Die Nachbarn sind feindlich

Hilft denn eigentlich noch etwas gegen die Invasion bräsiger Biohansel und Birkenstockschlümpfe in Berlin-Prenzlauer Berg oder ist der Bezirk sozial schon derart gekippt, dass nur noch die Einführung der flächendeckenden Kehrwoche für restlos authentisches Bad-Bevensen-meets-Killesberg-Flair fehlt?

Ganz ohne Reibungen ging die umfassende soziale Wandlung meines Ortsteils die letzten zwei Jahrzehnte nicht ab: Manch Fehlgeleiteter zündete Autos und Fahrräder an, klebte böswillige Plakate gegen schwäbische Besatzer, wieder andere pissten in die im Treppenhaus abgestellten Kuhfängerkisten der 2.300-Euro-Designerfahrräder oder kippten den abgestandenen Rest aus der Bierpulle über die Motorhaube des nächstbesten Audi TT.

Und der traurige und mit der Situation völlig überforderte Restpersonalbestand aus Ostzeiten, der jetzt im Jahr 2019 alt, faltig und hässlich geworden stoisch mit seinen besitzstandswahrenden DDR-Mietverträgen die letzten noch nicht in Eigentum umgewandelten Mietwohnungen in Prenzlauer Berg blockiert, resigniert inzwischen täglich besoffen vor der allerletzten Trinkhalle im Kiez mit der Sternburg-Molle in der Hand und pöbelt vorbeigehende Passanten unflätig an. So enden die Dinge und bald schlagen wir das Buch ganz zu. Dann tragen sie den Letzten aus seiner Bude raus. Totgesoffen oder vom Seil an der Decke geschnitten. Wie den Typen bei mir vom Block nebenan. 4. Stock. Sanierung. Mieterhöhung. Räumungsklage. Anwalt. Verloren. Strick. Jetzt wohnt eine Biofamilie da drin. Mit glücklichen pausbäckigen Kindern. Die trennt den Müll. Und schreibt Zettel für die Mülltonnen, wenn jemand den Müll in die falsche der acht verschiedenfarbigen Tonnen geworfen hat.

Zu retten ist jetzt, 2019, vermutlich nichts mehr. Bleiben nur noch kleine Nadelstiche. Als Ventil. Ein wenig Aufwand, aber maximaler Stressfaktor und jede Menge Spaß. Immerhin.

Die Briefkästen meiner zur Karikatur ihrer selbst verspießten Ökonachbarn („Mir kaafet nix im Subbermarkt, mei Moh mächt des älles selbscht obbä in onserm ausbaude Windergarde“) mit diesen urkomischen Aufklebern „Keine Werbung – ich schütze die Umwelt“ (was ähnlich wirr klingt wie „Keine Regenschirme – ich fliege Ufo“) eignen sich ganz hervorragend dazu, die täglichen Massen der Werbung aus meinem Briefkasten und dem Karton, in dem alle anderen Bewohner das tägliche Werbepapier sammeln, ganz schnell und bequem loszuwerden. All diese ganzen sinnlosen Werbezettel von Kohlebrikettverkäufern, Entrümpelern, Media Markt, Kaufland, Pizzadiensten, Strip-Clubs, ukrainischen Autoschiebern und die idiotischen Infomahnzettel meiner idiotischen Hausverwaltung – immer schön rein in den Biobriefkasten.

Und diese auf jeden Fall sehr peinlichen Zettel der selbstherrlichen Mülltonnenabschnittsbeauftragten mit der wanzig-duzenden Ermahnung „Bitte denkt an die Mülltrennung!“ sind was mich betrifft nur dazu da, vorsätzlich und vollkommen ignoriert zu werden. Fickt euch. Ich trenne einen Scheißdreck. Flaschen gehören bei mir in den Papiercontainer, Styropor selbstredend in die Bio- und die Bananenschalen auf jeden Fall in die gelbe Tonne – macht eh keinen Unterschied, denn einer dieser zugezogenen emsig strebsamen Öko-Blockwarte wird solcherlei fehlgeworfenen Müll sowieso etwas später mit bierernst-vorwurfsvoller Miene umsortieren, um dann später zu versuchen, den Delinquenten mit einem Aushang am Schwarzen Brett im Treppenhaus zu ermitteln. Wer hat den Täter gesehen. Na wer? Wer war das? Huhu. Ökofahnder sind auf der Jagd. Mein Vorteil ist, dass die alle keiner geregelten Arbeit nachgehen und ich das Zeug früh um fünf unkontrolliert in die Tonnen füllen kann, weil die Schnösel erst kurz vor meiner Mittagspause aufstehen, um drüben im Müttersammelcafé oder einem der tausend Coworkingpuffs Biodinge am Notebook zu tun.

Da hängen sie dann, diese biestigen Mahnzettel, direkt über drolligen Aushang für das nächste klimaneutrale nonbinäre Transkinderfest im Innenhof bei Tofuwürstchen mit Weizenkeimsugo und Sellerieplätzchen auf Kressebett, die ich, wenn ich nachts besoffen nach Hause komme, mit aus dem Internet ausgedruckten Konterfeis von Freddy Krüger, Kongo-Müller, Charles Manson oder mit Bildern abgetrennter Gliedmaßen verschönere.

Wobei es vermutlich auch einfacher gehen würde: Eine alte aus dem bösen immer noch überwiegend proletarischen Wedding illegal nach Prenzlauer Berg eingeführte Bockwurst – mit einem rostigen Nagel aus Ostzeiten auf solch einen quietschbunten KumbaYa-Zettel gepinnt – würde diese Blase ersteweltverwöhnter Luxusspacken schon so schockieren, dass die hier ansässigen Psychotherapeuten von der Behandlung langzeittraumatisierter Privatpatienten nicht nur noch Jahrzehnte zehren, sondern sich schon nach einem halben Monat den abgezahlten Infiniti-Van in die Tiefgarage stellen könnten.

Besonders perfide und damit geradezu verführerisch für meine Zwecke ist es, als charakterliche Mischung aus Pol Pot, Ted Bundy und Marylin Manson die Ampeln exakt dann bei Rot zu überqueren, wenn völlig verkrampfte Erzeuger kleiner vorlauter Biokinder davorstehen, die aufgeregt gestikulierend den Sinn des Wartens an roten Ampeln erklären wollen, auch wenn nirgendwo ein Auto zu sehen ist.

Der darauf folgende unvermeidliche aber dennoch untaugliche Versuch einer disziplinarischen Diskussion empörter Übermütter aus dem von-der-Leyen-Lookalike-Contest perlt an mir breit lächelnd mit einem Fingerzeig auf die Kopfhörer, aus denen Sepulturas „Troops of doom“ dröhnt, ab. Dali hätte sein nach so einer Vorlage entstandenes Gemälde „Entgleistes Gesicht auf Gebärmaschine“ genannt. Ich nenne es schlicht „Prenzlauer Berg“, denn genau so ist es hier. Pregnant Hill möchte nie nur die eigenen Kinder erziehen, sondern jeden.

Ich weiß ja, dass es alles nix bringt, weiß ich doch, mein Bezirk ist gekippt, die guten Leute weg und die Vollidioten da, so ist das, aber egal, ich mag spätpubertäre Dinge wie dieses ganze Zeug, diesen kleinen dreckigen Fickfinger in Richtung eurer superbegrünten Balkone mit den Geranien und der Dachgeschosse, der Bioläden und der schnöseligen Shared Office-Teilzeit-Sprallos. Denen ab und zu mal quer über die veganen Filzschuhe zu pissen erzeugt in mir so eine schöne kleine wärmende klammheimliche Freude wie bei Schülern, vor denen sich der todernste hoffnungslos verklemmte sexlose Sozialkundelehrer gerade auf ein Furzkissen gesetzt hat. Muha. Eat this. Freaks.

Und ich darf das. Ich war zuerst hier. Dann kamen die und fingen an mir zu sagen wie ich sein soll, leben soll, was ich tun soll, kaufen soll, essen soll. Alles eine Seuche. Pest. Vegan. Raw. Bio. Paleo. Ein Schlumpfladen nach dem anderen in Prenzlauer Berg schlumpft aus dem wundgescheuerten Boden, die Einschläge kommen näher, immer neue teure Lädchen mit fair gehandelten Körnern, Weizenkeimen, dem unvermeidlichen Trockenobst und wie immer Mareikes blödem Karottenkuchen. Nein. Nix. Ich nicht. Ich kaufe nicht beim Biohansel. Alnatura, Denns, Bio Company geht mir am Arsch vorbei. Ich kaufe da nicht. Die Leute da drin sind alle hässlich. Verfurcht. Ernst. Totale Grotte. Ich kann die nicht leiden. Weil sie immer mehr werden, ihre Läden immer mehr werden, während meine Läden verschwinden wie mein Mauerblümchen in der Wisbyer, der polnische Fleischer in der Schönhauser, mein Schneider. Zu. Aus. Weg. 20 Jahre mein Laden für das Bier am Tresen, die beste Wurst der Stadt, den am schnellsten reparierten Anzug. Ausradiert. Keine Ahnung was jetzt drin ist, wahrscheinlich ein Bioladen. Biokeks. Bioschuhe. Biopilz. Bioarschrosette. Oben auf der Wisbyer hat schon ein Laden für Frischfleisch für die blöden Hunde und Katzen des Bezirks aufgemacht, die offenbar noch dekadenter als ihre Besitzer geworden sind und nur noch Frischgeschlachtetes essen. Wahrscheinlich haben die auch alle Unverträglichkeiten. Lactose. Gluten. Raffinadezucker. Histamin. Hysterie. Den eigenen Penis. Ja. Ihr Vollärsche. Ich habe auch Unverträglichkeiten. Gegen euch alle. Wenn ich euch sehe, wachsen mir dicke Eiterbeulen auf den Arschbacken, die plopp machen beim Ausdrücken und deren gelbliches Zeugs ich auf die Sattel eurer Christianiabikes mit den Kuhfängerkisten vorne dran schmiere, mit denen ihr immer die Fußgänger vom Bürgersteig fegt, auf dass ihr euch draufsetzt auf die grindige Furunkelsuppe, während ich feixe, wenn ich euch damit durch den Bezirk fahren sehe, weil das Spaß macht, weil ihr das verdient habt, weil ich euch ganz einfach nicht leiden kann.