McPaper – eine Groteske in vier Akten

Erster Akt

[Auftritt Kunde, legt einen Packen Kopierpapier auf die Ladentheke]
„Möchten Sie auch Tesa-Film?“
„Öh nein, wieso?“
„Ist im Angebot.“
„Ja, sehe ich, steht ja hier. Danke nein.“

[Kunde geht ab]

(…)

Zweiter Akt
[Auftritt Kunde, legt einen Packen Briefumschläge auf die Ladentheke]
„Brauchen Sie auch Filzstifte?“
„Nein, danke, wenn ich welche brauche, kaufe ich sie mir.“
„Sind aber im Angebot.“
„Danke, total toll, dass Sie mich auf die Option hinweisen, potenziell zwei Cent pro Filzstift im Vergleich zu gestern zu sparen, doch bedaure, ich brauche wirklich keine.“

[Kunde geht ab]

(…)

Dritter Akt
[Auftritt Kunde, legt Klarsichthüllen auf die Ladentheke]
„Brauchen Sie Paketband?“
„Paketband? Wofür?“
„Ist im Angebot.“
„Ja, danke, fantastisch, zum einen beantwortet das meine Frage nicht und zum anderen steht das ja hier. Ich werde mir allerdings erst Paketband kaufen, wenn das alte aufgebraucht ist. Dann gerne für zwei Cent mehr als heute. Das bin ich mir wert.“

[Kunde geht ab]

(…)

Vierter Akt
[Auftritt Kunde, legt einen Edding auf die Ladentheke]
„Brauchen Sie Heftklammern?“
Gewalt bricht Bahn. Eruptiv. Blut läuft auf Böden. Gehirn spritzt an Wände. Biomütter schreien. Jackwolfskinjackenväter heulen. Ein nonbinäres Transkind frisst einen glutenfreien Dinkelkeks.

[Vorhang]

(…)

Was stimmt mit der Welt nicht? Nur Idioten überall. Vor allem im Management. Und als Ausfluss dessen werde ich an den Kassen des Einzelhandels dieser Stadt zunehmend genervt. In den letzten Jahren hat sich nicht nur bei gesichtslosen Dumpingketten wie McPaper die Unsitte ausgebreitet, mir an der Kasse ein weiteres Produkt an die Titte zu labern, das ich gar nicht kaufen möchte, da ich es sonst von selber auf die Theke gelegt hätte, sondern diesem unseligen Trend hat sich auch meine unsägliche Postfiliale angeschlossen, weil die jeden Mist kopiert inklusive der Beratermär, mit weniger Personal mehr Kundenorientierung erreichen zu können.
„Guten Tag, ich möchte gerne ein Paket abholen.“
(…)
„Hier bitte. Unterschreiben Sie hier.“
(unterschreib)
„Danke, auf Wiedersehen.“
„Moment. Möchten Sie Ihren Telefonanbieter wechseln?“
„Warum sollte ich? Und warum bei Ihnen?“
„Wir haben ein Angebot. ADHS-V-DSL250000 mit 20 Freistunden-Flatrate in die Länder Polen, Ukraine und Bangladesh mit Double-Prepaid-Funktion und Callback-Red-Dead-Braincrap-Tarif mit Entertain-You – inklusive Aids-Me-To-Hell-Aufsatteloption – mit 3760 Spartenfernsehprogrammen und WIFI-HD-XTC-Videoload-Zugriff für sagenhafte 98,99 im Monat!“
„Oh mein Gott nein, ich habe kein Wort verstanden, was ist das für eine Sprache? Bitte nicht noch mehr davon. Auf Wiedersehen.“
„Moment. Möchten Sie Ihren Stromanbieter wechseln?“
„Was bitte?“
„Ihren Stromanbieter wechseln.“
„Nein, weil hab ich letzten Monat gemacht. Ich habe jetzt tollen billigen Atomstrom aus Kasachstan.“
„Wir haben hier ein tolles Angebot von Lichtblick, womit Sie gleichzeitig die Umwelt schonen.“
„Danke nein.“
„Aber damit können Sie was für die Umwelt tun.“
„Danke nein.“
„Möchten Sie denn nichts für die Umwelt tun?“
„Nein, ich hasse die Umwelt, außerdem möchte ich, dass Sie tot umfallen, wenn Sie nicht aufhören, mich blöde Dinge zu fragen. Eines interessiert mich: Hassen Sie Ihren Job? Oder fragen Sie tatsächlich gerne blöde Menschen aus Ihrer blöden Warteschlange blöde Dinge den blöden langen Tag lang?“
Ehrlich, was soll das? Warum verkauft mir die Post Ökostrom? Und überhaupt: Wer bei Lichtblick unterschreibt, trennt auch seinen Müll und frisst vegan. Da ich mein Fleisch – vorwiegend von süßen unschuldigen Lämmern mit Welpenblick – gerne blutig esse und meine Mülltrennung daraus besteht, die Biotonne mit alten Festplatten und den Papiercontainer mit leergesoffenen Weinflaschen zu befüllen, damit der bündnisgrüne Müllzettelnazi aus dem Nachbarwohnung immer wieder neue Gründe hat, neue mahnende Müllzettelnazizettel zu schreiben, ist ein Wechsel zu Lichtblick schon aus Gründen des schieren Protests keine Option, es sei denn, die sind billiger als der von verstrahlten Kindern hergestellte Atomstrom aus einem Polizeistaat in Zentralasien.
Es ist sowieso absurd, dass mir meine Postfiliale ein völlig sachfremdes Produkt verkaufen will, nach dem ich nicht verlangt habe und das mit dem Kerngeschäft mal rein gar nix zu tun hat. Ökostrom. Ausgerechnet die Post. Gerade die mit den kerosinfressenden DHL-Großraumflugzeugen und spritfressenden Mercedes-Sprintern. Ausgerechnet die. Wollen mir ein schlechtes Gewissen machen, indem sie mich nötigen, bei diesem völlig überteuerten Öko-Blender-Pseudogutes-Gewissen-Macher für die lactosefreie Lifestyle-Schickeria in Prenzlauer Berg zu unterschreiben, der natürlich ebenfalls Atom- und Kohlestrom im Energiemix am Start hat, aber das weiß wieder keiner dieser ganzen Ökopupsgesichter, die hier in Prenzlauer Berg das Bestellen überteuerten Stroms für einen Dienst an der Umwelt halten, damit sie als Ausgleich weiterhin ihre debilen Kinder mit dem Infiniti Van die 500 Meter in die garantiert flüchtlingsfreie Privatschule fahren können.

Und ganz grundsätzlich gilt: Ich möchte an der Kasse einfach nur bezahlen und gehen. Ende. Aus. Mehr nicht. Leider geht so etwas absurd einfaches kaum noch, das ist ja altmodisch, denn heute muss man an der Kasse genervt werden mit Fragen zu absurden Dingen, Stromanbieter, Paybackkarten, Treueherzen und Pupsgesichtklebebildchen für Pupsgesichtsammelbände. Diese Woche vom Aussterben bedrohte Tiere zum Einkleben. Das Album heute nur 13,99. Was soll der Scheiß? Ich möchte zu meinem Duschgel bei DM keine Diskussion über Babywindeln, bei McPaper zu meinem Pritt-Stift keine Diskussion über Geschenkpapier, nicht jeden Tag immer wieder Fragen nach irgendeiner Rabattkartenklebescheiße verneinen müssen und in meiner Postfiliale – wenn ich dort schon in stoischem Gleichmut die räudigen 45 Minuten Wartezeit in der Warteschlange des ultimativen Hirntods durchlitten habe – keine Diskussion über den dummen Öko-Strom dieser dummen verwöhnten Biopappnasen, die in den letzten zehn Jahren meinen Bezirk bis in die letzte unsanierte Altbauecke geflutet haben.

Hey, McPaper, weeste wat, an dir komme ich vorbei, locker, dich brauche ich nicht, ich bestelle ab jetzt endgültig alles im Internet, auch wenn das wieder mal zu kurz gedacht ist, weil ich dann doch wieder in der Schlange bei der unseligen Postfiliale verrotte, bei der ich Zwangskunde bin, bis ich irgendwann abkratze und endlich meine Ruhe habe. Denn die Postfiliale hat immer noch ihr Monopol auf meine Pakete hier im Kiez, also werde ich auch weiterhin jede Woche mehrmals immer wieder Menschen, die ich weder kenne noch kennen lernen möchte, erklären, warum ich weder zu Lichtblick wechseln noch den neuen Entertain-Set-Top-Flat-Chick-Chack-Fickmichweg-Premium-Freistunden-WIFI-HD-MDMA-LEPRA-Tarif der Telekom haben will. Willkommen zu meinem Trauerlos. Mein Leben in der ewigen Nervschleife. Hört einer auf zu nerven, kommt der nächste. Von Kasse zu Kasse. Von Tag zu Tag. Blep Blep. Knall mich doch bitte endlich einer ab. Nicht dass ich am Ende noch wundgescheuert bei Lichtblick unterschreibe und Ökostrom beziehe. Oder bei McPaper einen Textmarker kaufe. In rosa.