Stehenbleiben. Nicht fliehen.

Was ich sagen wollte: In einer Berliner Badeanstalt fürchtet man immer, Keile zu bekommen. Ich werde das Gefühl nie los. Unsere Bevölkerung hat diesen Wesenszug in sich, einen jugendfrischen Wesenszug: und wer bei uns auf Körperverletzungen immerhin von vornherein gefasst ist, ist weise. Die positive Gesinnung, die Goethe dem ersten seiner starken Gesellen in den Mund legt, äußert sich auch im Spreebad: Wenn einer mir ins Auge sieht, werd‘ ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren.“
Alfred Kerr, 1899, aus „Warum fliesst der Rhein nicht durch Berlin?


Haben Sie auch gelegentlich Gewaltphantasien? Nein? Okay. Ich habe die. Gelegentlich. Aus Anlass. In so Situationen. So Situationen wie der, wenn mir der Affe hinter mir mit seinem dicken breiten Auto auf der einspurigen Eldenaer Straße ganz dicht, völlig irrational dicht, unfassbar unanständig dicht hinten am Arsch meines Kleinwagens klebt und glaubt, dass ich schneller fahre, wenn er so dicht es geht auf mich auffährt und dabei gestikuliert. Ich schaue in den Rückspiegel und möchte dann gerne was machen. Ich möchte das nicht einfach hinnehmen müssen. Ich möchte vollbremsen. Ich möchte die Seitenscheibe seiner dicken Kiste eintreten. Ich möchte ihn durch das scherbige Seitenfenster ziehen, noch hängend am Gurt, den ich ihm um die Handgelenke wickele, bevor ich einsteige, Gas gebe und einmal komplett um den Neubaublock an der Michelangelostraße fahre. Mit dem Bastard hinten dran.

Oder so Situationen wie die mit dem Fahrradfahrer, der mir auf dem Bürgersteig auf den Hinterkopf schlägt, nachdem er sekundenlang vergeblich hinter mir geklingelt hat, auf dass ich ihm Platz mache, anhalte, ihn durchlasse, auch wenn nebenan hinter den Parktaschen ein Fahrradweg ist, den in dieser Stadt aus irgendeinem Grund nie jemand benutzt, sondern ein Fahrradsalafist nach dem anderen lieber die Leute auf dem Bürgersteig weggklingelt, sich durchrempelt, touretting beschimpft und stinkebefingert. Ein Assi. Ich würde ihn gerne vornüber auf einem Bock irgendeines dieser SM-Studios fixieren und ihm sein Fahrrad auseinander gebaut in Einzelteilen in den Darm schieben. Ein Stück nach dem anderen. Nur um herauszufinden, ob das alles da reinpasst.

Oder diese Fußgänger. Diese betriebsblinden Hurensöhne, die in dieser Stadt keinen Zentimeter ausweichen, mit ihren Einkaufstüten, Damenhandtaschen, Rucksäcken, immer rempeln. In normalen Städten nehmen die Leute Blickkontakt auf, um sozialadäquat auszuhandeln, wer wo vorbeiläuft, wer wem wo Platz einräumt. Das läuft irgendwie. Das geht. Überall. Nur hier nicht. Hier ist Berlin. Hier können sie das nicht. Hier stehen sie rechts und links auf Rolltreppen herum, damit auch ja keiner hochlaufen kann, wenn er das mag, hier kommt Ihnen auf den Treppen der S-Bahnhöfe eine Menschenwalze von ganz rechts bis ganz links der Treppe entgegen, die Ihnen keine Möglichkeit gibt, Ihren Weg nach oben fortzusetzen, bis der Pulk vorbei ist. Ich würde gerne wissen was passiert, wenn ich den obersten Drängler einfach schubse. Fallen dann alle diese Lemminge die Treppe übereinander hinunter wie Dominosteine? Lernen die dann? Lernen die Rücksicht? In Berlin? Nein, lernen sie nicht, sie würden es auch dann nicht lernen. Sie würden nur Anzeige erstatten.

Oder dieser furchtbare Öffentliche Nahverkehr dieser Stadt. Dort finden die meisten Situationen statt, in denen das Kopfkino mit mir „Rastet er oder rastet er nicht?“ spielt. Einer lässt Musik auf seinem Smartphone in der U-Bahn laufen. Sido. Haftbefehl. Babo. Bitch. Hass. Und schon läuft der Film: Ich stecke dem Bengel sein Smartphone ins Maul und drücke ihm das Ding mit einem Besenstiel ganz tief in die Speiseröhre, so dass er seinen Elektronikschrott verdauen muss.

Oder kennen Sie diese Arschgeigen mit den Rucksäcken in der S-Bahn, die sie nie absetzen, mit denen sie Pirouetten im engen Raum drehen und dabei jedes Mal an irgendwem hängenbleiben, gerne an dem Kabel meiner Kopfhörer, die sie mir damit aus den Ohren ziehen? Kennen Sie die? Hurenböcke. Alle. Idioten. Sie werden es nie lernen. Ich bin der Meinung, dass da nur Bleibarren im Rucksack helfen. Und dann in die Spree werfen. Mit den Typen vorne dran mit Panzertape fixiert.

Zuletzt Hundehalter. Ganz groß. Sehr gerne. Die können hier alle gar nix. Einer schreit mich rotgesichtig an, als sein hässlicher Schweinehund von Bullterrier bei meiner Laufrunde um den Weißen See an mir hochspringt und ich stehenbleibe und versuche, die empfindlichen Teile meines Körpers von dem Flohzirkus wegzudrehen. Schreit der Pedell mich an, was ich will, was ich da mache, dass ich weiterlaufen soll. Weil der nix tut. Weil der wieder mal nur spielen will. Ein Psychopath. Hundehalterpsychopath. Einer, der es nicht kann. Der keinen Hund halten dürfen sollte. Ich denke mir einen typischen Berliner Bürgersteig voller Hundehaufen, in jeden einzelnen von denen ich so lange sein Gesicht drücke, bis er endlich mal einen frisst. Dann würde ich ihn auf den Kühler eines Pickups schnallen und ihn vollgeschmiert mit Kot als schlechtes Beispiel durch Berlin fahren. Damit er lernt, dass es so nicht geht. Muss doch mal fruchten. Echt. Muss doch mal. Geht doch so nicht.

So.

Na?

Ärgern Sie sich schön mit? Puls schon am Limit? Tolle Leute hier in Berlin, nicht? Sie können quasi alle paar Minuten irgendwem aufs Maul hauen. Irgendwessen Gesicht in die Hundescheiße drücken. Irgendwen aus der S-Bahn werfen. Vor einen Laster. Von der Brücke auf die Gleise. Voll okay. Weil die alle bescheuert sind. Weil die es alle nicht können. Bitte, wenn Sie in Berlin leben, kennen Sie solche Situationen aus jedem einzelnen Tag. Dinge, die Ihnen die Halsschlagader anschwillen lassen. Den Blutdruck in bisher unbekannte Hypertoniehöhen explodieren lassen. Situationen, in denen Sie sich innerlich bremsen müssen. Weil es tickt. Tack. Kennen Sie doch bestimmt, oder? Lesen sich leicht, die Beschreibungen, das Kopfkino, nicht? Oder bleibt Ihnen das Lachen im Hals stecken? Erkennen Sie sich etwa wieder? Bekommen auch mal Bock auf ein bisschen Gewalt? Der Drängelopa? Der Fahrradsalafist? Die verdammten blinden Fußgänger? Der Hundepsychopath? Und immer diese umherschwenkenden Rucksäcke der Blindschleichentouristen in der vollen Bahn?

Aber nein. Sie nicht. Ich nicht. Wir machen nix. In den meisten Fällen passiert gar nichts. Gewalt üben wir nicht aus. Machen wir nicht. Wir haben uns alle unter Kontrolle. Wir denken sie höchstens. Theoretisieren. Um uns dann abzuregen. Abzulenken. In die hintere Ecke des Hirns zu schieben. Und im Ergebnis die Dinge hinzunehmen. Dem sozial Inadäquaten seinen Willen zu geben. Platz machen. Gewähren zu lassen. Weil man uns beigebracht hat, immer zurück zu stecken. Zu akzeptieren. Hinzunehmen. Und natürlich zu tolerieren.

Nein, Gewalt geht nicht von Ihnen aus. Von mir auch nicht. Gewalt kommt zu Leuten wie Ihnen. Leuten wie mir. Und immer anders als Sie denken. Gerne grundlos. Und überraschend. Überrumpelnd. Gewalt kommt allzu oft so, dass Sie sich gar nicht darauf vorbereiten können, Gewalt springt Sie gerne aus dem Hinterhalt an, Sie werden üblicherweise von der Gewalt überrascht und zwar so, dass Sie erstarren, weil Sie kein eingeübtes Reaktionsschema parat haben, auf das Sie zurück greifen können, eine Routine, einen Ausweg, eine Abwehr. Haben Sie nicht. Weil Sie schlicht überrascht wurden von der Wucht. Und so kommt die Gewalt oft. Zu überraschend.

Das einzige Mittel gegen die Überraschung ist die permanente Erwartung von Gewalt bei jeder möglichen Gelegenheit, was auf Dauer kein schönes Leben verspricht. Die ständige Anspannung. Aufmerksamkeit. Nie aufhörende Erwartung schlechter Taten derer, die Ihnen den ganzen Tag begegnen. Das ist wie Krieg. Das zermürbt. Kein guter Start in den Tag. Kein guter Abschluss des Tages.

Ich kannte früher mal einen, den haben sie alle nur Rasputin genannt. Rasputin war ein Psycho. Neben Rasputin wohnte eine Technoschlampe. Bum Bum. Jeder hat eine Technoschlampe. Irgendjemanden, der Lärm macht. Auf den Nervenbahnen herumsägt. Bum Bum. Den ganzen Tag. Was für eine üble Rücksichtslosigkeit. Sie könnten töten. Ich auch. Und Rasputin sowieso. Nachdem er ein paar Mal drüben vor der Tür war und niemand auf Klingeln und Klopfen reagierte, nahm Rasputin den Vorschlaghammer aus seiner Werkstattnische und drosch auf die Wand in seinem Schlafzimmer ein, hinter der es immer so wummerte. Bum Bum. Nach ein paar Minuten brach er durch. Dann war da ein Loch, die Musik ging aus, die ignorante Technoschlampe war traumatisiert und die Wohnungsgesellschaft warf ihn raus. So viel zu Rasputin.

Kommen Sie, so ein bisschen bewundern wir ihn schon dafür, oder? Bum Bum. Einfach mal die Wand eingerissen. Bum Bum Bum. Und durch. Als Erziehungsmaßnahme nicht übel. Kann die Technoschlampe mal sehen wo das hinführt. Ich habe ihn auch dafür bewundert, ganz klammheimlich. Weil ich so etwas nicht bringe. Weil das schon fettes Kino ist, weil das fast schon Bruce Willis ist. Das war der legendäre Rasputin, von dem sie auch erzählten, dass er einmal auf dem Tempelhofer Damm eine Vollbremsung gemacht und den Typen hinter ihm aus dem Wagen gezogen und verdroschen hat, weil der zu dicht auffuhr, gestikulierte, auf- und abblendete. Bam. Die Drecksau. Kommen Sie. Auch Sie hassen Arschlöcher, die Ihnen in den Kofferraum kriechen, weil sie denken, dass es dann schneller geht. Diese verschissenen Dichtauffahrer. Denen müsste man schon mal beibiegen, dass es so nicht geht. Ich möchte da auch schon mal anhalten. Raus. Türe aufziehen. Den Typen packen. Und verdreschen. Damit er sieht wohin das führt. Aber nein. Machen wir natürlich nicht. Wir nehmen das wieder hin. Sie. Ich. Fast alle. Außer den Rasputins.

Rasputin ist natürlich ein Psycho. Mit dem konnten Sie keine normale Freundschaft an den Start bringen. Der Typ war eine wandelnde Bombe bis zu den Ohren voller Nitro. Es genügte ein Funke, dann ging der hoch. Ging nicht. Konnten Sie nirgendwo mitnehmen, den Typen. Je länger es friedlich blieb, desto höher stieg die Wahrscheinlichkeit, dass der Typ irgendwann hochgeht. Wegen einer Nichtigkeit. Falscher Blick. Ein versehentlicher Rempler. Ein Psycho. Ganz klar. Als Anekdote beim Bier ist dieser Mensch tauglich, doch Sie wollen so jemanden nicht allzu lange in Ihrer Nähe haben. Ich will das auch nicht. Ein Punisher taugt nicht zum Freund. Er bringt nur Ärger und den will keiner.

Auf unserem Schulhof früher in den 90ern konnten Sie der Gewalt selten ausweichen. Sie war immer da. Sie hatten sie immer auf dem Schirm. Erwarteten das Anspringen fast in jedem Moment. Wenn Sie wie ich ein introvertierter Einzelgänger waren sowieso, denn die Gruppen (nur Idioten sagen Gangs) waren auf dem Schulhof streng nach Nationen separiert. Die Türken. Die Jugos (sauber getrennt nach Serben und Kroaten). Die Italiener. Albaner. Die Araber. Vereinzelt ohne feste Gruppenbildung mäanderten nur die Deutschen und die Exoten, die Bastarde, Halbdeutsche, Halbitaliener, Halbpolen unzugehörig als Fallobst der Gruppen auf dem Schulhof herum. Oder dieser Däne bei uns auf der Schule, der allein schon deshalb ständig aufs Maul bekam, weil er so unverschämt blond war.

Die Regeln waren so einfach wie klar. Wenn Sie nicht zuschlagen konnten, wurden Sie abgezogen. Sie mussten Dinge abdrücken. Jacke. Taschengeld. Schuhe. Wenn es lecker war sogar das Pausenessen. Wenn Sie nicht abgezogen werden wollten, mussten Sie zuschlagen. Ich habe das gemacht.

Geholfen hat das nicht immer. Manchmal habe ich verloren. An einem Tag stand da dieser Autoscooter am Mierendorffplatz. Und ich lungerte da rum, weil ich damals immer irgendwo rumlungerte. Einer wollte seinem Mädchen zeigen, dass er einen dieser schlecht angezogenen Rumlungernden niederschlagen kann. Hat geklappt. Hat er gemacht. Ich habe verloren. War nicht schön zu verlieren. Sie haben gelacht. Das Mädchen am lautesten. Mit so einem Stich im Stolz müssen Sie schnell klarkommen, sonst gehen Sie kaputt.

Ich habe manchmal auch gewonnen. Der dumme Schmidtke, ein Großmaul, einer der wenigen Deutschen, die nicht von vorneherein das Opfer unseres Schulhofs waren, stand bei den Fahrrädern rum und pöbelte. Zu mir. Er hatte Publikum am Start und ich war wie immer alleine. Keine gute Konstellation. Keine Chance im Moment. Sie warfen Dinge. Nasse Kaugummis. Zeug aus dem Mülleimer neben ihnen. Sie riefen Polacke. Irgendwas mit SS. KZ. Keine Ahnung mehr was. Ich ging weg, nur um Schmidke später ohne Publikum auf dem Weg nach Hause abzupassen. Als wir da standen, wollte er reden, relativieren, sich aus der Situation quasseln, das Geschehene in einen günstigeren Gesamtzusammenhang setzen, Frieden anbieten. Ich schlug zu. Zwei Mal direkt auf sein Maul, das danach immer noch nicht stillstehen wollte, aber wenigstens blutete. Danach auf die Nase, die jedoch nicht brach – so einfach ist das mit dem Nasenbrechen nicht. Der Tritt mit den Stahlkappen zwischen die Beine setzte meinen Schlusspunkt. Da lag er dann. Und ich fand das ausdrücklich gut. Ich habe gewonnen. Er griff mich nie wieder an. Ging mir aus dem Weg. Nahm andere statt mir.

Oder nehmen wir den Maryniak auf einer Gartenparty. Der wollte eine Zigarette von mir. Leider hatte ich nur noch eine. Er wollte sie trotzdem. Ich gab sie ihm nicht. Er schlug zu. Erwischte mich mit seinem protzigen Ring. Habe ich nicht kommen sehen. Meine Lippe riss. Mir lief Blut über das Shirt. An das was folgte erinnere ich mich nicht. Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgehört habe auf ihn einzudreschen, er lag am Boden und ich saß auf ihm als mich irgendjemand von ihm wegzog. Keine Polizei. Nie Polizei. Wochen später brachte uns jemand zusammen und wir haben die Dinge beim Bier beigelegt. Er fand mich zu unkontrolliert und ich gab ihm recht. Ich habe die Narbe auf der Innenseite meiner Unterlippe immer noch. Wenn ich sie mit der Zunge berühre, spüre ich den Schlag wieder. Auch nach zehn Jahren noch.

Auch mein größes Problem an der Schule habe ich mit Gewalt gelöst. Dieses größte Problem hieß Kemal.

Kemal stand der größten Türkengruppe auf dem Platz vor. Ein Großmeister im Abziehen. Und immer die Einzelgänger. Das geht so schön einfach, wenn sechs der eigenen Jungs dabei sind. Ein paar Wochen nachdem ich auf die Schule wechselte, war ich an der Reihe. Er fand meine Jacke gut. Ich auch. Er wollte sie haben. Ich wollte sie behalten. Er schlug. Ich auch. Was folgte, war eine Art stümperhaftes Ringen, in dessen Verlauf niemand auch nur einen Zoll nachgab. Ich habe nicht gewonnen. Ich habe aber auch nicht verloren. Kemal auch nicht. Man nennt das wohl Remis. Oder Patt. Überrascht hat mich, dass niemand von seinen Leuten eingriff. Da rang ein Mann mit einem anderen Mann und Kemal hatte offenbar eine Art von Kodex, der es ihm verbat, sich helfen zu lassen. Und mir blieb nichts anderes übrig als alleine zu kämpfen, denn ich hatte sowieso nie jemanden, der mit mir in den Ring gestiegen wäre.

Ich erinnere mich an ein „Stop! Stop!“. Das war Kemal. Er brach das Gewürge ab, als klar war, dass der irre Polacke niemals aufhören würde. Kemal grinste irgendwie schief, bot mir die Hand und ich schlug ein. Solche Drehbücher würde jeder Produzent wegen irrwitziger Unglaubwürdigkeit ablehnen, für mich war es das Ticket in die Sorglosphase meiner schulischen Laufbahn. Ab da stand ich unter türkischer Protektion. Buddy von Kemal. Und da die Türken mit den Kroaten, den Italienern und den Arabern irgendeine Form des Aggreements hatten und der Rest zu viel Respekt vor Kemal hatte, gab es für mich nie wieder ein Problem mit irgendwem auf unserem Schulhof. Niemand mehr da, der irgendwas von mir wollte. Der Polacke als das Türkenmaskottchen. Es gab schlimmere Wege, diese räudige 70er-Jahre-Betontod-Sozialexperimentschule hinter mich zu bringen. Gewalt half sehr. Ich habe einfach mitgemacht. Und kam damit durch.

Fahren Sie mal nachts am Wochenende U-Bahn. U8. U7. Da ist sie, die Gewalt. Oft schwingt sie mit. Oft ist sie präsent. Oft wird sie diskutiert. Zu oft geschieht sie. Wenn es zu extrem wird, berichtet die Abendschau davon. Doch Gewalt verschwindet nicht durch gutes Zureden. Oder Sondersendungen. Erhobene Zeigefinger. Heulen. Zurückweichen. Ausblenden. Sie können Gewalt in zu vielen Fällen nicht stumpf appeasen. Oder aussitzen. Gewalt hört auch nicht auf, nur weil Sie wollen, dass sie aufhört. Oder schreiben, dass sie aufhören soll. Manchmal muss Gewalt sein, damit Gewalt aufhört. Härte, um die Harten zu knacken. Und nein, ich bin überhaupt kein Pazifist. Nie gewesen. Wenn die Gewalt auf mich trifft, gibt es von mir keine zweite Wange. Keinen passiven Widerstand. Kein Rauslabern. Kein Appeasement. Kein Zurückweichen. Keine Flucht. Es ist nicht absolut nicht unrealistisch, dass die Gewalt auch mal wieder zu mir kommen wird. Damit rechne ich. Irgendwann, wenn die Gewalt meint, dass ich nicht damit rechne.