Lost am Hermannplatz

Oh, bitte entschuldigen Sie, mein Fehler, ich wollte nicht stören, denke ich, als ich Minute für Minute vor dem Tresen stehe, um ein paar salzige gebrannte Kürbiskerne zu kaufen. Der Raum ist leer bis auf einen Tisch, an dem zwei Frauen sitzen, von denen ich nicht weiß, ob sie Gäste sind oder zum Laden gehören. Sie palavern und schauen gelegentlich irritiert zu mir her, als hätten sie hier in der Nähe des Hermannplatzes schon seit Jahren keinen leibhaftigen Mitteleuropäer mehr gesehen. Natürlich bin ich hier der Exot. Und natürlich geht das klar. Ich wohne in Berlin. Hier ist jeder irgendwo irgendwann ein Exot. Von Glas zu Glas. Von Bezirk zu Bezirk. Eckensteher zu Eckensteher.

Ich nutze die Zeit, die ich nicht habe, um die Auslagen zu betrachten. Nüsse, gebrannte Kerne aller Art und Trockenobst. Bis auf das Trockenobst ist das ganze Zeug in Prenzlauer Berg nicht zu haben, deshalb fahre ich hierher. Hermannplatz. Hysteriehotspot. Huhu. No-go-Area. Sagen sie. Ist Unsinn, doch sie sagen es. Schreiben es. Faseln sich ihre Nullethosmärchen zusammen. Verschnitte. Basteleien. Journalismus 2019. Die Leute, die den noch betreiben müssen, weil sie nichts vernünftiges gelernt haben, stehen im Ansehen bei jenen, die noch einer ehrlichen Arbeit nachgehen, unter diesen Drückern an der Haustüre, die ihre billigen Weihnachtskartendrucke als von behinderten Waisenkindern selbst gemalt verbrämen.

Ich stehe immer noch seltsam verloren im Raum herum. Vielleicht kann ich hier ja auch warm essen, denke ich, vorausgesetzt, jemand kommt und will etwas verkaufen, immerhin ist Mittag, ich könnte etwas vertragen. Kumpir. Falafel. Irgendetwas arabisches. Egal. Ich habe gute Laune. Draußen wird es Frühling im Februar und ich finde das gut.

Ich bin der einzige Kunde hier, doch es fühlt sich an, als stünde ich in einer durchschnittlich gruseligen kaputtoptimierten Postfiliale in der Warteschlange des Grauens, denn es geht nichts voran. Ich stehe da, wippe mit den Füßen, trommele mit den Fingern, die beiden Frauen da hinten in der Ecke palavern immer noch, doch ich weiß nicht worum es geht, denn ich kann die Sprache nicht verstehen, sonst hätte ich wenigstens ein Stück Zerstreuung für mein Gehirn in seinem Leerlauf. In regelmäßigen Abständen fliegt vom Tisch ein Lachen herüber und ich freue mich höflich mit. Lachende Menschen finde ich grundsätzlich gut. Es hebt mir die Laune noch ein Stück. Es bringt sogar noch mehr Freude als 12 Grad im Hauptstadtfebruar. Da. Wieder ein Lachen. Vielleicht lachen sie mich auch aus, wer weiß das schon so genau? Ich schaue aus dem Schaufenster. Die Sonne scheint. 12 Grad. Februar. Da geht noch was. Ich glaube, ich werde mir einen Diesel kaufen.

Wie immer, wenn ich warten muss, packe ich mein Smartphone aus und spiele eine Runde Online-Fußball-Manager. Mein Team hat gerade im Pokal gegen eine Mannschaft verloren, die 10 Punkte schwächer ist als meine. Ich bin sauer und analysiere die Ursachen, vielleicht hätte ich Mozzarelli nicht im rechten offensiven Mittelfeld einsetzen sollen, sondern als alleinige Sturmspitze vor C.C.I. Uhrmacher als Flankengeber. Oder ich muss einfach diesen Heute-nur-10-Euro-Superteambooster kaufen, den mir die App jede Viertelstunde anbietet. Keine Ahnung. Wer weiß schon immer im Leben, welcher der richtige Weg ist. Kaufen. Nicht kaufen. Einwechseln. Auswechseln. Vielleicht hätte ich auch zu einer anderen Nüsse- und Falafelbutze gehen sollen, die mir etwas verkaufen möchte, nach Wedding vielleicht. Oder Sonnenallee. Altona. Stuttgart-Heslach. Wer weiß schon immer was so alles richtig ist im Leben. Und was weiß ich denn warum ich ausgerechnet hier stehe und minütlich ein Stück älter und grauer werde.

Während ich überlege, ob ich meinen Torwart durch ein Jungtalent aus meiner Kaderschmiede ersetzen soll und ob ich hier auf der Straße des Lebens vor der Theke der Falafel- und Nüssebutze einfach mal wieder nur falsch abgebogen bin, so dass sich diese Frage überhaupt stellt, steht eine der beiden Damen auf, geht hinter die Theke und fragt mich missmutig, was ich denn haben will.

Ich nehme den Fehdehandschuh nicht auf, sondern setze ein hier unpassend charmantes Lächeln auf und bitte um Kürbiskerne, gesalzen. Immer gesalzen. Allein das Lächeln bekomme ich hier heute nicht zurück, doch ich bin ob des überraschend ausgebrochenen Frühlings immer noch sehr guter Laune und trage nichts nach. Das Falafelsandwich bestelle ich lieber nicht, mir ist das zu heikel hier heute. Ich mag nicht mehr stören als notwendig.

Kurze Zeit später auf dem Hermannplatz, als ich die Kürbiskerne aufmache und eine Schalenspur nach Prenzlauer Berg legen will, stelle ich fest, dass sie nicht gesalzen sind. Das ist nicht schön. Ich mag keine ungesalzenen Kürbiskerne und spendiere sie einer Gruppe speckiger Tauben, die danach den öffentlichen Raum hoffentlich noch mehr vollkacken werden als sowieso schon…

… nur um den Hermannplatz zu ärgern.