Ist doch nur Männerzeug

Das Internet quillt bis weit über den Sättigungsgrad hinaus über vor Texten über Frauen, die nicht in eine bestimmte Rolle gepresst werden wollen. Der Nabel der Welt in den gängigen Onlinemedien ist seit vielen Jahren bombenfest definiert: Frauen. Frauen. Frauen. Frauen. Und Frauen. Zeit Online. Spiegel Online. Inzwischen auch Faz Online. Ein tausendstimmiger Chor, aber nur ein Tenor: Den Frauen in diesem Land geht es schlecht. Sie finden wütende Texte, traurige Texte, lustige Texte, Comics, Hasspredigten, Bleiwüsten, semiwissenschaftliche Ausarbeitungen und gemeinsam haben sie immer nur eine Botschaft: Sehr schlecht. Den Frauen. Irgendwer zwingt Frauen, Dinge zu tun, die sie nicht wollen. Frauen müssen aus irgendeinem Grund so sein wie sie nicht sein wollen. Und irgendwer sorgt immer dafür, dass Frauen klein bleiben. Kurz: Ein übler Zustand. Als Frau in Deutschland zu leben muss die Hölle sein.

Über Befindlichkeiten von Männern finden Sie wenig. Streng genommen finden Sie auf der Meinungshauptstraße des Internets gar nix, dafür müssen Sie in die abseitigen Ecken des Internets blicken, in die ignorierten, verlachten Ecken, womöglich sogar über den Rand des von der im Moment herrschenden Meinung Akzeptierten. Da stehen dann die Dinge, über die ich mir auch Gedanken mache. Und sie stehen nur dort.

Und natürlich mache ich mir viele Gedanken. Wer definiert eigentlich was so eine Männerrolle ist? Wer legt das denn fest? Wer sagt mir denn dauernd wie ich sein soll? Was ich tun soll? Wie ich mich verhalten soll? Ich weiß nicht wie das bei Ihnen ist, aber bei mir sind das meistens Frauen.

Lassen Sie mich mit einer ganz einfachen Sache beginnen: Wer trägt eigentlich den fiesen schweren Koffer, in dessen Inneren dem Gewicht nach nur Stahlträger gelagert sein können? Treppen. Etagen. ICE-Einstiege. Aus dem Auto aufs Rollband des Gates. Ich trage die. Für Frauen. Immer. Frauen können die Scheißdinger zwar packen, aber nicht tragen. Müssen sie auch nicht. Dafür gibt es mich. Ich trage alles.

Noch mehr Banales: Wer bohrt denn so ein Loch in die Wand für diese Dübel, in die Schrauben kommen, an die furchtbar hässliche expressionistische Bilder gehängt werden müssen? Wer macht die Verstopfung im Klo weg? Wer pult die Haarknoten aus dem Abfluss? Wer geht raus in den Schneesturm und erlegt die Brötchen für das Frühstück des One-Night-Stands? Wer tötet diese fette schwarze Spinne in der Badewanne, massenhaft Wespen im Berliner Spätsommer oder diese üblen fünf Kakerlaken im Badezimmer eines usbekischen Hotels in Buchara? Knack. Flatsch. Ich. Das bin ich. Egal wo ich bin. Urlaub. Geburtstag. Arbeitsplatz. Kurzzeitbeziehung. Ich. Das bin ich. Ich mache das alles. Ich weiß nicht wo sie leben, diese ganzen Frauen, von denen Spiegel Online immer schreibt, diejenigen, die immer alles können, alles und sowieso alles besser als Männer. Ich habe wirklich keine Ahnung wo die sind. Bei mir in der Nähe sind die nicht.

Habe ich Bock auf den ganzen Mist? Nein, habe ich nicht. Hatte ich nie. Auf gar nichts davon. Ich habe überhaupt keinen Bock auf das, was Männer so ausmachen soll. Was Männer tun sollen. Was sie angeblich gerne tun. Was ihre Rolle ist. Was man ihnen zuschreibt. Aufträgt. Ich habe überhaupt keine Lust auf das, was Frauen von mir erwarten.

Ich habe übrigens auch kein Talent für Handwerk. Es macht mir keinen Spaß. Oh, darf ich das sagen? Fühlt sich so seltsam gut an, also gleich nochmal: Kein Talent für Handwerk. Habe ich nicht. Ich mag das auch gar nicht. Trotzdem mache ich es. Ständig. Der Erwartungen wegen, die in mich gesetzt werden. Ich mache das alles. Ich habe im Laufe der Jahre einige Dinge gelernt und die kann ich jetzt. Dinge, die ein Mann können muss, weil andere in einem Alter, in dem das noch sehr weh tut, über einen lachen, wenn man es nicht kann und keine Frau einen Typen ernst nimmt, der eine handwerkliche Pfeife ist. Es gibt Dinge, die müssen Sie als Mann drauf haben, sonst sind Sie schlicht keiner. Steckdosen anschrauben. Gardinenstangen anbringen. Scheiße bohren. Scheiße dübeln. Scheiße lackieren. Scheiße leimen. Ikeascheiße aufbauen. Ikeascheiße abbauen. Ikeascheiße auf den Schultern zum Recyclinghof bringen. Scheiße verspachteln. Scheiße verfugen. Scheiße von der Wand kloppen, weil schief. Kann ich. Hab‘ ich gelernt. Ich kann sogar ganze Wände mit Fliesen vollpappen. Mit Fliesenkreuzen natürlich. Aber Talent? Niemals. Mir macht der Mist nicht mal Spaß, obwohl überall steht, dass uns Männern sowas Spaß machen muss. Mir nicht. Ich bin der, an dem Hornbachs Vollidiotenwerbung für arme Sprallos ohne Selbstwertgefühl äonenweit vorbei geht. Yippie yeh.

Werkstätten sind auch etwas, das ich hasse. Als Mann muss ich nämlich unbedingt Ahnung von Autos und Motoren haben. Steht überall. Sagt jeder. Habe ich nur nicht. Kein Stück. Ich weiß gar nichts von diesem Metallblock, der bei mir unter der Motorhaube vor sich hin tuckert. Ich kann dem Metallblock Öl geben, Wasser für die Kühlung und die Scheibenpissanlage. Das war es dann. Mehr kann ich nicht. Mehr weiß ich auch nicht. Jeder Mechatronikerazubi im ersten Lehrjahr kann mich über den Tisch ziehen. Ich habe keine Ahnung von Autos. Ich mache die Motorhaube auf und dann ist da nur dieser Metallblock, der für mich immer nur ein Metallblock bleiben wird. Zugegeben, ich kann die Dinger ziemlich gut fahren, jeden Tag problemlos eine andere Marke und gerne den Firmenwagen hoch auf 240 auf der A13 zwischen Berlin und Dresden (wir haben im Borgwürfel, meinem Arbeitsplatz, ganz viele schöne große Mercedesse und die zu fahren ist wunderbar männlich). Ich rase gerne auf deutschen Autobahnen herum, Bleifuß olé, auf dass das Wartungsbudget des Borgwürfels gesprengt wird, doch sonst habe ich keine Ahnung wie so ein Auto funktioniert und was sein Innerstes zusammenhält. Autos sind Gebrauchsgegenstände wie Massagessessel, Smartphones oder Dildos. Nützlich, aber wie sie funktionieren ist mir scheißegal. Ich schaue nicht mal Formel 1 oder die DTM. Ich finde Autorennen dämlich und Champagnerduschen kindisch. Und alle Werkstätten sind scheiße. Ich mag es dort nicht. Es zieht und stinkt. Und die Menschen dort reden von kryptischen Dingen und wollen viel Geld von mir dafür.

Ich bin sogar noch unmännlicher: Ich müsste, ginge es nach mir, gar nicht mal unbedingt selber fahren, sondern warte vielmehr auf die Zeit, in der ich mit einer App (nennen wir sie spaßhalber Google Go) ein selbstfahrendes Auto bestellen kann, das Minuten später an meiner Haustüre oder wo auch immer ich mich befinde andockt und mich ganz von alleine irgendwo hinfährt, besoffen von der Kneipe, früh das Kind zur Schule oder quer durch Europa, wenn ich will, während ich in einem Sessel fläze, einen Film schaue, penne, lese, ein eBook höre und warte, bis das Google Go-Selbstfahrende Auto mich an den Zielort gebracht hat und danach das Geld für den Transfer von Paypal abbucht. Toll. Nie wieder selbst fahren. Und wenn das Ding kaputt ist, kommt der ADAC (oder eine weniger korrupte Alternative) und macht die Dinge wieder heil. Oder ein anderes Fahrzeug kommt angefahren, das mich aufsammelt und zum Ziel bringt.

Und kein Halbhirn mit Schmierol am Mundwinkel bekommt mehr die Gelegenheit, mit der Heldentat zu prahlen, selbst eine Nockenwelle ausgewechselt zu haben und sich damit zu fühlen wie Gottes eigener Suffschiss auf den Feldern der ewig blasierten Eitelkeit. Und kein Honk lässt mehr nachts um 2 unter meinem offenen Schlafzimmerfenster den Motor aufheulen und die Reifen quietschen, weil das so toll männlich ist.

Ich habe übrigens gar keine Ahnung, was eine Nockenwelle ist und was sie will. Ja. Bedaure sehr. Lichtmaschine. Vergaser. Katalysator. Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ich mag das alles nicht, ich mag sowieso das Meiste nicht, was Männer ausmacht, auch wenn ich das Meiste davon unfreiwillig tatsächlich kann: Ich kann auf Kommando rülpsen, sogar das Alphabet bis N, ich kann Bierflaschen mit dem Zippo aufmachen, mit dem Buttermesser, an einer Mauerkante, wenn es sein muss. Ich kann die blöden Harleys meiner Kumpels bewundern, ein paar fachkundige Fragen habe ich auch drauf, die ich immer wieder stelle, weil sie vergessen haben, dass sie mir die Antwort schon dreimal erzählt haben. Ich pose auch mit nutzlosem angelesenem Wissen, rezitiere die Aromen eines Single Malts, ich betreibe Wettsaufen mit billigem Scheißfusel, wenn es der Teambildung dient, ich kann inzwischen auf Arbeit auch dieses stupide Schwanzvergleich-Ich-habe-letztes-Quartal-mehr-Verträge-als-du-abgeschlossen-Idiotenmännerritual mitspielen, ich renoviere auf Anforderung von Frauen eine Frauenwohnung nach der anderen wie ein Weltmeister, schleppe Frauenkoffer durch Berlin, hole mit dem Schraubenzieher Frauenhaare aus allen möglichen Abflüssen, ich trage übelste Frauenwaschmaschinen die Treppen hinauf und ein paar Jahre später wieder hinunter und fluche mir sehr männlich das Karma aus dem Leib, weil mir der Rücken weh tut. Und wenn eine Hornisse zu töten ist (aber natürlich töte ich Hornissen, weil Hornissen scheiße sind), übernehme ich das, noch bevor alle Frauen in Panik vom Balkon springen.

Läuft. So als Mann. Ugga Ugga. Indianer weint nicht. Völlig klar, dass ich als Mann nie weine. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Denn keiner mag weinende Männer. Frauen schon gleich gar nicht. Unattraktiver geht kaum. Würden wir uns persönlich kennen, würde ich Ihnen nie erzählen, dass ich weine, wenn alleine bin. Ich bin doch nicht bekloppt. Weinen. Huhu. Was für ein Opfer. Gibt doch keiner gerne zu, der irgendwann noch mal ernst genommen werden möchte. Männer weinen nicht. Ich weine nicht. Ich bin der härteste Typ der Welt. Sie kriegen mich nie. Sie finden keinen meiner schwachen Punkte. Denn die habe ich abgesichert. Fünffach. Und wenn Sie den mal zufällig treffen, werden Sie nie merken, dass Sie mich getroffen haben. Keine Regung von mir dazu. Keine.

Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der das so macht. Ich tippe darauf, dass die meisten von uns sich ähnlich hart gemacht haben. Zumindest die, die als zu weich befunden wurden. Und unser Innerstes schützen wir als wäre er der einzige Schatz, den wir haben. Mauern. Stacheldraht. Flüssiges Pech aus Töpfen. Ich mache das so. An meinen Kern lasse ich nie jemanden ran. Außer Sie arbeiten viele quälende Jahre daran. Oder Sie sind mein Therapeut und bekommen von mir Geld, dass Sie sich meinen ganzen aufgestauten Scheiß anhören.

Ich habe immer an dem geschätzt zweistelligen Prozentsatz an Männern gelitten, die Sie ohne daneben liegen zu können als absolute Sozialkrüppel bezeichnen können. Den echten Soziopathen. Pennern. Charakterschweinen. Denen, die sie jeden Tag von vorne bis hinten durch die Medien ziehen. Männer. Schweine. Men. Trash. Und so. Diese Typen dominieren das Bild, das sich die Gesellschaft derzeit von Männern zusammenbastelt. Diejenigen, von denen ich weiß, dass sie bei weitem die Mehrheit sind, die Zweifler, die Verständnisvollen, die Introvertierten, die Ruhigen, die immer für zu weich Befundenen haben oft schon früh unter genau denen, die sie uns im Moment als männlichen Regelfall verkaufen wollen, gelitten. Sie haben uns verprügelt, gemobbt, abgezogen, lächerlich gemacht. Oft unter dem Beifall von Frauen. Deshalb haben wir uns härter gemacht, haben das Spiel mitgespielt. Haben zurück geschlagen. Sind vielleicht auch vom Gemobbten zum Mobber geworden, weil das gar nicht so schwer ist, wenn man erst mal begriffen hat, wie das Spiel an den weniger privilegierten Schulen dieser Stadt gespielt wird. Wir haben uns abgegrenzt, trainiert, sind zu den Stärkeren geworden. Die niemand mehr umhauen kann. Die niemand mehr fertigmachen kann. Wir sind stark geworden. Wir sind hart geworden. Wir sind das geworden, was sie Mann nennen. Wir sind genau so geworden wie sie uns haben wollen. Wir erfüllen die Erwartungen. Und kommen da nicht mehr raus.

Spaß macht das alles nicht. Ich mache das alles, weil ich es kann. Weil ich es gelernt habe. Bis ich ganz anders geworden bin als ich ursprünglich war. Charakter gedehnt. Modifiziert. Anders verhalten als je gewollt. Ganz anders geworden. Die Rolle angenommen. Weil Männer das tun sollen. Weil Männer so sein sollen. Weil keiner danach fragt, ob ich das will. Oder was ich will. Dass ich überhaupt was will. Weil jeder irritiert ist, wenn irgendwas nicht der Rolle entspricht. Depressionen. Schwäche. Die handwerkliche Nullnummer. Weil Sie als weicher Mann unter alle Räder kommen, wenn Sie sich nicht anpassen und genauso werden. Sie würde dominiert werden von anderen Männern. Und verlacht von Frauen. Schließen Sie Frieden mit dem Fakt, dass außerhalb der künstlichen Filterblasen irgendwo im Internet niemand Verwendung für einen Beta-Mann hat. Will keiner. Braucht keiner. Kann sich löschen.

Ich war mal Gast in einer WG. Einer Frauen-WG. Die brauchten jemanden zum Tapezieren und ich kann das. Irgendwann nach der zwanzigsten Bahn lief das WG-Klo über, weil die Bewohner von oben Binden und Tampons ins Klo geschmissen haben, die sich an einem Knick des Fallrohrs auf Höhe der Toilette der WG, in der ich gerade tapezierte, verkeilten und der gesamte Toilettenunrat aller oberen Etagen zur Schüssel rauskam und sich auf den Bodenfliesen verteilte: Fester Kot, flüssiger Kot, Pisse, Tampons, Essensreste, Toilettenpapier. Ein Fäkalienalbtraum.

Als das passierte, waren fünf Frauen anwesend. Und ein Mann. Der war ich. Raten Sie doch mal, wer auf keinen Fall in die Nähe dieses vollgeschissenen Badinfernos kommen wollte und wer statt denen, die da wohnten, barfuß mit Eimer und Schippe da rein ging und das alles entfernt hat? Und raten Sie noch einmal, wer danach eine Klempnerspirale organisiert und tief in das Fallrohr gedreht hat, wonach ihm noch mehr Kot, Pisse, Essen und ein einsames blutiges Tampon entgegen kam.

Na? Wer war das? Kommen Sie. Klarer Fall. Natürlich waren es nicht die Frauen. Die saßen im Wohnzimmer und erörterten die Weltlage. Die wollten das Problem nicht angehen. Denn dafür gab es ja mich. Die Definition, was Männerarbeit ist, war schnell Konsens: Zur Männerarbeit gehört Scheiße wegmachen.

Kommen Sie mir also bitte nicht mehr mit diesen ganzen Gendertheorien von wegen dass die Gesellschaft Frauen in vollkommen unmögliche und indiskutable Rollen presst, wenn Sie, weil Sie der Mann sind, nicht wenigstens einmal literweise frisch geschissene Kacke in einen Eimer geschippt haben, weil es kein anderer machen wollte.

So machen sie Männer aus uns. Stahlbad. Blut. Tränen. Abhärten. Scheiße schippen. Immer wieder. Und dann von vorne. Das hat funktioniert. Ich bin das geworden, was einen Mann ausmacht. Ich mache alles. Keine Blöße. Keine Schwäche. Nie eine Träne. Und wenn Scheiße wegzumachen ist, mache ich die weg. Ohne Ausnahme klaglos. Und sie werden mich dabei nie schwach werden sehen. Sie werden mich außerhalb dieser kleinen schäbigen anonymen Ecke im Internet auch nie klagen hören. Kein Jammern. Kein Zetern. Keine Beschwerde. Ich halte alles aus. Ich erfülle jede Pflicht. Ich bin ein wirklich toller Kerl. Sagt jede. Nachdem ich ihr den Bürokühlschrank von der linken in die rechte Ecke des Büros getragen habe und ein paar Wochen wieder zurück in die linke. Weil er da besser aussieht.