisenach begrüßt mich der erste Eisenacher. Er fährt mit seinem Auto dicht auf. Ich fahre schon 20 km/h schneller als zulässig, aber das ist egal. Er kriecht in meinen Kofferraum. Mir begegnet das oft, wenn ich in Deutschlands Osten unterwegs bin. Liegt vermutlich am Berliner Kennzeichen. Dem muss man in der Provinz zeigen, wer der Babo ist. Der Eisenacher Babo fährt zehn Minuten hinter mir her, überholt mit jaulendem Motor, um kurz darauf mit quietschenden Reifen rechts abzubiegen. Ein Prachtstück.

Ich beschließe, eine Tropfsteinhöhle zu besuchen. Diese wird von einem rot-lilagesichtigen Labersack betrieben, der mich auf seiner Führung durch seine relativ unspektakuläre Höhle politisch beeinflussen möchte, es aber nicht schafft. Die Jugend sei schlimm. Die Bergwacht hat keinen Nachwuchs, weil die Jugend schlimm ist. Der Himmel war blauer früher und die Pflaumen an den Bäumen leckerer. Schuld daran ist die schlimme Jugend. Dann erzählt er mir von dem Feuerwehrfest, das auf Tante Berthas Hof stattfindet und zu dem immer weniger Leute kommen. Vor allem keine Jugendliche. Weil die schlimm sind.

Zwischendrin weist der Höhlenschnacker mich an, die Hände aus meinen Hosentaschen zu nehmen, damit ich auf der nicht weniger unspektakulären Treppe nicht stürze und seine makellose Statistik versaue. Es ist sehr gut, dass er das macht, denn ich liebe Leute, die mich gängeln. Nein, im Ernst, ich hasse sie.

Sowieso hausen hier Schnacker allerorten. Die Frau, die mir das Frühstück bringt, klärt mich darüber auf, mit wem sie so alles, damals als sie jung war, hinten hinterm Bach bei den Datschen so alles Liebe gemacht hat. Ich will das gar nicht wissen, doch ich habe leider so ein Gesicht, das die Leute ermuntert, mir Dinge zu erzählen, nach denen ich nie verlangt habe. Viele Dinge. Private Dinge. Intime Dinge. Alle Dinge. Ich bin immer der, der alles weiß.

Wenn jemand Sie zulabert, sagen Sie einfach nichts. Denn wenn Sie etwas sagen, werden Sie noch mehr zugelabert. Wenn Sie nichts sagen, versiegt der Sprudel irgendwann. Immer viel zu spät natürlich, aber irgendwann doch.

Die Gastronomie in Eisenach hat einen fundamentalen Fehler: Sie müssen hart arbeiten, um zahlen zu dürfen. Winken, ansprechen, Hand heben, keine Chance. Keiner kommt, um abzukassieren. Ich bin Luft. Nach dem Verzehr existiere ich nicht mehr. Dann mache ich es wie die vor mir und gehe nach vorne an den Tresen, an dem ich dann endlich zahlen darf. Dort schauen sie dann wie Kühe, wenn ich das Trinkgeld nur lausig aufrunde. Das mache ich aus Prinzip. Doch das verstehen sie nicht und nehmen übel.

Einmal vergaß ein Gastronom alles das, was ich aß und trank. Ich durfte ihm die Bestellungen meines Tisches in die Feder diktieren. Allerdings weiß ich bei sowas nie, ob das ein Test oder der Vergessliche wirklich zu schusselig ist, also bin ich ehrlich und sage alles vollständig an. Ich möchte nicht als Preller dastehen.

Sonntag in Eisenach ist die Hölle. Ausgestorben ist gar kein Ausdruck. Alles dicht. Kaum Leben auf den Straßen. Selbst von den Restaurants haben nur wenige auf. Zu. Mehr zu. Eisenach. Gut gegessen habe ich trotzdem, und zwar hier. Nur seltsam still war es im Gastraum, dem man trotz zu weniger Menschen anmerkt, dass es manchmal doch ausschweifendes Leben hier gibt in Eisenach. Drei Tische nur mit Menschen. Ein lesbisches Pärchen kuschelte in der Ecke, an einem anderen Tisch schwieg sich ein Ehepaar an und aß einen Grillteller für zwei. Schweigend. Das ist Romantik. Wenn nicht purer Sex.

Es liegt eine seltsame Melancholie über der Stadt. Keine Aufgeregtheit. Keine Spinner. Ruhige Bedachtheit. Nüchternheit. Stoischer Protestantismus. Einer steht an einer Bushhaltestelle, schaut ins Nichts und raucht bedächtig. Es ist sauber. Keine Hundescheiße in den Straßen. Niemand krakeelt. Sicherlich twittert hier auch niemand. Diese Ruhe tut auf eine schöne Weise gut. Viel zu früh wird wieder Berlin sein.

An allen Orten, an denen ich trank, gab es bisher nur Augustiner Bier. Offenbar hat Augustiner die Stadt Eisenach gekauft. Das sehr gute lokale Thüringer Bier bekomme ich nur im Getränkefachhandel. Warum ist das so? Und wem bringt das was?

Es gibt eine Kiss-Coverband. Mit angemalten Gesichtern ältlicher Männer, die schon auf dem Plakat so traurig aussehen, dass man sie erst gar nicht auf der Bühne erleben mag. Das ist auf so vielen Ebenen tragisch, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.

Montagmorgen: Eine Blechkarawane fährt gen Opel. Und nachmittags vermutlich wieder zurück. Und morgen wieder von vorne.

Um Opel herum siedelt eine Armada an Putzerfischfirmen, die vermutlich alle irgendwie mit Opel zusammenhängen. Stirbt der Wal, stirbt der Putzerfisch. Denn es gibt hier gar keinen anderen Wal, zu dem sie weiterwandern könnten.

Auf dem Weg zur Wartburg betreibt eine Frau einen kleinen Stand, an dem sie Martin-Luther-Socken verkauft. Eine andere bietet Martin-Luther-Ostereier feil. Auch das finde ich tragisch. Ebenso auf mehreren Ebenen. Den Ort. Die Verkäuferin. Die Käufer. Der Wald. Socken an sich. Eisenach als solches. Zuletzt Martin Luther.

Die Herbergsmutter sagt den Satz, den alle sagen, die ich auswärts nach einer geeigneten Laufrunde frage: „Ich muss auch mal wieder was machen, aber ich komme ja zu nix, die Kinder.“ Es ist die mit schlechtem Gewissen unterlegte Rechtfertigung, die sie mir immer servieren. Ich verlange ihre Rechtfertigung gar nicht, mir ist jeder egal, der sich nicht bewegen mag, doch sie rechtfertigen sich immer von selbst. Denn ich bin der Spiegel dessen was sie machen wollen, aber nie tun.

In ihrem Bücherregal steht „50 shades of grey“. Das Standardwerk übergewichtiger alleinstehender Frauen mit präpubertärem Kind. Ich versuche mir die Bilder aus dem Kopf zu trinken.

Auf meiner Laufrunde zieht ein Mann seinen Hund zur Seite, damit der mich nicht behelligt. Das ist voll nett. Ich kenne das von Berlin anders. Da springen freilaufende Köter an mir hoch, weil sie mich entweder für Beute oder Spielkamerad halten. Das tun sie, weil ihre Halter Asoziale sind, aber trotzdem Hunde halten dürfen. In Eisenach hingegen beherrschen sie Hundehaltung. Niemand springt. Niemand jagt hinter mir her.

Als ich um das Opelwerk und seine Putzerfische herumlaufe, wird völlig klar: Stirbt Opel, stirbt Eisenach. Sonst ist hier nicht viel, das Mehrwert generiert. Die meisten Menschen fahren hier Kia. Wenn hier welche Opel fahren, sind es vermutlich Beschäftigte von Opel mit Belegschaftsrabatten. Ich kann mir keinen anderen Grund als großzügige Belegschaftsrabatte vorstellen, einen Opel zu kaufen.

Das war Eisenach. Mehr war nicht.