Zuckungen im Schwebebad

Ich soll entspannen, sagt der Wellnessgutschein für einen Salzwassertank. Schweben soll ich, auf Salzlake, zu beruhigender Musik, mich verlieren in Raum und Zeit und dadurch meine Abwehrkräfte stärken. Steht da. Das ist doch wieder eine dieser dekadenten Yuppie-Eso-Heilsteine-Ufos-gelangweilte-Steglitzer-Hausfrauen-Erfindungen, mit denen du so viel anfangen kannst wie mit einer Fußreflexzonenmassage, indischen Räucherstäbchen oder einer Gurkenmaske auf Ayurvedabasis, äfft mein gewohnt desillusioniertes Großstadthirn beim Lesen des Gutscheins.

Und hier liege ich nun im Salz und merke, dass es ein Fehler war, mal wieder am Nagelbett vom Daumen rumzukauen, so dass das rohe Fleisch frei liegt. Das Salz brennt an dieser Stelle wie Hölle. Hätte ich mir auch denken können, Salz und halboffene Wunde eben, selber schuld. Irgendwann klingt das Brennen ab. Aha. Sehr gut. Die Wunde ist also entweder durch das Salz neutralisiert worden oder mein degeneriertes Hirn hat den Dauerschmerz auf Gewohnheit umgeschaltet. Begeisterung bricht Bahn. Der menschliche Körper ist toll. Er regelt die Dinge. Wie immer. Ich muss ihn nur machen lassen und Geduld haben.

Ich entspanne. Überhaupt nicht.

Die Panflötenindianer vom Alexanderplatz flöten Panflötenmusik durch ihre Panflöten. Aus dem Lautsprecher über mir. Ich liege da und es passiert … nichts. Damit kann ich nicht umgehen. Mein Zeh wippt. Ich erfinde einen Schlagzeugrhythmus zum Panflötengedudel. Bum-Tschaka-Bum-Tisch-Tisch-Tschaka-Bum. Dengel. Dengel. Zimbel. Mein Zeigefinger wippt mit.

Es passiert immer noch … nichts. Es ist dunkel, ich schwebe übers Wasser und es passiert tatsächlich … überhaupt … nichts. Das geht so nicht. Ich spiele das Schlagzeug schneller. Jetzt ein kurzes Snaredrumsolo zur Panflöte bevor der Double-Bass einsetzt. Rock on. Wacken feiert mich.

Dann denke ich. Ich denke all die Sachen, von denen mich sonst diese laute stinkende Stadt ablenkt. Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was kochst du am Wochenende? Warum gewinnst du nie irgendetwas im Lotto? Woher nimmt mein Nachbar, der grünwählende analfixierte Mülltrennungsnazi, die unglaubliche Energie, immer wieder aufs Neue maulig-mahnende Zettel an die Mülltonnen zu heften, wenn er wieder meine leeren Batterien oder eine von mir selbst ausgebaute und geschredderte Festplatte in seinem blöden stinkenden Heiligtum namens Biotonne entdeckt? Und warum eigentlich gibt es immer zu wenige grüne Gummibärchen in der verfickten Haribo-Packung?

Dann läuft Kopfkino. Alle Spiele der Playstation wechseln sich mit den Egoshootern vom Notebook ab. Ich rekapituliere die letzten Spielstände der Strategiespiel-Zeitfresser und überlege, ob ich beim letzten Civilization-Match nicht doch besser die Franzosen statt der Russen zuerst hätte plattmachen sollen und mir dadurch den lästigen Zweifrontenkrieg hätte ersparen können, der nun meiner Wirtschaft an die Substanz geht und meinen Nachschub schwächt. Jetzt muss ich bald einen teuren Separatfrieden schließen, sonst wird es eng und ich ende wie Hitler. Ein verzwicktes Problem, die Russen hassen mich jetzt (versteh ich gar nicht, ich wollte doch nur Lebensraum), wollen für kein Geld der Welt Frieden mit mir und die mit ihnen im Krieg gegen mich verbündeten Engländer verlangen nicht weniger als eine große Stadt als Tribut. Scheiße.

Dotz.

Boing.

Ich registriere: Mein Körper ist gewandert. Sich bewegende Zehen und Zeigefinger wirken in diesem Salzwassertank offenbar als eine Art vierfache Schiffsschraube und ich drehe mich im Kreis. Irgendwann ist ja auch der Lebensraum der Salzwasserpyramide, in der ich liege, zuende.

Dann wieder.

Dotz.

Boing.

Mein Körper dreht sich aufgrund der vorigen Kollision nun in die andere Richtung, bis mein Fuß an die gegenüberliegende Seite stößt.

Dotz.

Ich finde das lustig und ergründe die physikalischen Zusammenhänge.

Mit welcher Geschwindigkeit, frage ich mich, muss ich mit dem Zeh wackeln bis ich schnellstmöglich wieder auf der anderen Seite der Pyramide andotze?

18 Sekunden. Das muss doch schneller gehen, ich versuche das zu toppen, während die Panflötenindianer nun eine Spur hysterischer versuchen, mich zum Entspannen zu flöten. Klasse. Das müssen jetzt 15 Sekunden gewesen sein. Ich bin schneller geworden. Toll.

Ich freue mich und entwickle eine neue Innovation: Wenn ich den Ring- und den Mittelfinger dazunehme, werde ich bestimmt einstellig werden und Eingang finden in den Highscore der unentspanntesten Besucher dieses Wellnesstempels hier. Mit der höchsten Körperrotationsstufe. Ich komme nicht mehr dazu, die Zeit ist um. Der Gutschein ist verbraucht.

Beim Rausgehen wünsche ich den Steglitzer Direktorengattinnen, den nicht ausgelasteten Eso-Emo-Ufo-UdK-Kunststudentinnen vom Planeten Jupiter und allen anderen, die in der Lage sind, sich zu entspannen, ehrlich gemeint und von ganzem Herzen viel Spaß hier, sie werden ihn lieben, diesen Ort, er wurde für sie erfunden. Nicht für mich. Auf mich wartet die Playstation.