Der Blaumacher

Guten Morgen anonymes Internet, ich bin ein Blaumacher. Ich mache manchmal blau. Also ich lasse mich krank schreiben, obwohl ich gar nicht krank bin. Ich habe da einen fantastischen uralten Doc Holiday am Start, der vermutlich schon zu Zeiten der Bauernkriege praktiziert hat, dem huste ich ein, zwei Mal ans greise Revers und dann greift der zum Stapel für die Krankschreibungen. Und er fragt dazu immer: „Ein oder zwei Wochen?“ Worauf ich sage: „Öhm, gehen auch drei? Ich hatte lange nicht…“ Dann muss ich zwischendrin zwar nochmal wiederkommen, aber er nickt und ich kriege die drei. Immer. Seit zehn Jahren mache ich das so. Ich mag den alten Mann. Wenn der irgendwann im heroischen Alter von 370 Jahren doch mal in Rente geht, wird mir was fehlen: Sein Krankschreibungsstapel, der es immer so flockig drei Wochen zusätzlichen Urlaub regnen lässt.

Drei Wochen. Das geht klar. Es gibt eine bestimmte Anzahl an Krankheitstagen, die bei uns im Borgwürfel, meinem unfassbar tollen Arbeitsplatz, dem Hort von Güte, Mana und Feenstaub, sozial akzeptiert ist. Das sind so um die 15 Arbeitstage im Jahr. Wenn Sie eine Frau sind, sind es ein paar mehr, 20, 21 Tage, 25 möglicherweise, wenn Sie den Personalchef ficken. So etwa. Da sagt keiner was. Manch Kloppi bei uns, der nicht weiß wie das Spiel läuft, hat mehr, bis zu zehn Tage pro Quartal, das fällt dann schon auf. Dann wird geunkt. Getratscht. Sozialgericht betrieben. Dann lässt das Teeküchengesabbel der sozialen Vernichtung die Guillotine kreisen. Aha, kuck an, der Pawlowski, schon wieder krank, jaja, dauernd krank, ob das mal stimmt mit dem Kranksein, kennt man ja. Zuhause sitzen, rummgammeln, den ganzen Tag zu Pornhub auf dem Flatscreen onanieren und wir müssen die ganze Arbeit machen. Ich will ja nicht sagen, dass er simuliert, aber er simuliert ja doch wohl… jaja. Bla. Seier Seier. Sie kennen das sicher. Soziale Strafgerichte in Borgwürfeln gibt es überall. Meist in Teeküchen. Vorzimmern. Beim Hausmeister im Kabuff.

Andere werden kaum krank. Oder auch gar nicht. Junge, dynamische Christian-Lindner-Gesichter zum Beispiel. Die wollen was werden, die wollen ganz nach oben, in die Einzelbüros in den Ecken des Borgwürfels mit Blick in zwei prominente Himmelsrichtungen, mit einer behighheelten Schnepfe mit zu viel Make-up auf den feisten Backen davor, die diese Blase von wirbellosen Kriechern abwimmelt, dort in die Etage mit den besseren Teppichen und eigener DeLonghi-Kaffeemaschine statt unserer Großautomatenscheiße, da wollen die hin und jeder Krankheitstag wirft sie dabei einen Tag zurück. Sie verachten Kranke. Das sagen sie auch. Krank = Schwäche = Verlierer. Sie husten, bellen, rotzen im Büro zur Winterzeit umher, sind aber nicht krank. Darauf bestehen sie. Ist doch nur Husten. Kläff Kläff. Die Typen würden sich mit Lepra ins Büro schleppen, gäbe es Lepra noch.

Diejenigen, denen alles egal geworden ist und die nur die nächsten Jahrzehnte bis zur Rente ohne größere Reibereien hinter sich bringen wollen (ich, ich bin so einer), versuchen, genau in diesem abgesteckten Rahmen der akzeptablen Krankheitstage zu bleiben. Nicht zu viel krank, aber auch nicht so wenig, um für so einen glitschigen Christian Lindner gehalten zu werden. Ich weiß ja wie die Dinge verlaufen, wenn man zu viel oder zu wenig will: Zu wenige Krankheitstage bedeuten, dass der Arbeitgeber auf den zuverlässigen Mitarbeiter bauen kann, was zwangsläufig folgendes nach sich zieht: Mehr Projekte, mehr Zuständigkeiten, mehr Verantwortlichkeiten, mehr Sonderaufträge, mehr Druck. Für das gleiche Geld natürlich. Keine Option. Ich habe mich davon verabschiedet. Ich strecke mich nicht mehr nach der blöden Karotte vor meiner Nase, die dann sowieso wieder eine vorzeigbare Teilzeitquotenfrau mit Homeoffice bekommt.

Auf der anderen Seite riskieren Sie bei zu vielen Krankheitstagen, dass Sie ins Visier der internen Ablaufoptimierer oder – noch schlimmer- der externen Beratermeute geraten, jene, die ab und zu die Prozesse durchfegen, um Schwachstellen im Betrieb zu identifizieren und diese gegen ein möglichst mickriges Handgeld freistellen. Solche Leute suchen Gründe, um nichtleistende Patienten los zu werden. Auch keine Option. Ich brauch‘ den Job. Ich will nicht nach Frankfurt, wo sie alle die Leute verklappen, die es in Berlin nicht bringen. Kein Bock drauf. Ich kann Frankfurt nicht leiden. Da will ich nicht hin, da will ich weg. Da zu leben muss schlimm sein. Allein diese seltsame Bembelmundart, bei der ich mir immer fast die Zunge abbeißen muss, um nicht vor Lachen in den Konferenzsaal zu bellen. Schrecklich. Selbst die eingeborenen Frankfurter Führungskräfte legen das nicht ab. Und wer da dauerhaft arbeiten muss, hat das jeden Tag. Bitte nein. Keine Option. Denn nur Sächsisch ist schlimmer.

Ich bin im Borgwürfel sozial in jeder Hinsicht unauffällig. Niemand bekommt von mir Kompromat. Auch hinsichtlich der Krankheitstage bin ich überhaupt nicht intrigentauglich. Ich bin der absolute Durchschnitt. Unter allen Radaren. Nicht zu gut, nie zu schlecht. Wenn ich irgendwann im Spätsommer bemerke, dass ich kaum krank war und somit in den Ruch derjenigen komme, denen man auch mal „mehr Verantwortung“ (= mehr undankbare Arbeit ohne mehr Geld) aufdrücken kann, baue ich meine Blaumachwochen ein. „Autschi, ja, Hexenschuss, das tut weh, kann ich Ihnen sagen, autsch’n, kann auf gar keinen Fall sitzen. Nein, stehen geht auch nicht. Geben Sie mir ein paar Wochen, dann bin ich wieder an Deck…“

Das was ich da fasele stimmt natürlich nicht, aber ich bin gut in Vortäuschen von Dingen. Eines meiner wenigen Talente. Ich bin ein großer Simulant. Sie würden mir jede Krankheit abnehmen. Ich lüge sowieso besser als jede Hafennutte. Ich mache Verträge und meine Verträge sind gut für uns und nur teilweise gut für Sie. Ich muss ein guter Lügner sein, sonst würden Sie mir diese Verträge gar nicht gegenzeichnen. Und wenn ich sage, dass ich krank bin, glaubt man mir das. Mittelspur. Auch hier bringt es wie immer die richtige Dosierung. Ich simuliere nicht zu derb, aber auch nicht zu lasch. Wohltemperierte Blaumacherei.

Es gibt bei der ganzen generalstabsmäßigen Blaumacherei nur ein Problem: Die Prenzlauer Allee.

Zwischen meiner Wohnung und der Kita, in der ich während der Blaumachwochen natürlich mein Kind verklappe, damit ich zuhause ungestört bei Bier, Erdnussflips und voller Lautstärke Call of Duty spielen kann, liegt die Prenzlauer Allee. Und ich weiß, dass einige aus dem Borgwürfel morgens zur und nachmittags von der Arbeit mit der M2 auf der Prenzlauer herumgurken. Genau dann, wenn ich das Kind hinbringe und wieder abhole. Berlin ist zwar groß, aber nicht so groß, dass mir nicht dauernd ein paar Pappnasen aus dem Borgwürfel auf der Prenzlauer Allee begegnen, die dann während meiner Blaumachphase natürlich merken, dass ich zwar krank geschrieben, aber gar nicht krank bin, wenn ich fröhlich zwischen Kita und Wohnung durch die Gegend hüpfen kann. Dumm das. Kann ich nicht bringen. Sonst winkt mir Frankfurt mit seinem scheiß Bembel aus der Gruft.

Und so überquere ich die Prenzlauer Allee wie ein Agent. Sonnenbrille, zumindest wenn die Sonne scheint, und Weddinger Currybutzenschick: Schnellfickerhose, verkackte Turnschuhe, fleckiger Hoodie, dessen Kapuze ich mir über die Birne ziehe. Damit keiner, der mich kennt, auf die Idee kommt, dass ich das bin.

Und für den Fall, dass mich doch einer aus der M2 heraus identifiziert, humpele ich, um einen Arztgang vortäuschen zu können, über den ampelbewehrten Fußgängerüberweg. Mann was bin ich krank. Von Pfeilen durchbohrt und Kugeln durchsiebt schleppt sich der Held zum Medizinmann. Huhu.

Das sieht alles ziemlich lächerlich aus, ist aber immer noch besser als wenn einer der Christian-Lindner-Hackfressen, von denen jeder gerne meinen Job haben würde, oder die blöde feministische Eule vom Betriebsrat, die mich liebend gerne durch einen Teilzeitmenschen ohne Penis ersetzen würde, mitbekommen, dass ich gar nicht krank bin und mich beim Personaldisponenten auf die Liste für den Bembel setzen lassen.

Ja. So ist das. Scheiß Prenzlauer Allee. Kackstraße. Zu wenig Großstadtdickicht. Da hilft nur eines: Wenn ich irgendwann einmal einen Baustadtrat auf meiner superkorrupten Gehaltsliste habe (also nie) oder seine Tochter heirate (auch nie), werde ich ihn zwingen, einen Fußgängertunnel unter der Prenzlauer Allee zu bauen, so dass ich nicht mehr blöd durch über freistehende Ampelübergänge humpeln muss. So eine Art Krötenwanderweg. Nur ohne Kröten, sondern mit mir. Weil ich hier nicht weg will. Weil ich gerne weiter entspannt blau machen will. Weil ich keinen Bock auf Bembel habe. Und natürlich weil die Christian Lindners nicht gewinnen dürfen.

Bald ist März. Bald nehme ich sie wieder. Die drei Wochen. Aua. Ach. Dieser Hexenschuß. Oder Magen-Darm. Noro. Grippaler Infekt. Hust Hust. Röchel und Rassel. Nicht schön. Aber muss ja. Bald. Wieder an Deck. Und so. Sie wissen ja. Sowas braucht Zeit. Habe ich das Bier schon auf den Balkon gepackt? Check. Flips gekauft? Check. Das Update von Red Dead Redemption 2 installiert? Check. Geprüft, dass Doc Holiday keinen Urlaub hat? Supercheck. Gut. Ich bin vorbereitet. Der März kann kommen.