Weinschnösel

Guten Abend Kreuzberg. Vor mir sitzt der Weinschnösel. Typen wie der sind der Grund, warum ich es inzwischen hasse, zu Weinverkostungen zu gehen. Doch es sind nicht nur Weinverkostungen, die unzumutbar geworden sind, nein, diese Gestalten kontaminieren jetzt auch die Whisky-, Rum- und sogar, weil keine Gelegenheit zu abseitig zum blasierten Herumschnöseln ist, die Bierverkostungen der zahlreichen kleinen aus dem märkischen Sumpf gestampften oder mit viel Geld aus den Vereinigten Staaten in die Hauptstadt gedrückten Mikrobrauereien. Dort schmatzen, schnalzen, zutzeln und gurgeln sie dann mit wichtiger Miene unter Aufbietung all ihrer Idiotie mit dem Bier herum und verzapfen irgendeinen Scheißdreck von Hopfengüte, Malzanbau, Bitterstoffgraden, Getreidetrocknungsmethoden, Deine-Mutter-kann-auch-Wikipedia-lesen-Fermentationsprozessen. Und glotzen in die angekotzte Runde anderer Menschen in Erwartung von Applaus. Natürlich hasse ich die alle. Ich möchte ihnen mit einer Alexanderplatz-Panflötenindianer-Panflöte auf die immer kreisrundkahlen Schädel klopfen und ihnen ins Gesicht rufen: „Habt mal wieder Sex, ihr Vögel! Sonst flockt euch das ausgetrocknete Ejakulat blizzardgleich zu den Ohren raus. Oder als Wortbrei aus euren Mündern, womit ihr nur allen arglosen Mitmenschen auf den Sack geht.“ Meine Güte.

Der Weinschnösel vor mir diskutiert mit dem Moderator rum. Ich hasse Leute aus dem Publikum, die sich nicht im Griff haben und alles besser wissen müssen als der Veranstalter, die Leitung übernehmen wollen und den Abend mit ihrer Zumutung von Klugscheißerei ruinieren. Klugscheißer. Keiner mag Klugscheißer. Die ganze Welt hasst die. Warum gibt es sie trotzdem? Wieso machen diese Asozialen nicht ihre eigene Veranstaltung? Da können sie dann über ihr Wikipediawissen oder ihren letzten Toscanaurlaub schwadronieren wie sie wollen und verdienen auch noch Geld damit. Vorausgesetzt irgendwer will diese mondgesichtigen Blödmänner mit kreisrundem Haarausfall da vorne stehen sehen und schwadronieren hören.

Es hilft alles nix. Auch heute habe ich dafür bezahlt, dass da einer sitzt, der allen anderen, die wieder einmal völlig irrig geglaubt haben, hier einen ruhigen Abend verbringen zu können, mit seinem Füllhorn aus Wörtermüll auf den Sack geht.

Er schlürft. Oh wie ich ihn hasse. Dieses dumme Arschloch sitzt nicht nur fett und faul in seinem verdammten Sessel und palavert in all den Atempausen des Moderators in einem fort Unsinn in eine mäßig interessierte Umwelt, sondern schlürft auch noch den scheiß Wein. Sich zwanghaft erklären müssend lässt er seine bedauernswerten Begleiter wissen, dass man das so tue, auf dass der Wein sich mit der Luft vermische, bevor er die Geschmacksorgane erreicht.

Es ist Weißwein, du Hirntoter! Und selbst wenn es Rotwein wäre: Es ist unhöflich zu schlürfen. Es zeugt nicht von Kenntnis der Dinge, sondern nur von schlechter Erziehung. Deine Eltern sind Vollversager. Schlürf deinen Wein zuhause, an dem Ort, an dem niemand deine Akustikseuche ertragen muss, du Penner. Weinverkostungen sind die Pest, meine Güte, warum gehe ich immer wieder da hin. Wem bringt das was? Was will ich schon wieder hier? Was habe ich mir erhofft? Warum sitze ich nicht fett bekifft im Wild at heart?

Dann gurgelt er. Denkt der verdammte Idiot, dass er da Mundwasser im Rachen hat? Alter, ich piss dir gleich ins Maul, dann kannst du das schlürfen und gurgeln, du blöder Sack. Meine Güte, wie schlimm kann es noch werden? Wann haben Sie zum letzten Mal jemanden gesehen, der seinen Wein gurgelt? Ich dachte, das gibt es nur in Karikaturen. Bei Switch Reloaded oder so. Loriot. Als Prank bei YouTube. So als semiwitzige Verarsche dieser weltweit widerwärtigen Weinschnösel, über die sich jeder Schimpanse totlacht, der gerade ein Gemälde für eine Ausstellung auf Leinwände spritzt, über das sich später die noch schnöseligeren Kunstkritiker bei der Vernissage die Köpfe heiß labern, was der Schimpanse wohl damit ausdrücken wollte. Nix is, keine Satire. Es gibt Menschen, die mit dem weltweit bekannten deutschen Bierernst ihren Wein gurgeln. Ich habe es gesehen. Sie sind real.

Natürlich spuckt er seinen Wein nach dem Gurgeln lautmalerisch in einen Kübel aus wie ein Cowboy, der im Saloon in den Spucknapf rotzt. PFFFRRRRZZZZZ. PRRRAAAATSCH. Und ich will kotzen gehen. Wieder direkt in sein Maul. Ja. Ist gut. Ich weiß doch. Na klar kann man den Wein ausspucken, aber dann ist man halt ein Schnösel. Ein dummer Schnösel. Aber ich verstehe das. Es ist konsequent. Der Depp da vorne in seinem Sessel hat schon bis hierher eine ganze Serie unerträglicher Geräusche in den Raum ejukuliert, da wäre es inkonsequent, den Wein nicht lärmemissionsmaximiert in diesen Kübel zu rotzen, der – ja, ja, drei Mal ja doch, ich weiß das ja – genau dafür auf dem Tisch steht.

Ich mache das nicht. Ich saufe wie immer alles aus. Schade um den guten Alkohol. Nein, ich lasse wie immer keinen Resttropfen im Glas und bin folgerichtig am Ende der Weinprobe so wunderbar besoffen, ich könnte glatt Glatzen polieren. Mit Schleifpapier. Grobkörnig. Ja. Wirkungstrinken olé. Ich bin stark besoffen und finde das gut. Das war der Sinn der Dinge. Gekauft hat heute hier niemand was. Ich auch nicht. Wir waren alle eh jeder nur wieder mit Groupon hier. Billig Wein und Fressen abgreifen. Zwei für eins. Vier für drei. Null für Hundert. Und ganz ehrlich, besonders gut war der Wein nicht. Sehr sauer. Hätte sich gut in einem Käsefondue gemacht. Oder in einem Muschelsud. Pasta, Risotto oder so.

Als ich den Raum verlasse, steht der Weinschnösel beim Moderator und weinschnöselt. Das wird noch dauern. Der Moderator wird noch lange nicht auch nur ans Aufräumen denken können. Man merkt wie sich der Moderator immer wieder zum Gehen abwendet, ein nonverbales Zeichen, das jeder außer diesen empathielosen Selbstdarstellern lesen kann. Sobald er sich jedoch versucht abzuwenden, wird er eine Tonart energischer vollgesabbelt, so dass er sich wieder zurückwenden muss. Und das wird noch lange so gehen. Der Weinschnösel hat sich festgebissen wie ein Terrier an einem Tennisball. Leider kann ich nicht bleiben und mir das weiter ansehen. Ich muss nämlich weg. Ich habe ein Date mit meinem Verticker. Ich muss mir mal wieder einen Mitmenschen aus dem Kopf kiffen.