Meine super Führungskraft fährt billig U-Bahn

Ich finde es toll, dass Frauen die besseren Führungskräfte sind. Steht überall. Zeit Online. Spiegel Online. Selbst inzwischen bei der guten alten FAZ. Männer bringen es nicht mehr. Frauen können es besser. Alles. Immer. Ich finde das gut. Ich habe auch eine. Vor mir. Eine Vorgesetzte. Zehn Jahre jünger als ich. Teilzeit. Home Office. Und die sagt mir was ich tun soll. Jeden Tag etwas anderes. Heute A. Morgen B. Aber ich habe mit A schon gesprochen, der Deal steht schon fast, wir müssen nur noch einmal essen gehen, dann ist das Ding im Sack, sage ich. Doch nein. Jetzt kein A mehr. Jetzt B. Ich muss alles rückgängig machen. Platzen lassen. Um Nachsicht bitten. Dass die Prioritäten sich geändert haben. Innerhalb eines Tages. Nach dem Überschlafen. Neuer Tag – neue Entscheidung. Wir machen das anders. Heute machen wir B. Und wenn ich mit B soweit einig bin, kann es sein, dass ich an Tag drei den Auftrag bekomme, die bisher unbekannte Option C zu verfolgen.

Es könnte mir egal sein, ich entscheide ja diesen Vertragsslalom voller Verprellungen langjähriger Partner nicht, treffe keine Richtungsentscheidung, ich bin nur der Muckel, der ausführt, was ihm gesagt wird, doch manchmal komme ich mir vor wie ein kleiner dummer Maat, der mit dem Mut der Aussichtslosigkeit eine außer Kontrolle geratene Bordkanone im Zaum halten muss, die auf dem Piratenschiff hin und her schlenkert und abwechselnd in alle Richtungen Salven abfeuert ohne je irgendetwas zu treffen.

Ich bin der, der das alles nach außen verkaufen muss. Das ist sogar okay, wenn man so störende Dinge wie Gewissen, Verlässlichkeit und Kontinuität aus seinem Portfolio schält. Ich verkaufe inzwischen alles, selbst den täglichen Meinungswechsel derjenigen, die sie hierher gesetzt haben, damit sie jeden Tag andere Entscheidungen trifft als gestern noch. Und das tut sie. Mit ganz viel Elan. Jeden Tag. Hü. Hott. Rüber. Nüber. Da hin. Jetzt wieder da. Heute Ost. Morgen West. Keiner kann sagen, dass hier in unserem Bürokapitalistenpuff die inhaltliche Flexibilität nicht gefordert wird, nein, das wird sie und ich verkaufe das alles, ohne rot zu werden. Es tut mir leid, sage ich mit meiner ehrlichen, leicht zerknirschten Charaktermaske, doch wir werden das schöne Vertragspaket nicht zuschnüren. Es tut mir leid, es ist ein guter Deal, ich danke Ihnen sehr für das Entgegenkommen, doch wir werden das nicht finalisieren. Warum? A ist passé. Ich muss ab heute nach B reiten. Und morgen nach C. Und vielleicht kommt auch noch D. Wir setzen einfach immer wieder neue Schwerpunkte.

Der Scheiß kostet Geld. Jedes Mal. Jeden Mann würden sie dafür grillen. Publikumswirksam abwatschen. Abmahnen. Und nach dem zweiten Ding dieser Art rauswerfen. Geteert und gefedert. Bei meiner passiert nix, ganze Etagen an Controllern blenden das aus, dass ich als Gesicht nach außen nicht nur mein Gesicht immer wieder aufs Neue verliere, sondern dass das Geld kostet. Seit einem halben Jahr geht das so. Immer wieder. Ein verkackter Deal jagt den nächsten. Und es sind meine Zielvereinbarungen, die leiden. Ihre zwar auch, aber ich bin vermutlich der, den sie irgendwann dafür freisetzen werden, während man sie in Frankfurt in einem irrelevanten Sonderprojekt ohne Außenwirkung verklappen wird, wo sie ihre matriarchale Dividende einfährt. Weil keiner freiwillig weibliche Führungskräfte rauswirft. Denn die sind begehrt. Seltene Erden. Goldstaub. Manna. Jeder will die. Und wenn wir sie gehen lassen kriegt die ein anderer. Und sie weiß genau, dass die Dinge so stehen.

Aber egal. Ich finde das gut. Ich finde alles gut. Die Dinge sind auf einmal ganz leicht, wenn man mit den Verhältnissen abgeschlossen hat, ohne sich immer wieder über sie zu ärgern. Läuft. Irgendwer wird sich irgendwas bei dieser Sache denken. Dahinter muss irgendein Sinn stecken. Alles ist gut. Ich finde alles toll. Sogar, dass meine Führungskraft nicht nur mehr Geld als ich für weniger Arbeitsstunden bekommt, sondern dass sie heute in der Genderhauptstadt Berlin auch noch billiger U-Bahn fahren konnte als ich. Ballyho. Und ’ne Linie voll Speed. Verstrahlter als sie ist kann ich mir meine Stadt nicht koksen.