Was juckt mich denn der Kollwitzplatz…?

Aus der Gegend um den Kollwitzplatz habe ich mich schon vor vielen Jahren quasi freiwillig und vorausblickend selbst rausgentrifiziert, zu mondgleich in den Nullerjahren schon die Preise, zu dicht die Vollidiotenkonzentration, zu belanglos, langweilig und beliebig das Angebot und dabei doch zuviel Schund und Tand auf einem Haufen – ein ermüdender Ausverkaufs-Overkill des ehemals alternativen Quartiers, das von im Weekend weilenden Städtetrippern und Postkartenmotivknipsern nie jemals pausierend penetriert und von sinnlosen Zeugkäufern zugeschissen wird, die ihre Wohnung mit nutzlosem touristischen Unsinn dekorieren, um zuhause in gelangweilt-eitler Pose ihre aufgesetzte Weltläufigkeit aufführen zu können – „Ach du meinst diese rostige Blechmamuschka mit den grünen Plastikantennen da? Och, die hab‘ ich irgendwann mal aus Berlin mitgebracht, die finden da sowas toll…“

Stirb doch, du Heldentourist.

Dafür jedoch, die bucklige Verwandtschaft aus Gießen, Kassel, Heilbronn und allen anderen potthässlich sichtbetonverseuchten westdeutschen Provinznestern mit pseudo-großstädtischem Flair in der Tradition des alten München-Schwabing zu beeindrucken, reicht es beim blöden Kollwitzplatz immer noch dicke. Und so sehen Sie ab Samstagvormittag reihenweise Onkel Siegfrieds, Oma Gertruds und Erbtante Josephines, angeführt vom hier ansässigen Hessen, Badener oder Saarländer im glitzerfunkelnden Primarkshirt vom kasselesk hässlichen Alexanderplatz, mit großen welpengleichen Kulleraugen und noch größerer Klappe über den von karottenkuchenfressenden Biomüttern verseuchten Platz flanieren und weltläufige Nichtigkeiten in die Welt blasen als wären sie alle hier geboren und hätten die harten Wendezeiten durch, dabei haben sie nur alle im letzten halben Jahr ein Dachgeschoss gekauft.

Inmitten des Gewuselknäuels aus bräsigen geigenunterrichteten Kindern in beräderten niederländischen Zwergenkisten, hässlichen Menschen mit Wollsocken in Birkenstockpantoffeln, akkordknipsenden Backpackern, dürren Designdauerpraktikanten mit Pilotenkoffern und supercool sonnenbebrillten wegen stundenlangem Candycrushgespiele aus dem St.Oberholz rausgeflogenen Berlin-Mitte-Startupwichsern kann so endlich mal wieder die im Provinznest seit Jahren vor sich hindämmernde selbstempfundene Wichtigkeit an diesem schon lange nicht mehr Nabel der Welt offensiv und auf jeden Fall penetrant in den Raum quäkend zur Schau gestellt werden.

Da darf sich dann die für einen Scheißlohn kellnernde alleinerziehende Brandenburger Dreifachmutter über akustische Körperverletzungen wie „Brängetse mo ä Spitzweggle mit Worscht on ä Viertele!“ oder „Ei do häddisch gännä än rohde Woi, abä hässisch biddä, hähähä!“ und einem großzügigen Trinkgeld im Fick-dich-doch-selber-Promillebereich freuen. Was muss denn diese arme Stadt noch alles über sich ergehen lassen, Hunnen, Mongolen, Franzosen, später Russen, jetzt Hessen. Rein. Raus. Jeder darf mal.

Eine in ihrer möglichst übergriffig zelebrierten Idiotie eng verwandten Mischpoke übrigens nahm bis vor ein paar Jahren alljährlich eine stundenlange Anfahrt aus dem Rheinland oder aus Mainz in Kauf, um den deutschlandweit peinlichsten Karnevalsumzug auf dem Berliner Prachtboulevard Unter den Linden zu beäugen und zu bestaunen, dies wohlgemerkt in einem traditionell zutiefst protestantischen und heute fast flächendeckend atheistischen Landstrich, was aber egal ist hier in Berlin, wir nehmen alles, hier demonstriert Honk und Ponk, hier können Sie für jeden Scheiß die Linden runter und wieder hoch laufen, für Tierrechte, gegen Diesel, für Betonkopfkommunismus, für mehr Yoga, gegen Überwachungsstaat, für Fuck the police, für Fuck my mother hat ’nen Schäferhund, für den brandneuen Greta-Thunberg-Cheerleaderism für mittelalte Bürgerbewegte, für mehr Subventionen für Heilpraktiker, alles egal, komme wer mag, wir haben eine ganze Palette Schwulenparaden, mehrere Kifferparaden, die Fuckparade und jedes Wochenende 500 Demos irgendwelcher anderer Aktivisten, die für oder gegen irgendwelche Dinge auf die Straße gehen, so dass das alles keinen Unterschied mehr macht, sondern sogar der plumpe Versuch des Karnevals auf protestantischem Gebiet nur noch feine Ironie eines historischen Treppenwitzes ist, den der unbotmäßig gebildete Kamellepöbel in seinem Tschingderassabum-Wahn sowieso nie verstehen wird. Hauptsache Alaaf Alaaf Heijo Heijo tröt tröt wollemosereilasse. Ja. Bitte sehr. Macht doch. Mir doch egal. Ist eh nur Mitte. Da wohnt sowieso kein Berliner mehr. Da könnt ihr die chinesischen Touristen und russischen Oligarchen missionieren. Egal. Gerne. Geh demonstrieren. Sei Aktivist, geh auf die Straße und trage dein Anliegen vor, das kein Schwein interessiert. Wir sind Berlin. Wir sitzen euch einfach aus. Wir haben die Loveparade überlebt, wir haben den dummen Versuch des Imports rheinischen Karnevals überlebt, auch die 1. Mai-Demonstrationen der SED gibt es nicht mehr, was soll da noch kommen, wir überleben einfach alles. Dinge kommen, Dinge gehen. Ihr werdet auch gehen.

Und keinen juckt es.

Mich auch nicht. Mich juckt auch der Kollwitzplatz nicht, nein, ich finde es sogar gut, dass es ihn gibt, dann weiß ich, wo die Dummköpfe alle versammelt sind, dann weiß ich wo ich nicht hin muss, wo es nichts bringt, etwas kaufen oder gar essen zu gehen, weil es fast immer scheiße ist und immer zu teuer, hier wo Mareikes Karottenkuchen 5,50 das Stück kostet und nicht Karottenkuchen, sondern Carot Cake heißt, weil das so viel cooler und damit teurer ist, so wie die Milk für den Coffee, der Cheesecake zum Chai Latte, den die Verstrahlten für fast zweistellig kaufen, nachdem sie schon acht Euro für einen Laib schnödes Biosauerteigbrot bezahlt haben, das bei Vollmond um Mitternacht in den Tiroler Alpen von einem pickligen Demeterbauern mit Krätze am Arsch im Lehmofen gebacken, eingefroren und mit dem Doppelachser hierher nach Prenzlauer Berg gefahren wurde, damit es tumbe Touristen und westdeutsche Dachgeschosserben kaufen können, die glauben, dass der Biobrotschmock eine positive Ökobilanz hat. Im Zweifel fahren sie den Scheiß sowieso wieder mit dem Auto zurück nach Böblingen. Gießen. Kassel. Oder Heilbronn.

Oder laufen einfach stolz damit unter dem Arm über den Kollwitzplatz, der inzwischen endgültig traurigsten Hausnummer des Bezirks.

2 Kommentare zu „Was juckt mich denn der Kollwitzplatz…?

Kommentare sind geschlossen.