Berlins Rucksackhonks

Was ich an Berlin noch mehr hasse als die geistesgestörten Radfahrer, die ihre dreckigen Reifen in der vollen S-Bahn an meinem Hosenbein reiben, sind die Sprallos, die mit Rucksack auf ihren Rücken in die S-Bahn steigen und sich dann um sich selbst drehen.

Was für Arschgeigen. Da stehen sie mitten im Wagen und können es nicht. Sie bringen es nicht. Jeder in seinem eigenen Universum, in dem es nur ihn gibt. Der scheiß Zug ist rappelvoll wie immer und sie drehen sich. Und dann nehmen sie alle Leute im Umkreis mit ihrem Rucksack mit. Ratsch. Zrrrt. Immer wieder. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Rechtsrum. Linksrum. Und immer bleiben sie an den Knöpfen meines Jacketts hängen, das sie wahlweise nach links oder nach rechts ziehen, wonach es verzogen ist. Was stimmt mit denen eigentlich nicht? Was denken die sich? Was bezwecken sie mit diesem Ding hinten drauf? Es muss doch sogar einem dressierten Affen klar sein, dass er mit so einem Rucksack auf dem Rücken mehr Umfang hat als sonst und dass er alle Umstehenden mitnimmt, wenn er sich dreht und dreht und scheiße nochmal dreht. Ratsch. Zrrrt. Oh was gehst du mir auf den Sack, dummer Tourist, mit deinem Survivalrucksack auf dem Rücken als wärst du gerade nicht in der deutschen Hauptstadt, sondern im Kongo unterwegs, so ein Riesending, bei dem ich die an einer Schlaufe hängende Metalltasse suche und stattdessen dümmlich grinsende Teddybären finde, die der vermutlich nie erwachsen werden wollende Berlin-Coolfinder-Idiot mit Vollbart und seinem Superidiotendutt auf dem Kopf an seinen Rucksack gehängt hat als wäre er gerade auf dem Weg zum Kitaausflug zu Tommys Tobewelt.

Dass die das nicht merken. Dass sie nicht mitschneiden, was sie da tun. Keiner von denen merkt irgendwas und schon gar nicht, dass sie allen anderen im Wagen auf den Sack gehen. Und keiner setzt den ab. Jeder behält den Rucksack beim Einsteigen hinten drauf und wird damit zwangläufig diesen Rucksack an irgendwem reiben. Ratsch. Zrrrt. Da. Wieder einer. Und die erste Pirouette. Es trifft eine völlig überschminkte alte Frau, die nicht so alt sein möchte wie sie ist. Zrrrt. Ratsch. Jetzt der Typ im Anzug rechts neben ihm. Zrrrt. Ratsch. Keiner sagt was. Gleich ist er bei mir. Ich habe mein Smartphone in der Hand. Er trifft es. Von links. Ich halte es fester. Er trifft es nochmal. Jetzt von rechts. Ich sage was. Nur einen Satz. Eher eine Frage: „Tun Sie mir einen Gefallen und hören bitte damit auf, Ihren Rucksack zu schwenken?“ Nix. Keine Reaktion. Nur ein Kuhgesicht. Ausdruckslos und dumm. Wir sind in Berlin. Hier bekommen Sie grundsätzlich keine Entschuldigung, sondern nur Kuhgesichter. Die Empathischsten dieser versammelten Arschgeigen, die aus irgendeinem Grund alle S-Bahn fahren, sagen „Hupsa.“ Meistens aber gar nichts, sondern sie drehen sich weg, als wäre da eine störendende Böe, vor der sie sich schützen wollen und nicht ein Mitfahrer, den sie gerade gestresst haben.

Mein Berlin. Eine Stadt voller Sozialkrüppel und alle fahren S-Bahn.

Die Dinge getoppt hat einer der Assis, der letzte Woche mit einem verdammten Cellobehältnis auf dem Rücken geschnallt in der S-Bahn stand. Natürlich drehte auch er Pirouetten und haute mir das Scheißding vors Revers. Statt Entschuldigung gab es nur ein „Hupsa.“ Hupsa dich selbst am Arsch, du Missgeburt. Ich lasse dich gleich dein Cello fressen und dann packe ich dich in dein hartschaliges Cellobehältnis, das du, weil du so dumm wie ein Eimer Arschwasser bist, in der vollen S-Bahn unbedingt auf dem Rücken tragen musst, und werfe das Ding mit Eisenketten verschnürt und mit dir drin in den nächsten Kanal, wo du hoffentlich elendig absäufst, du hässliches Arschloch, du nichtsblickender Hirntoter, du dümmlicher empathieloser Bastard, Missgeburt, Arschknoten, Hirnkrüppel, du dämlicher Hurensohn.

Aber nein. Habe ich nicht gesagt. Alles nicht gesagt. Natürlich nicht. Nur „Nehmen Sie das Ding bitte vom Rücken. Sie nerven.“ Doch bekommen habe ich wieder nur das Kuhgesicht. Ausdruckslos und dumm. Nicht einmal für ein „Hupsa“ hat es gereicht. Mein Berlin. Hallo liebe Welt. Sie sind asozial und wissen nicht wohin? Will man Sie dort wo Sie sind nicht mehr haben, weil Sie so scheiße sind? Kommen Sie doch her, wir nehmen Sie in unsere Mitte, hier finden Sie viele andere, die so degeneriert sind wie Sie und die kein anderer in seiner Nähe haben wollte. Kommen Sie. Kommen Sie nach Berlin. Mit Ihrem Dutt. Ihrem Vollbart. Ihren Birkenstocklatschen. Dem schlumpfigen schwarz-roten Holzfällerhemd. Und allen Rucksäcken, die Sie tragen können. Seien Sie Berlin. Seien Sie asozial. Seien Sie Rucksackhonk.