U-Bahn des Grauens

Eine Samstagnacht im Berliner Öffentlichen Nahverkehr führt mir immer wieder vor Augen, welche schiere Unmenge an Gestörten in der Stadt lebt und den öffentlichen Raum mit der eigenen Nichtvorzeigbarkeit kontaminiert.

Ich bin von Rudow aus nach Norden unterwegs. Ab Höhe Britz-Süd beginnen neben mir ein paar Jugendliche eine Diskussion aus einer anderen Galaxie:

„Valla wenn dein Vater die Schwester von dein Mutta fickt ist das Inzest Alter.“

„Alter is nisch Inzest, weil dann wär auch Inzest wenn isch die Schlampe da vorne fick.“

„Versteh isch nisch. Is doch gar nich dein Mutta.“

„Valla is doch voll egal, kann die Schlampe da sein, kann Schwesta von mein Mutta sein. Egal. Is nisch Inzest Valla.“

Es sind übrigens deutsche Jugendliche. Zumindest sehen sie so aus. Es würde auch passen. Mir fällt immer häufiger auf, dass die türkischstämmigen Jugendlichen versuchen, nicht so zu sprechen wie diese völlig verblödeten deutschen Jugendlichen. Wie jene, die ich heute vor mir habe. Die wollen mit denen nicht in einen Topf geworfen werden, mit diesen dummen Kartoffeln, die so sprechen wie Haftbefehl rappt und das für cool halten, dabei ist das nicht einmal Attitüde, es ist einfach nur schlecht kopiert. Fast muss ich lachen.

Zum Lachen kommt es nicht. Denn an der Station Blaschkoallee steigt ein Dönerstinker ein. Keine U-Bahn-Fahrt ohne einen von den Stinkefressern. Warum ist das so? Warum muss immer einer was fressen in der U-Bahn? Und dann immer etwas, das bestialisch stinkt. Einen Döner mit doppelt Fleisch, dick Zwiebeln und natürlich Knoblauch. Oder eine fiese Glutamatnudelpfanne von der Bahnsteigbutze. Fettig und garantiert augentränend chemiegewürzt. Glücklich ist, wer nur einen Ditsch-Stinker mit seinem käsigen Weißmehlabfall hat, das geht noch, aber das wäre nicht ich, ich habe immer Döner oder Stinkenudeln, gerne auch Mett, kein Scheiß, es gibt Hurensöhne, die fressen ihr Mettbrötchen mit dick Zwiebeln direkt neben mir. Es sollte legalisiert werden, solche Typen mit Maulklammern neben den Mülleimern der Bahnstege zu fixieren. Und dann darf jeder was rein werfen. Einen alten Wurstzipfel, den Rest einer Eistüte, Kaugummi. Oder einfach nur das Kerngehäuse vom Apfel. Wäre dann quasi eine lebende Biomülltonne, so ein U-Bahn-Fresser. Was? Menschenverachtend ist das? Na sicher. Und faschistisch? Ja, bestimmt.

Lalü. In der Station Neukölln steigen die Säufer ein. In Neukölln steigen immer die Säufer ein. Klischee Ballyho. Es ist natürlich Bier. Und immer das ekelhafte Sternburg. Dass sie aber auch immer gleich das Klischee voll machen müssen. Neukölln. Rotgesicht. Sternburg. Eine Linie. Natürlich raucht auch einer. Na klar. Wer hier in der Stadt rebellisch sein will, der macht das auf die möglichst dumme Art und quarzt die U-Bahn voll. Scheiß doch auf den Kinderwagen der Türkin, die da drüben steht.

Karl-Marx-Straße. Auf dieser Fahrt hatte ich bisher keine schlechten Musiker vom Balkan. Aber das macht nix. Denn die kommen jetzt. Es ist ein Trompeter und einer mit einem Banjo. Sie spielen La Cucaracha. Und Guantanamera hinterher. Sind diese beiden Lieder von sich aus schon schlimm, machen diese beiden Helden der Kackmusik alles noch eine Nummer übler. Was für ein fieses Gezimbel. Konnten Sie bisher das eigene Musikhören mit natürlich heruntergeregelten Kopfhörern schon wegen der dummlallenden „Valla fick isch Inzest“-Schulabbrecher vergessen, ist jetzt endgültig die Zeit gekommen, die Stöpsel aus den Ohren zu pulen und den Player auszuschalten. Dummerweise interpretieren die beiden Antimusiker das als nonverbalen Wunsch nach einer Zugabe, strahlen mich an und spielen die ersten Takte des unvermeidlichen „La Bamba.“

Südstern. Bald habe ich es überstanden. Ab Mehringdamm geht es in die U6 Richtung Wedding. Da sitzen dann keine Assis mehr in der U-Bahn, sondern nur Touristen und Studenten, die mir dann entweder quer durch die Bahn von ihren Gender-Popender-Proseminaren an der Humboldt oder von der Tatsache erzählen, dass Berlin „sooooouuuu incredible wild“ ist und ich nur denken werde, dass sie hier in ihrer superalternativen Kreuzbergblase, in der sie leben, keine Ahnung haben, was wirklich incredible wild ist. Sie sollten mal U7 fahren. Gemeinsam mit der guten alten Assiparade. So wie ich. Ich habe sie mal wieder durch. Wenigstens hat heute keiner onaniert. Es geht aufwärts.