Brandenburger Beuteschema

Du bist genau mein Beuteschema. Sagt sie.

Tja. Sage ich. Und nippe am Scotch.

Komm mit nachher. Sagt sie. Zu mir. Kannst auch übernachten. Bei mir.

Aus dem Maul stinkt sie nach Jägermeister. Ich bin hier in Brandenburg. Irgendwo nördlich von Oranienburg in irgendeinem Nest. Hier in Brandenburg muss man schon froh sein, wenn es Jägermeister ist und nicht schlimmeres. Der Selbstgebrannte. Märkischer Landmann. Killepitsch. Oder Schierker Feuerstein.

Mein Schatten an diesem Abend ist sie. Die Jägermeisterfrau. Seit zwei Stunden klettet sie an mir. Je mehr Shots sie drin hat desto näher kommt sie. Wanzt. Lallt. Grabbelt.

Ich könnt dich knutschen. Sagt sie.

Lieber nicht. Sage ich. Sie hat ihr Kind dabei. Das den Absturz der Mutter miterleben darf. Was macht das mit Kindern, deren Elternteil sich so gehen lässt? Jede Würde ablegt? Keinen Stolz mehr zeigt. Kein Vorbild mehr ist.

Komm mit nachher. Sagt sie wieder. Ich wohne gleich da drüben. Da wo der Schornstein da ist.

Nein. Sage ich.

Warum? Bist du schwul?

Ja.

Dass Schwulsein proklamieren auch nicht hilft hätte ich mir ausrechnen können. Es ist fast immer so. Derlei weckt nur noch mehr Lust. Interesse. Eifer. Der Herausforderung wegen. So ist der Mensch. Was der Mensch nicht haben kann, wird umso wertvoller als Besitz. Das kann man nutzen. Taktisch denkende Menschen schränken ihre Verfügbarkeit ein und steigern so ihren Rang bei Menschen, die vielleicht sonst nicht mit ihnen ins Bett gehen würden. Bei Frauen kommt der Bekehrungstrieb dazu, wenn Sie die Schwulennummer ziehen. Das zeckt. Das schwelt. Das reizt. Mal schauen ob er nicht vielleicht doch… ob ich ihn nicht doch …

Gegen Mitternacht wird Szenerie noch ein Stück unwürdiger als sie seit knapp drei Stunden sowieso schon ist. Komm her, du. Süßer. Ich will dich knuddeln. Komm mit. Sie macht ein Selfie mit mir. Sie sieht unfassbar dämlich darauf aus, findet es aber sehr gelungen. Dann entscheidet sie: Es müssen mehr Selfies mit uns beiden her. Selfies geben nämlich die Gelegenheit zur engen Körperlichkeit. Bizeps fühlen. Taille packen. Die Hand auf meinem Hintern.

Was arbeitetest du? Fragt sie.

Kanalbauer. Sage ich.

Sexy. Sie wieder. Keine Chance auf Abschreckung.

Ich bin schon längst die Belustigung der ganzen Party. Die Leute schauen. Grinsen. Geben Zeichen. Kriegt sie ihn mit sich? Gibt er den Widerstand auf? Hilfe ist nicht zu erwarten. Und ich muss aufpassen, dass das auf Distanz halten nicht zu grob wird. Es kann schnell Probleme mit sich bringen, wenn Frauen zu schroff zurückgewiesen werden. Heutzutage erst recht. Sowieso ist hier Brandenburg. Ich kenne nicht viele Leute an diesem Ort. Sie schon. Das hier ist kein Heimspiel. Und ich bin der Berliner.

Als sie sich schließlich von hinten auf mich wirft und ihre Zunge endlich den Weg in mein Ohr findet, rufe ich ein Taxi. Als es kommt und ich einsteige, zieht sie blank und legt sich auf die Motorhaube. Der Fahrer ist überfordert. Das hat er mit mir gemeinsam. Ich habe so etwas noch nie erlebt und war bisher der Meinung, dass ich viel, wenn nicht gar so ziemlich alles, erlebt habe. Doch das jetzt hier ist neu.

Es finden sich drei Männer, die sie von der Motorhaube pflücken und wegbringen. Hoffentlich ins Bett. Dann fährt der Taximann mich fort. Ich schaue mich um und sehe die Tochter an der Gartentüre stehen. Du wächst in Brandenburg auf, denke ich mir, und ich wünsche dir, dass du das alles hier später abschütteln kannst, geregelt bekommst. Und dann vielleicht hier weg gehst. Wie die anderen.