Urban Vomiting

Prenzlauer Berg. Frühtau. Zu früh für meinen Geschmack. Ich treffe die Berliner Stadtreinigung im Hof bei den Mülltonnen. Das Proletariat holt den Müll der Oberschicht ab. Ich schneide im Halbschlaf einen Dialog mit.

„Und? Haste nich frei heute?“

„Nee. Hat meine Frau ooch gefragt. Nüscht is. Ick muss doch den Idiotenbezirk ausmüllen, hab ick jesagt.“

Beide lachen. Ich biege um die Ecke. Grinsend. Den Müll in der Hand. Mein Prenzlauer Berg. Ein Ruf wie ein Kotbeutel. Und wer lebt schon gerne in einem Kotbeutel, deswegen antworte ich inzwischen konsequent mit „Pankow“, wenn mich jemand fragt, wo ich wohne. Weil Prenzlauer Berg peinlich geworden ist. Weil Prenzlauer Berg Deutschlands Lachnummer geworden ist. Pankow stimmt ja auch irgendwie. Pankow hat die allgemeine Spottzielscheibe und Schnöselzentrale Prenzlauer Berg vor 16 Jahren geschluckt und vom Bezirk zum Ortsteil degradiert.

Die letzte Male, als ich noch detailfreudiger mit Prenzlauer Berg geantwortet habe, gab es stets hämisches Gelächter. Hahaha, Prenzlauer Berg, ja? Und was hast du für eine Lebensmittelunverträglichkeit? Hahaha, willst du nicht ein paar Goji-Beeren oder Weizenkeime auf den Burger machen? Und überhaupt: Wo ist dein Tofu? Du bist doch aus Prenzlauer Berg. Nimm dir doch einen Apfelchip statt der Erdnussflips. Hahaha, Yogastunde. Pilates. Bachblüten. Personal Schneeflöckchenmimimicoaches. Und gibt es überhaupt schon Globuli gegen deine Cinnamon-Chai-Pecorino-Brokkoli-Eis-Allergie?

Hahaha, eat my Puller, ich kriege blutigen Ausfluss vor Lachen. Was muss ich mir immer diese ganzen verwöhnten Lifestyleaffen und ihre meditative glutenfreie Esoterikscheiße, mit der sie den öffentlichen Raum und vor allem die öffentliche Meinung über Prenzlauer Berg penetrieren, anrechnen lassen. Ich kann für die Gestalten und ihre ganzen Erste-Welt-Wehwehchen nix. Ich hab‘ die nicht hergeholt. Ich bin unschuldig. Eigentlich war es ganz cool hier, doch plötzlich irgendwann mitten in den Nullerjahren waren die alten Wendevereranen plötzlich alle weg und Zuffenhausen kaufte sich ein, zog Zäune, baute Dachgeschosse auf unsere Hütten, legte die Wohneinheiten zusammen, eröffnete fünftausendsechshundertdreizehn voll schnafte gesunde Kuchenbasare und verteilt seitdem Flugblätter für Spielstraßen.

Mit den eifrigen Spielstraßenaktivisten kam ihre indische Chapatimode, die aussieht wie eine von einem Orang-Utan sinnlos vollgeschissene und mit den Arschbacken verschmierte Leinwand. Und diese ganzen Frauen, die in wallenden Gewändern glückselig durch den Kiez schweben wie debil grinsende Gurus, Babys in Wickeltüchern vor sich her tragend, weil Wickeltücher besser als diese fiesen von der Babyaccessoireindustriemafia hergestellten Babytragen mit Gurt sind, auf dass das Baby nicht in seiner persönlichen Entwicklung eingeschränkt wird, die von den Müttern auf Excel wie ein Projekt der eigenen Selbstverwirklichung durchgeplant wird. Nicht zu vergessen ihre Männer in Birkenstockpantoffeln und den immergleichen Jack Wolfskin-Trekkingjacken, die devot hinterher trotten und sich freuen, dass sie für ihre Erniedrigung nicht mehr viel Geld im Bizarr-Studio von Lady Angelika in Reinickendorf latzen müssen. Zusammen schlurfen sie dann auf den bräsigen Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei mit seinem voll korrekt nachhaltig produzierten Holzspielzeug und diesem fürchterlichen kerzendrehenden Weihnachtsschrott aus dem Erzgebirge, von dem ich mal hoffte, dass ihn die Wende in die ewige Kanalisation gespült hat. Hat sie nicht. Weit gefehlt. Der Mist kommt immer wieder wie die scheiß Zeugen Jehovas an meiner Haustüre. Birkenstock. Indische Gurus. Keramikläden mit selbst gemachter Keramik zum Selbermachen, in dem glückliche pausbäckige Eltern in Wollsocken auf Schemeln die westdeutschen 60er-Jahre aufleben lassen. Und im Frühling geht die ganze Horrorfilmfamilie dann auf das erbärmliche Dorffest in der Choriner Straße, auf dem alle diese gelangweilten Hausmütterchen und Schlaubi Schlumpf-Musterväter mit zu viel Tagesfreizeit ihre selbstgebackenen veganen Karottenkuchen verkaufen, um sich abends auf der Borderlinersammelstelle Twitter mit vielen Ausrufezeichen und ausladend bebildert darüber zu empören, dass sie bei Edeka ein rosa Überraschungsei entdeckt haben. Weil Rosa wie Autobahnen ist. Geht gar nicht. Tweet Tweet Tweet mich bitte am Arsch. Empör you to hell.

Einige von den Gestalten sind auch sehr aktiv im Förderverein für den Flötenunterricht, ein kürzlich noch vollkommen zurecht ausgestorbenes Instrument, mit dem inzwischen wieder die Kinder sinnlos gefoltert werden, damit sie ihre auswendig gelernten Psalmen bei der Konfirmation, die hier bei uns mitten im traditionellen Atheistenloch Berlin eine unfassbare Renaissance feiert, musikalisch untermalen können. Und weil das nicht reicht, gibt es hier jetzt auch einen scheiß Kinderchor, der Sonntags bei mir gegenüber bei offenem Fenster meine Nervenbahnen hoch und runter stundenlang seine windschiefen Kirchenlieder übt, so dass ich Bock habe, meine Terrorboxen, mit denen ich die Social Media-Torte über mir hoffentlich zum Therapeuten getrieben habe, auf den Balkon zu stellen und das Hockenheimalbum der Böhsen Onkelz durchzuballern.

Schlimm sind auch diese ganzen neuen superhippen veganen Raw-Läden, in einem von denen ich kürzlich fast die servierten kalten rohen Pestonudeln mit Brunnenkresse quer durch den Raum gekotzt hätte, so schlimm war das. Alles das kam. Alle die kamen. Alle die Filetstück-60-Euro-für-eine-Mikromahlzeit-Bonzen. Hofpfisterei-12-Euro-Luxusbrot-Käufer. Bio Company-Kundenkarteninhaber. Bräsige Dachgeschosswichtel mit eigenem Aufzug, der nur ganz oben in der Premiumetage hält, dessen Instandhaltung ich aber in der Betriebsabrechnung mitbezahlen darf. Allein schon dafür hasse ich euch. Ich hasse euch so sehr, ich pisse in eure spießigen Urban Gardening-Baumscheiben, in denen ihr inzwischen tatsächlich Gartenzwerge aufstellt. Mit Schubkarre. Und Gießkanne. Da piss ich drauf. Quer drüber. Und freue mich jedes Mal, wenn die dämlichen Hunde da reinkacken, worauf ihr blöden Wichtel dann wieder so erfrischend empört anklagende Zettel schreibt, auf denen steht, dass ihr es nicht gut findet, wenn in eure liebevoll bunt eingezäunten Provinzidiotenvorgarten gekackt wird. Und weil ich so unfassbar Bock drauf habe, bezahle ich demnächst ein paar verwahrloste Jugendliche aus der Weddinger Müllerstraße dafür, dass sie mit ihrem Ghettoblaster nachts einmal quer durch diesen verschnarchten Scheißbezirk … Verzeihung, ich vergaß … Scheißortsteil ziehen, Haftbefehl voll aufdrehen und sich dann zuletzt direkt auf eurem dummen zu meiner Freude immer noch nicht zu 100% gentrifizierten Helmholtzplatz niederfläzen und zwar genau dort, wo jetzt die neureichen Eigenheimschnösel gerichtlich ihre Nachtruhe am Wochenende durchsetzen wollen als wären sie hier immer noch in Nürtingen. Mainz-Kastel. Bretten. Wichtelscheißhausen. Nee, nein, ich will nicht, ich kann euch alle nicht mehr sehen.

Doch ich weiß schon was ich Samstag machen werde. Meine Laune heben. Ich werde bei Obi einen Eimer schwarze Lackfarbe kaufen und den kippe ich über den nächsten Gartenzwerg, der mich aus seiner Baumscheibe heraus verhöhnt. Gnihihi. Grinst der Dreckszwerg, der in meinem Kopfkino aus irgendeinem Grund das ewig hämische Gesicht von Andrea Nahles hat. Nänänänänä. Hier ist nicht mehr Hauptstadt. Hier ist jetzt Provinz. Und die macht dich auch zur Provinz. Bätschi. Fump. Fresse. Ich kübel‘ dich schwarz, drecks Gartenzwerg. Und danach zünde ich den Poller da drüben an, den eine von diesen pausbäckigen Birkenstockhausmütterchen aus meiner Nachbarschaft mit einem selbstgestrickten kunterbuntwollenen Überzug verschandelt hat. Urban Knitting nennen sie das. Urban Knitting. Ihr scheiß Langeweilestricken haben sie mit einem supicoolen englischen Begriff verbrämt. Damit das was sie tun nicht mehr so bräsig klingt wie es ist. Vollidioten. Ich mache bald Urban Vomiting und kotze stückig in eure massiven Holzkisten, die ihr als Kuhfänger vor eure zweitausend-Euro-Fietsfabrik-Monsterbikes montiert habt und auf denen ihr die Wolle vom Werderaner Naturschaf aus Mareikes Ökowolleladen holt, so dass ihr als nächstes Projekt eurer traurigen Leben einen supi Pullover für die Straßenlaterne, den Stromkasten oder den wie eine verhungerte Ratte aussehenden Hund der Schnepfe vom ersten Stock stricken könnt. Nein was ist das erbärmlich. Ich bekomme Durchfall wenn ich euch in einem eurer türkisen blümchendekorierten Mütterstillcafés zum Yogi-Ingwer-Bachblütentee vor euch hin stricken sehe. Geht doch bitte wieder alle weg. Und wo ist eigentlich die Rote Armee, wenn man sie mal braucht…

Nicht schön? Nicht nett? Freundlich auch nicht? Nein. Ich weiß. Aber egal. Ich muss gar nicht alle Menschen mögen müssen. Kann keiner verlangen. Steht auch nirgendwo, dass ich das muss. Und eines habe ich ganz sicher mit den Müllmännern gemein: Ich mag euch echt nicht.