Mettbrötchenknecht

Es ist der Borgwürfel, mein fantastischer Arbeitsplatz, mit großem Abstand bester Ort der Welt und unangefochtener Hort der Menschenfreundlichkeit morgens um halb acht. Ich treffe im Fahrstuhl auf die alte vertrocknete Projektleiterin, die irgendwer in eine so gut bezahlte wie unangreifbare Position gehoben hat, die es ihr erlaubt, wahllos Menschen zu unmöglichen Uhrzeiten möglichst dumm anzusprechen. Leider verbietet es das Strafgesetzbuch, dass ich allen meinen Impulsen nachgebe und diesen zottelhaarigen Popanz für seine schiere Existenz einfach aus dem fünften Stock werfe.

Ich habe heute ein leckeres Mettbrötchen in der Hand. Vom Bäcker. In einer Serviette. So ein Mettbrötchen ist meine bescheidene Kleiner-Mann-ohne-Zukunft-Freude, die mich zumindest den Vormittag überstehen lässt ohne dass ich vor lauter Hass das Macbook in den Hochleistungsschredder werfe.

„Igitt wie kann man nur Mettbrötchen essen.“ Fump. Kommt der Schwinger von der Seite. Es ist die hässliche vertrocknete Projektleitungsvettel. Sie spricht wieder dumme Dinge zu mir.

Merksatz: Was inzwischen nicht mehr einfach so geht, ist das harmlose Herumstehen mit einem Mettbrötchen in der Hand ohne dass irgendwer diesen Umstand, dass Sie ein Mettbrötchen essen wollen, möglichst anmaßend kommentiert. Sonst trifft das die hier inzwischen schon fast ausgerotteten Raucher. „Naaaa, geht’s wieder rauchen?“, „Na so viel Pause hätte ich auch gerne.“ „Aha, immer dieser Raucher…“ flankiert von einer dümmlichen Performance aus künstlichen Hustgeräuschen. Und die Raucher schämen sich immer. Sieht man. Schämen sich immer dafür, dass das, was sie gern tun und wobei sie hinten am Eingang zur Tiefgarage auch keinen stören, möglichst blöd kommentiert wird. Weil immer jemand unbedingt den Umstand des Stattfindens einer Zigarettenpause kommentieren muss. Jeder Zigarettenpause. Was für Arschlöcher. Ich mag Raucher inzwischen sehr. Die haben gelernt, damit zu leben, dass die ritualisierte Verbaldresche ein Teil der herrschenden Folklore ist. Jeder darf mal. Da, ein Raucher, los, drauf. Der ist ungesund. Dafür muss er ein Ding einstecken.

Jede Gesellschaft identifiziert ihre Backpfeifengesichter. Hier in Berlin sind das dieser Tage jene, die sich manchmal oder oft oder immer nicht gut ernähren. Die mit dem leider gar nicht so perfekten Lebenswandel. Die Backpfeifengesichter. Da darf jeder mal draufhauen. Das ist wunderbar wohlfein. Und so einfach. Da, kuck, der hat ein Mettbrötchen, los, drauf. Aber sicher. Der ist ungesund. Dafür musss er ein Ding einstecken.

„Also mich würde ja niemand dazu kriegen sowas zu essen.“

(Boar. Ein Ding reicht dir wohl nicht? Musst noch einen nachlegen. Und mich darüber aufklären, was du nie essen würdest. Als ob mich interessiert, was du isst oder nicht isst. Fall doch tot um. Verrecke. Stirb. Du Vogelscheuche.)

Was für eine Zeitenwende. Früher saßen da oben in den Chefetagen fette alte rotgesichtige Männer mit der Flasche Weinbrand im Mahagonischreibtisch und klopften gönnerhaft auf Schultern. Oder auf Ärsche. Heute sitzen da supergesunde Veganerinnen, klären über ihre Vorlieben auf und geben unverlangte Ernährungshinweise. Ich finde das schlimmer. Die semischwulen Chefetagentatscher hatte man wenigstens bei ihrem schlechten Gewissen an den Eiern, woraus man irgendwann irgendeinen kleinen Vorteil ziehen konnte. Die neuen Veganplainer haben kein schlechtes Gewissen. Die glauben an das was sie da tun. Und ja, ich hasse die. Sie gehen mir auf den Sack, diese Klugscheißer, diese Lifestyleaffen, die das was ich tue immer öfter kommentieren müssen, die einfach nicht das Maul halten können, die einfach unverlangt unaufgefordert Dinge kommentieren, die sie nichts angehen, weil es meine Dinge sind, nur meine Dinge, die ich mir ausgesucht habe, weil ich Bock auf diese Dinge habe, so wie ich mir heute morgen das Mettbrötchen ausgesucht habe, auf das ich mich gefreut habe, weil ich das gerne esse, weil ich das darf, weil ich es von meinem Geld bezahlt habe, weil das mein kleines beschissenes Glück abseits dieser hoch in den Elfenbeinturm beförderten vertrockneten Drecksvetteln ist, die mein Mettbrötchen einen dünnen Scheiß angeht, die dazu aber trotzdem intevenieren müssen, müssen, müssen, zwanghaft, mit Erziehungsabsicht, Missionarsgehabe, Weltenrettungsfuror, oder aus schnöder Selbstdarstellung, sie müssen es einfach tun, die Bastarde. Elende. Dreckige. Ich hasse die.

Puh.

Ich überlege mir gerade wie es wäre, wenn ich dieser Vogelscheuche jetzt eine Maulklammer verpasse und dann ganz langsam über Stunden eine ganze Schubkarre voller schon leicht angegrautem Schweinemett zwischen ihre dünnen freudlosen Lippen in ihre verhärmte Fresse krümeln würde. Darf man nicht? Natürlich darf man sowas wieder nicht. Weiß ich doch. Man muss diese Menschen und ihr Gehabe immer hinnehmen. Alles muss man hinnehmen. Und darf nix tun. Würde sowieso nix bringen. Kommen Sie quer, werden Sie hier zuerst separiert und dann ausgeschissen. Sie würde mich irgendwann am Ende des Lieds entlassen. Sie kann das. Ich müsste also für diesen kurzen Moment der Zufriedenheit des Aufbegehrens wieder Klinken für irgendeinen anderen dummen Arbeitsplatz putzen gehen und sie würde statt meiner einfach einen anderen Idioten einstellen, dessen Lebenswandel sie kommentieren kann. Kann sein, dass der nächste Idiot Übergewicht hat. Muss man kommentieren. Oder heterosexuell ist. Muss man kommentieren. Verheiratet. Muss man. Auto statt Fahrrad fährt. Muss. Seinen nicht fair gehandelten Kaffee mit Kuhmilch trinkt. Oder nicht grün wählt. Irgendwas wird sie finden, die Vettel. Die verhärmten Vetteln, die aus irgendeinem Grund diese Stadt überfluten, finden immer was.

Bing.

Die Fahrstuhltür.

Meine Etage. Ich darf jetzt hier raus.

Natürlich habe ich nichts entgegnet. Ich habe das eingesteckt. Weil das meine Aufgabe ist. Dinge vom Arschgesichtern einstecken und Geld dafür kriegen. Irgendeiner darf immer mal. Mal so. Mal so. Sei so. Tu dies. Was machen Sie da? Also das würde ich nie tun was Sie da tun. Die Dinge sind wie die Dinge sind. Irgendwer krittelt immer an mir rum. Irgendwem passt immer irgendwas an mir nicht. So war das. So ist das.

Das Mettbrötchen schmeckt gut. Wie immer. Es schmeckt immer gut. Der Hauch von Zwiebel hängt noch lange in der Büroluft. Ich atme aus.