Vernissage-Schnösel, Kackwürste und Pizza

Heute bin ich in des Prenzlauer Bergs Pappelallee. In einem schlumpfigen Pizzabäckerhipsterstall im Einflussgebiet vom versnobten Helmholtzplatz und die Schnösel sind auch schon hier. Heute sind es keine normalen Schnösel, sondern Kunstschnösel. Lauter laute Kunstschnösel. Natürlich sitzen sie alle neben mir und ich muss ihrem Gewäsch zuhören während ich esse. Und das ist schlimm.

„Du, da hab ich dem Arne gesagt, er soll für die Vernissage lieber Lichterketten statt Lampions in den Eingang von der Galerie hängen, das gibt dann so einen schnafte ironischen Bezug zum Weihnachtskonsum. Ich möchte das direkt vor dem Lehm-Kalb haben, das ist jetzt übrigens – seit Pepe das gestrichen hat – gar nicht mehr golden, sondern pissegelb. Also gelbbraun. Wie morgens nach dem Aufstehen. Der Ironie wegen – du verstehst? Goldenes Kalb? Gold – Pisse – Pisse – Gold. Was ich damit auf der Metaebene ausdrücken will ist die ironische Distanzierung von Reichtum unter gleichzeitiger Bezugnahme auf menschliche Ausscheidungen. War die Idee von Lars von Trier. Man muss verstören, hat er letztens auf der Berlinale zu mir gesagt. Verstören! Die Kombi ist so herrlich ironisch und Kapitalismuskritik ist ja totaaal en vogue gerade.“

„Gnarf. Gnarf.“

„Kuck mal, der beißt in den Tisch. Hallo? He! Geht es Ihnen gut?“

„Gnarf. Grumpf. Gulp. Gna Gna…“

„Komm lass uns mal woanders hinsetzen, der spinnt ja völlig…“

Aaaaah. Ich fress‘ den Tisch. Da sind sie wieder, schon wieder da, immer da, immer die gleichen Arschkrampen, sie finden mich überall in diesem völlig versnobten Bezirk, egal wo ich sitze oder gehe, direkt zu mir kommen sie immer, die Schnösel, und setzen sich neben mich. Alle. Immer. Sogar hier in dieser kleinen unscheinbaren verlebten Pizzeria irgendwelcher arbeitslosen Spanier, die so tun als wären sie Italiener, und mit der Attitüde sogar problemlos die Mondgewerbemieten von Prenzlauer Berg zahlen können. Bitteschön. Hier hast du sie. Da sind sie wieder. Zuverlässig wie ein Uhrwerk. Meine Prenzlauer Berg-Schnösel. Die Echten. Einzigen. Wichtigen. Immer extra laut. Immer laute Nichtigkeiten direkt aus ihrer in meine Welt ballernd. Wortfetzen schwenkend, Luftblasen blubbernd. Und immer Nabel der Welt. Huhu. Lars von Trier. Mein Buddy Moritz Bleibtreu. Und hach, die Andrea Sawatzki kommt vielleicht auch zur Eröffnung.

Und da sitzen sie und reden mit allem nur nicht mit Understatement von Dingen, von denen ich nichts verstehe, nie verstanden habe und mir möge der Puller abfallen, wenn ich ihren ganzen verkopften Scheiß jemals verstehen sollte. Aktionskunst. Tanzyogamatinee mit Heilsteinbowling auf Toast. Mit lila Lebensmittelfarbe angemalte Hausmütterchen mit zu viel Tagesfreizeit im Protest gegen die Sanierung von Bürgersteigen in der Knaackstraße. Von Affen und tibetischen Mulis mit der Rosette auf eine Leinwand gemalte Farbkleckse. Fotografien in Schwarz-Weiß von der eigenen Vagina oder einer Kackwurst auf einem Teller. Ehrlich, doch doch, ich schwöre, dass ich kürzlich an einer Galerie vorbei gelaufen bin, die Bilder von Kackwürsten in verschiedener Darreichungsform im Schaufenster feilgeboten hat. Das ist kein Scherz. Wir sind hier nämlich der Prenzlauer Berg. Wir verkaufen auch Drucke von Kackwurst auf Suppentellern. Auf Tellern mit Dekor. Auf Pastatellern. Auf Schneidebrettern. Holzpflock. Fensterbrett. Ameisenhügel. In Schwarz-Weiß. Oder Neon. Warhol olé. Ich schwöre, dass ich das nicht erfunden habe. Kack. Wurst. Kunst. Ich habe keine Idee was das soll. Ich weiß nur, dass eines dieser Bilder mit einer Kackwurst, die sich lasziv quer über einen alten iPod räkelt, ganz sicher viel Geld kostet, doch zum Glück kostet es nicht meines, sondern das von Verrückten, die ihr Erbe oder ihre Influencereinkommen damit verbrennen.

Mein Schicksal ist es derweil nur, diesen Menschen immer seltener ausweichen zu können, den Schnöseln, den Foodstoreschnöseln, den Designerschnöseln, den Kunstschnöseln, denn sie sind überall und sie werden immer mehr. Wir sind hier in diesem bräsigen Ortsteil, über den ganz Deutschland lacht und der bei faz-online wahrscheinlich schon eine eigene Rubrik im Feuilleton hat, eine Sammelstelle von sich selbst verwirklichenden Schneeflöckchen geworden, von denen eine nicht unerhebliche Menge mit Umlagen aus dem Haushalt des Berliner Senats am Leben gehalten wird. Meine Nachbarin auch. Sie ist nicht nur vegan (das weiß ich nur deshalb weil sie es mir ständig sagt), sondern sie bietet auch zusammengeklebte Kacheln an, die sie in Hinterhöfen sammelt und künstlerisch verfeinert und die wir alle uns von ihr an Wände, Fassaden, die Kloschüssel oder den eigenen Arsch kleben lassen können. Sie sagte mir in fast schon gelangweiltem Tonfall, dass sie dafür Fördergeld vom Berliner Senat bekommen hat. Es ist also quasi mein Geschenk aus dem fetten Topf meiner Steuern für geleistete Überstunden und durchgemachte Wochenenden in einem kubistischen Glaskasten irgendwo in einer lebensfeindlichen mehrwertproduzierenden Betonhölle Berlins für sie, weil sie so schön Scherben zusammenklebt. Ach. Nee. Lass mal. Ich glaube ihr das nicht. Das kann nicht sein. Niemand fördert eine einfältige Veganerin mit Zottelhaaren dafür, dass sie Keramik wieder zusammenklebt und anmalt. Niemand. Nicht mal der Berliner Senat, der sonst jeden Scheiß aller möglichen esoterischen Sozialfälle fördert.

Ich schaue mich um. In dem Raum, in dem ich gerade eine mittelmäßige Pizza esse, fordert eine künstlerische Installation „Meer statt Plastik“, zwei Beamer beamen Meereswellen und hohes Gras im Wind an die Wand, an der neben einigem anderen Müll eine zerbeulte Plastikflasche hängt und von Halogenstrahlern bestrahlt wird. Dazu läuft irgendein Progressive-Shit, der sich anhört als würde jemand mit Schleifpapier über ein Sägeblatt ritschen. Meer statt Plastik. Verrückt. Diese künstlerische Aussage mit dem Holzhammer verstehe sogar ich. Hallo Bürger, schütze die Umwelt. Schmeiße kein Plastik in die Natur. Uah. Gähn. Ein Grünwähler-Idyll. Der berühmte Bio-Biedermeier. So sexy wie mein alter Deutschlehrer in Birkenstockpantoffeln.

Wer mir sehr leid tut und das jedes Mal, wenn ich eine dieser Gestalten im Bezirk herumdilettieren sehe, sind die armen Säue von Eltern, die das bezahlen müssen und immer noch hoffen, dass außer Selbstfindung, Räucherstäbchen und einem Baby von einem portugiesischen Performancekünstler vielleicht doch noch etwas Greifbares beim Kunststudium rauskommt oder sich endlich ein anderer findet, der die Finanzierung der durchgeknallten Tochter übernimmt.

Vernissage. Aktionskunst. Tanzyoga. Lichterketten. Pissekalb. Kackwurst. Lars von Trier. Ich bin durch, ich kann die alle nicht mehr sehen, rülpse eine Tomatenschwade in den Raum, stehe auf, lasse das letzte labberige Stück überbewertete Pizza auf dem schmierigen Holzbrett zurück und gehe. Da hinten hinter der Gethsemanekirche rechts ab fährt die Ringbahn. Die bringt mich rüber nach Wedding. Zu einem ehrlichen Pils. Und billigen Erdnüssen von Netto. Und was viel wichtiger ist: Von denen hier ist keiner da.