Ich bin ja sowas von wichtig

Ich sitze im Borgwürfel, dem Sammelplatz der Philantrophen und die Muse aller Arbeitsplätze dieser Welt, am Schreibtisch und sehe wichtig aus. Das kann ich gut. Wichtig aussehen. Und beschäftigt. Am besten wichtig und beschäftigt. Ich sehe aus wie pure menschgewordene Arbeit. Glattrasiert. Kraftstrotzend. Aufgesetztes Gewinnerlächeln. Der Krawattenknoten sitzt. Der reinste Fleiß wabert als von den Wänden tropfende Aura um mich herum. Irgendwelches Papier stapelt sich um mich herum, meistens sind das längst abgelaufene Ausdrucke irgendwelcher Powerpointfolien oder die Urlaubsplanung, was aber egal ist, denn niemand würde sich trauen, in meine Unterlagen zu schauen, um herauszufinden, dass das alles nur Popanz ist, dass ich ein Meister darin bin, so zu tun als wäre ich sehr übel im Stress, nur damit sie mir nicht die Scheißhaufenprojekte der anderen Idioten aufgrücken, die so blöd sind, keine Arbeitsvermeidungsstrategien fahren und deshalb so lange mit stinkendem Dung zugeschissen werden bis sie quietschen. Heulen. Burnouten.

Es klopft. Es tritt ein Elektriker ein. Ein junger Kerl. Er ist ob dessen was ich hier darstelle völlig verschüchtert. Und fragt ob er den Strom messen darf. Sie überprüfen wohl die ganze Elektrik. Verkabelung und so. Sagt der Elektriker unangemessen devot. Und bittet um mein Verständnis. Zum Strom messen. Ob er darf. Seine Serviceleistung. Allerfreundlichst vorgetragen.

Mir hängt der Kaffee im Hals fest. Das wollte ich nicht. Der soll nicht verschüchtert sein. Die dicke Welle an Arbeitsvermeidungsstrategien soll nur das Böse treffen. Schlechte Menschen. Chefs. Vorstände. Abdrückerkollegen. Die Sabbelköpfe. Nervensägen. Hurensöhne. Nicht jemanden, der hier an diesem Ort tatsächlich von ehrlicher Arbeit lebt, ein Wesenszug, der ihn von allen anderen Menschen hier in diesem Bürokomplex unterscheidet.

Ich versuche solche Leute immer zu empowern. Wer weiß an welche Arschlöcher die geraten sind, dass die so verschüchtert daherkommen. Bringt aber nichts. Für jeden, den Sie empowern, gibt es zwei, die ihm eins aufs Dach geben und ihn wieder verschüchtern. So ist das immer. Die Berufsleben dieser Stadt sind selten witzig, schon gar nicht in Büros. Und erst recht nicht hier. Friss friss friss, sonst fressen sie dich.

Dann kommt sein Chef. Der Elektrikerchef. Und schnauft irgendwas von Ojeoje. Das jst ja… au weia … puh … sowas hab‘ ich ja noch nie … und so weiter. Sie kennen das sicher von jedem anderen Handwerker, den Sie zuhause bestellen. Die sind immer völlig perplex von der Komplexität der Aufgabe, mit der Sie ihn betrauen wollen, weil perplexe Komplexität den Preis hochtreibt. Scheiß Handwerkermeister. Schauspieler. Blender. Preishochtreiber. Ich mache das ja nicht anders, deswegen weiß ich was der da tut.

Was veranstaltet der Typ hier? Was will er? Den Preis bei mir hier hochtreiben? Weiß der nicht, dass ich nur ein Angestellter bin und zwar sicherlich Aufträge erteile, aber nicht an ihn. Das macht die Verwaltung. Der muss hier bei mir keine Show abziehen. Mir doch egal ob der Borgwürfel Millionen für die Reparatur der total verschlumpften Elektrik bezahlen muss. Oder der Vermieter. Mir doch egal. Bei mir muss er nicht die Show abziehen wie bei Omma Kowalke zuhause wenn der Kostenvoranschlag wieder einmal Makulatur ist und die scheiß Erneuerung der maroden Steckdosen doppelt so teuer werden wird. Wahrscheinlich hält er mich für wichtig. Ich sehe ja auch wichtig aus. Attitüde ist alles in den Büros dieser Welt. Tun Sie so als ob Sie etwas darstellen und Sie sind das was Sie darstellen. Das klappt immer und ich hielt das früher mal für schwer. Habe das abgelehnt. Angeprangert. Für überflüssig befunden. Doch nun mache ich mit und weiß, warum das bis auf die Unbedarften, die ehrlichen Häute, die jungen immer viel zu freundlichen Dynamiker alle machen: Wer wichtig ist, hat weniger Stress und wird weniger genervt. Und verdient mehr Geld, das er bei denen einfährt, die ihm glauben. Ich habe kein schöneres Bild für Sie, denn so laufen die Dinge. Liefen sie immer. Werden sie immer laufen. Da hilft kein Heulen. Kein Anprangern. Und wenn Sie das für überflüssig halten, dann sind Sie der mit den 3.000 netto weniger im Monat auf dem Lohnstreifen und müssen dann da durch. Denn niemand zahlt Ihnen mehr, wenn er nicht muss. Niemand. Egal was sie erzählen. Und auch egal, was Sie erzählen.

Und hey, bitte, wenn Sie ein dicker schwitzender Handwerkermeister mit Hypertonierotgesicht sind, der glaubt, den Preis mit aufgesetztem Geseufze hochtreiben zu können, dann gehen Sie bitte wieder nach Hause. Und ziehen hinter sich die Tür zu. Denn ich weiß was Sie da tun. Denn ich tue das selber. Jeden Tag Machen Sie das also bei Omma. Oder Oppa. Jungen Naivlingen. Oder irgendwem sonst, den Sie verarschen können.