Teerkotze, spanische Bärte und die ewige Kloake

Das Neuköllner Kiehlufer kann mit Ausnahme von der ebenfalls Neuköllner Gropiusstadt und dem Reinickendorfer Märkischen Viertel von keiner anderen der vielen durchschnittlich tristen Gegenden in Berlin in seiner Trostlosigkeit überboten werden. Kaum zu glauben, dass sogar Alt-Treptow und seine sinnlose Autobahngroßbaustelle dagegen wie ein junges semipromifickendes It-Girl wirkt.

Im Norden kurz vor Kreuzberg beginnt die deprimierende Desillusion ab dem Lohmühlenplatz mit noch orginalverputzten Schmucklosbauten aus dem Westberliner Aufbauprogramm 1959 in charmantem kackbraun auf dunkelgrau und setzt sich fort in Gestalt von verwahrlosten völlig überwucherten dschungelgleichen Spielplätzen, um die sich offenbar seit der Oktoberrevolution niemand mehr ernsthaft gekümmert hat und an deren Grenzen zum Bürgersteig sich der Unrat und die Altkleider inmitten von sinnlos mäandernden Einkaufswagen voller Platiktüten sammelt. Auf Höhe der Brockenstraße entsorgt Rest-Neukölln offenbar die Ergebnisse der Ausmistaktionen aller Keller des Bezirks. Oder es ist eine öffentliche, aber leider unüberdachte Altkleidersammlung, die der Regen der vergangenen Tage zu einem Textiklumpen hat zusammenwachsen lassen. Kunstwerk wäre auch möglich. Wir sind ja in Berlin. Hier verschmieren junge androgyne Studenten der Universität der Künste Affenkot, Ayran und Grünkohl auf einer beliebigen Verkehrskreuzung zu einer gesellschaftskritischen Performance und bekommen dafür Geld vom Senat. Alles möglich, sogar ein Experiment der sinnlosen Soziologiefakultät der sinnlosen Humboldt Universität, um herauszufinden, wie hoch ein Müllhaufen wachsen kann, bevor ihn endlich mal jemand abfackelt. Der Gedanke, dass die Stadtreinigung diesen Enddarm der Stadt auf ihrem Schirm hat, ist nur schwer zu ertragen, denn ihr Wirken ist so wenig zu sehen wie in den ersten Tagen nach Silvester außerhalb des Regierungsviertels.

Das Trauerspiel des Kiehlufers endet im Süden konsequent mit einem völlig heruntergekommenen Industriegebiet – quasi mahnmalähnlich als betongewordene Dauerwirtschaftskrise vor sich hin sterbend. Hierhin hat sich der zwielichtige Import und Export verkrochen, der von den arabischen Geldwäschehochzeitsläden und den schnöseligen deutschen Karottenkuchenbars blöder junger Karottenkuchenfrauen, die immer alle Mareike heißen und einen supperhippen Karottenkucheninstagramkanal betreiben, auf denen sie jeden Tag Fotos von Karottenkuchen ins Internet kacken, aus der Sonnenallee vertrieben wurde.

Hier am Kiehlufer ist keine Farbe, kein Frohsinn, keine Perspektive. So viel Nüchternheit macht mich depressiv. Ich frage mich, wo ich mir hier ein Zwiebelmesser zum Ritzen kaufen kann. Und ob ich damit die Adern ordentlich geöffnet bekomme.

Über den berlintypisch grottigen und stümperhaft geflickten Straßen- und Gehsteigbelag hat sich offenbar schon Napoleon auf seinem Ritt durch Berlin geärgert, als sein Pferd mit dem Huf in einem der zahlreichen Schlaglöcher hängenblieb. Seitdem hat sich an dem Zustand nicht mehr viel geändert, nur hier und da kotzt das Bezirksamt ungelenk etwas Teer auf die schlimmsten Teile der Pflaster(!)straße und die zerfurchten Gehwegplatten und -mosaike, was ein ganz furchtbar konsequent unstimmiges Gesamtbild abgibt, so als wollten die Verantwortlichen für diesen Landstrich den taumelnden Einwohnern neben den kaputten Straßenlaternen, der Kloake von Schiffahrtskanal und den traurigen von den örtlichen Staupekötern totgepissten Dornensträuchern auch noch straßenbautechnisch richtig einen mitgeben. Das Gesamtensemble sieht so unfassbar scheiße aus, das muss Absicht sein.

Wer hat dieses Fossil von Straße einst bauen lassen? Friedrich Wilhelm? Albrecht von Brandenburg? Arminius? Die Stadtgeschichte hat dieser Gegend hier ganz offensichtlich immer nur die Reste abgegeben: Wahrscheinlich schon zu Zeiten des alten Cölln noch nie sonderlich privilegiert und sicherlich als Lagerstätte für Lepra- und Pestkranke genutzt wurde sie später von den Bomben des zweiten Weltkriegs nahezu komplett eingeebnet, fristete danach ihr trauriges Dasein im Schatten zwischen Kanal und Berliner Mauer und jetzt haben Gott, Welt und der von Gott, Welt und Hirn verlassene Berliner Senat diese Straße endgültig völlig vergessen. Sie verwahrlost und verludert einfach unbeachtet vor sich hin. Der einzige Höhepunkt in den letzten 300 Jahren war vermutlich Napoleons Pferd, das vor Aufregung über den eingeklemmten Huf zwei dicke fette dampfende Haufen pelzige Pferdescheiße mit lustigen unverdauten Grasstengeln auf die Straße gekackt hat. Dann kam lange nichts mehr.

Einmal, 2010 oder so, da kam tatsächlich mal was Neues: Der alte Bolle – jetzt Nahkauf – am Kiehlufer pimpte seine Fassade vom eklig mausgrauen Westberlin-Waschbeton-Style auf arztweiß, so als ob er Skrupel hätte, in dieser Straße den ersten einzigen farblichen Glanzpunkt zu setzen. Vielleicht war es auch nur die weise Voraussicht, dass aus dem Weiß bald wieder das Grau der ganzen umliegenden Fassaden wird, aber man so zumindest einmal in drei Jahrhunderten einen guten Willen demonstriert hat.

Auf dem stocknüchternen Vorplatz vor dieser Nahkauf genannten Jämmerlichkeit von Supermarkt hängen stets einige der nicht mehr ganz nüchternen Anrainer mit Knasttränen – gerne in größeren Ansammlungen – ab, nuckeln an ihrem Schulle (für Nichtberliner: Schultheiss-Bier, eine geschmacklich unterirdische stinkende vergorene Zumutung), kotzen Lungenteer in Brocken vor den Eingang und unterhalten mehr die Umgebung als sich selber. Hannooooo! Haaaaannoooooooo! Fotzä. Fafatzda! Du Kackvochel! Hannomarindaaaaa! Ja. Mein Berlin. Schön hier. Prost. Es ist kurz vor Mittag. Ich überlege mir auch ein Bier zu kaufen. Eine bauchige Schulleflasche. Um nicht aufzufallen.

Vor dem Eingang des Nahkaufs werden von Morgen bis zum Ladenschluss diverse Berliner Obdachlosenzeitschriften feilgeboten, entweder vom oben beschriebenen eher weniger anonymen Alkoholiker-Adel, wenn für die Molle noch ein paar Groschen an den Start müssen, oder den diversen die schengensche Reisefreiheit genießenden südosteuropäischen Landfahrenden, die von S-Bahn über Alexanderplatz, Neuköllner Rathaus und Schönhauser Allee bis sogar nach Schöneweide inzwischen überall Geld von den Leuten haben wollen, um ihre Stütze aufzubessern. Klingel Klingel. Bittääää. Bittääää. Weil sie aus allen anderen europäischen Hauptstädten mit dem Kärcher aus den Gassen gefegt werden, kommen sie eben hierher. Hier in Berlin fliegt niemand raus. Uns ist alles egal. Wir nehmen alle und überlassen sie dann sich selber. Soziale Verwahrlosung als Maxime. Hütchenspiele. Fakemauerbröckchenverticker. Akkordeone. Trompeten. Sogar Banjos. Und achttausend Klingelbecher. Bittäää Bittäää. In dieser Stadt will im Drei-Minuten-Takt immer irgendwer mein Geld.

Der Supermarkt ist so trist wie ein Supermarkt nur sein kann – keine Innovation, keine Überraschung, keine Ausreißer, dafür ein dickes Billigspritregal mit allen prominenten Glücklichmachern: Kümmerling. Landgrafs Wodka. Prima Sprit. Alles da. Aus irgendeinem Grund haben sie auch eine Ecke mit Obst und Gemüse. Wer das hier kaufen soll ist mir ein Rätsel. Die zugehackten Bärtigen aus Spanien und anderen prekären EU-Staaten mit ihren immergleichen Ohrtunneln und Nasenpiercings, die der Supermarkt an die Kasse gesetzt hat und die aussehen als würden sie jeden Morgen zum Kaffee erstmal die Bong mit dem hochgepitchten Gras vom Görlitzer Park klarmachen, stört das Klientel des Regals nicht. Sie sehen aus als wäre ihnen auch sonst alles egal. Sie sind wahrscheinlich froh, wenn die die Kunden den Laden ohne zu offensichtlich zu klauen, mit dem Messer zu fuchteln oder eine Keilerei anzufangen wieder verlassen.

Eine Oma an der Tiefkühltheke mit den toxischen Chemiesalamibaguettes, von denen mir nach dem Verzehr bestimmt vor lauter Radioaktivität ein zweiter Penis wächst und zwar auf der Stirn, erzählt einer anderen Oma, dass der Laden hier gerne mal überfallen wird. Meine Güte, denke ich, das lohnt doch nicht, der Kundenandrang hier ist so unfassbar gering und der Umsatz folgerichtig so jämmerlich, dass es wahrscheinlich mehr Gewinn bringt, den in der Gegend sinnlos herumhängenden schuleschwänzenden Jugendlichen das auf den Schulhöfen des Bezirks erpresste Taschengeld oder den südostasiatischen Handlungsreisenden die Tageseinnahmen ihrer weißrussischen Stahlwollekippen abzunehmen.

Und sonst?

Nichts.

Reinstes Nichts. Hier will ich nicht hin, hier will ich weg.