Keine Credibility, nirgends

Ich treffe nach Jahren mal wieder auf den 16-jährigen Sohn eines Freundes und sage den einen Satz, der mich auf der Stelle um 80 Jahre altern und schlagartig jede Credibility verlieren lässt: „Meine Güte, bist du groß, ich kenn‘ dich noch als Baby!“ Das angekotzte Gesicht des jungen Mannes ist unschlagbar und ich werde bleich als mir klar wird: Ich bin jetzt keiner mehr von ihnen. Ich bin einer von denen.

Letztens wurde ich gesiezt. Von einer jungen Frau, die 2001 geboren ist. Das war in der Kalkscheune, dem Altenheim der Berliner Clubs und Treffpunkt derjenigen, deren beste Jahre schon fast eine Dekade her sind und die trotzdem immer noch so tun als wären sie immer noch so umwerfend attraktiv wie in den 90ern (sind sie nicht, schon lange nicht mehr und waren sie vermutlich noch nie) und sowieso zu geil für diese Welt (wer die Fanta4 zitiert oder sogar zum Konzert geht, ist definitiv schon scheintot), dabei sind sie auf der Zielgeraden zum Grab und drehen nur noch eine Ehrenrunde an einem extra für sie geschaffenen Ort, der sich nur der Selbsttäuschung wegen nicht Tanztee nennt. Keine Ahnung wie jemand, der 2001 geboren ist, ausgerechnet dort aufschlägt. An der Bar der Kalkscheune. Wahrscheinlich als Pflegerin für irgendeinen dieser Zombies, die auf der Tanzfläche zu Take That und Backstreet Boys und La Bouche die Krampfadern schütteln.

2001 geboren. Haut sie so raus. Ich weiß noch genau, was ich da gemacht habe (gesoffen, gekifft und gehurt), welche Vorlieben ich hatte (saufen, kiffen und rumhuren) und wie es mir 2001 allgemein so ging (gut, sehr gut ging es mir, viel weniger Geld, aber viel bessere Laune). Ich weiß noch, was ich definitiv nicht wollte (Bürojob 9 to 5, hahaha, gotcha, I hate myself and I want to die), ich wusste auch, was ich wollte (die Welt, nicht weniger) und ich habe Zeug in Kombinationen zu mir genommen, die mich heute in die Notaufnahme bringen würde. Ich lasse nach. Ich kann nicht einmal mehr eine Nacht lang Koks mit Speed mit Alkohol kombinieren ohne danach drei Tage mit Kopfschmerzen, Zittern, Schwindel und den Ausgeburten aller Höllendepressionen im Bett zu liegen und am vierten Tag endlich wieder etwas Warmes zu essen.

Ich werde alt. Bin es womöglich schon. Ich serviere sogar dem Kind alte abgehangene Elternscheißsprüche, die ich selbst gehasst habe. Mach das Licht aus, wenn du aus dem Zimmer gehst. Erst die Aufgaben erledigen, dann chillen (die modernisierte Variante von „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“). Als ich in deinem Alter war, gab es nicht so viele Süßigkeiten. Als. Ich. In. Deinem. Alter. War. Furchtbar. Und letztens: Probier doch mal den Brokkoli. Ernsthaft? Brokkoli? Ich Affe serviere dem Kind Brokkoli und will auch noch, dass es das isst. Ich habe das Zeug selbst gehasst. Hier, probier‘ mal. Mmmh. Lecker lecker Brokkoli. Am Arsch. Fuck Brokkoli. Für Brokkoli muss man mindestens 35 Jahre und damit in der Halbzeit seines Lebens angekommen sein. Man muss in Läden wie die Kalkscheune gehen. Und man muss dem 16-jährigen Sohn seines Freundes sagen, dass er aber groß geworden ist. Und sich dafür den ultimativen Teenagerblick der Verachtung einfangen. Den man sich völlig zurecht einfängt. Groß geworden. Ich kenn dich noch da warst du sooooo klein. Mit fünf o. Fehlt nur noch Backenkneifen. Ohrtätscheln. Und Essensrest am Mundwinkel mit Spucke wegmachen. Huh. Oh. Ich suche meine… wo ist denn… eben war sie doch noch… hat jemand meine Gehhilfe gesehen? Ich muss zum Tanztee. Und danach schaue ich mir die Grabstelle an, die ich mir schon mal ausgekuckt habe. Man weiß ja nie. Wird nicht mehr lange hin sein. Kalkscheune. Brokkoli. Groß geworden. Backenkneifen. Gebrechen. Tod. Check. Eine Linie.