Mit Mandy und Enrico in der Proletendisse

Was hat mich geritten? Wer hat mich hier hin geschleppt? Was tue ich hier? Es ist Mitternacht und ich stehe in einer Reihe mit solariumsgebräunten Spenderhirnkandidaten und ihren aufgeplusterten Lackjacken, debil kichernden Mandys mit knallroter Plattenbausträhne auf dem platinblonden Kopf und hinter mir steht sogar eine, die Mamas Buffalo-Plateau-Sneakers von kurz nach der Wende aufträgt. Der Typ vor mir saugt noch mal viel zu gewollt lässig an der Club Mate und knöpft sich theatralisch das Flanell-Hemd über dem Böhse-Onkelz-Shirt zu. Freakshow.

Ich bin im Kontrast. Ein Club. Eine Discothek, wenn Sie ein wenig älter sind. Sie steht weit im Osten. Hoppegarten. Kurz hinter der Grenze zu Brandenburg. Enrico-Land. Schakelyne-City. Ronny Olé. Und ich.

Soeben ist die ortsansässige Honda-Civic-Prominenz mit ihren tiefergelegten, vollverspoilerten und lila glanzlackierten Schmuckstücken vorgefahren, hat die Reifen zweimal quietschen lassen, einmal beim Abbremsen, dann wieder beim Anfahren und rast seitdem mit Bleifuß im Kreis durch das Industriegebiet. Super, gut dass das Revier nun auch markiert ist. Zwar nicht mit Urin am Baum, jedoch immerhin mit Gummi auf Asphalt. Ugga.

Diejenigen Sparschlümpfe, die sich vor dem Eintritt ungepflegt einen anballern, um an den Getränken drinnen zu sparen, stehen ein paar Meter weiter an einem tiefergelegten BMW aus den 90ern, nuckeln am Alkopop wie an der Milch und ziehen sich Konserventechno aus der Bassrolle rein. Fump Fump. Ey, Schajänn, ick bums dich nachher uffm Rücksitz. Hahaha. Gelächter. Schajänn lacht am lautesten.

Habe ich mir Sorgen gemacht, was ich anziehe? Haha, für den Arsch, hier ins Kontrast kommt wirklich jeder rein, sogar der Typ hinter mir, der eine dreifarbige Plastikjogginghose mit Knöpfen an der Seite trägt, deren Zweck ich nicht erfassen kann, aber egal, alles egal, Stil spielt keine Rolle, gar keine, auch wenn die Türsteher so wichtig tun als stünden wir gerade vor einem angesagten Promi-Club in Mitte, in dem jeden Moment die Ankunft einer Kardashian, Paris Hilton oder wenigstens Kader Loth erwartet wird. Leider nicht, es kommen nur Rocco und Eileen aus Marzahn.

Nein, das hier ist sicher kein wichtiger Club in Mitte, wir stehen hier nur kurz hinter Marzahn-Hellersdorf und das ist eine prollige Großraumdisco ganz knapp auf brandenburger Boden im sinnlos subventionierten Speckgürtel-Industriegebiet weit draußen.

Was mach ich nur hier? Crazy Friday, Wodka + Energy 2 Euro, tanzende Mädchen in Käfigen, nicht mal sonderlich professionell und auch nicht so ganz hübsch, aber trotzdem begeifert und angejohlt von besoffenen Jugendlichen der prekären Art, entweder kahlrasiert im Nazistyle mit Bartflaum oder nerdig-pseudo-alternativ mit Harry-Potter-Gesicht, die alle eins eint, nämlich die Tatsache, dass mit höherem Alkoholpegel das Aussehen der Käftigtanzenden nebst der ganzen Umgebung zunehmend egaler wird.

Vor lauter Verzweiflung mache ich das nach und schütte mir einen Wodka-Energy nach dem anderen rein, was nur den Effekt hat, dass ich nicht besoffen werde, sondern im Viertelstundentakt pissen muss und mich immer kurz nach dem Abstrullen gleich wieder in die Kloschlange stelle, hier in die Schlange vor dem Männerklo, vor dem fast nur Frauen stehen, weil die Schlange vor dem Frauenklo noch länger ist.

Lady Gaga dröhnt. Just dance! Uralter Kackpop der Nullerjahre. Hier herrscht 104.6 Hitradio RTL. Radio Energy. Dudelfunk mit dickem Bass. Balla Balla Kirmestechno. Der DJ labert irgendwas in die Musik wie früher auf der Schülerdisco. „Eine neue Runde eine neue Wahnsinnsfahrt!“ Nein, sagt er nicht, ich versteh nix, irgendwas mit „Hier geht’s ab“ oder „Party Time!“ oder so. Jetzt Haddaways „What is love?“ mit neuem Stampf-Stampf unterlegt. BUMPF BUMPF. What is love?! Ich brauch mehr Alk. Wodka pur jetzt. Baby, don’t hurt me! Gleich mal drei Kurze hinterweg. Jetzt geht’s. Jetzt halte ich das hier aus. Noch mehr Kurze. Komme sogar mit einer Schießbudenfigur ins Gespräch. „Eeeeehh isso urstgeil hier, wäh?“ und zupft an meinem Hemd. „Yo, ganz nett, gibt`s hier noch einen zweiten Floor?“ „Uääääh! Urstkrass. Paaaaaty! Gibbmamaln Schnaps, Alter“, säuft meinen Wodka aus und bewegt seine Tocotronic-Deppenfrisur zurück in den zappelnden Pulk.

Irgendwann summe ich mit, bewege auch mal meinen Arsch im Takt zur billigen Musik mit dem billigem Fusel in der Hand, je nebliger der Anblick desto gnädiger die Szenerie, BUMPF BUMPF „Ich bin der Anton aus Tirol!“. Habe ich das eben wirklich gehört? Summe ich noch oder sind das die Geräusche meines in seine Einzelzellen zersetzten Hirns? Und wer ist diese Mandy neben mir? Heißt heute wirklich noch jemand Mandy? Was soll das viel zu enge Hello Kitty-Shirt und der halb abgeblätterte babyrosa Nagellack auf den abgekauten Fingernägeln zu dieser platinblonden Strähne in den pechschwarz lackierten Haaren über den von viel zu viel Mascara malträtierten Augen? Sie heißt Pamela. Nebenan aus Marzahn. Keine Ahnung was sie redet. Irgendwas mit Urst und Geil. Eine Bildungsmisere auf zwei Beinen, die billige Netzstrümpfe mit Doc Martens kombiniert. Das ist doch alles Karikatur hier, irgendjemand will dich doch hochnehmen, in deiner ganz eigenen Truman Show, denke ich, bevor ich mir müde und mit vom billigen Wodka schwer gewordenen Schädel ein Taxi rufe und zurück fahre – weit, weit nach Westen.