Überbemutterte Straßenüberquerung

Zu den Dingen, die Sie als Vater in Prenzlauer Berg offenbar auch nicht mehr ungestört tun können, gehört das Üben mit Ihrem Kind, wie es richtig über die Straße gehen muss.

Es ist Sonntag. Es ist der Helmholtzplatz. Ich stehe quer vom Kind über einer verkehrsberuhigten Kreuzung und der Sinn der ganzen Übung ist es, die Fähigkeit zu vermitteln, nicht quer über die Kreuzung zu gehen wie das die coolen Kinder ab der Pubertät machen, sondern erst die eine und dann die andere Straße in einem rechten Winkel zu überqueren. Und dabei natürlich jeweils zu schauen, ob ein Auto auf der Straße oder einer der geisteskranken Fahrradfahrer auf dem Gehweg angeschossen kommt. So habe ich mir das vorgestellt. Insoweit war das der Plan. Doch es funktioniert nicht. Denn eine Übermutter erscheint.

Das Kind steht gerade unentschlossen an der Kreuzung und überlegt, welche Route es nehmen soll. Das dauert bei Kindern in diesem Alter einen Moment, den ich habe, den ich kenne, den ich in Ordnung finde, der voll im Plan ist. Doch es dauert zu lange für die Mutter, die kinderwagenbewehrt angeschossen kommt und das Kind an die Hand nimmt, um es über die Kreuzung zu führen.

„Bitte!“ rufe ich. „Bitte, es ist gut so wie es ist! Lassen Sie los!“

Hilft nix. Keine Chance. Der Muttergeleitschutz geleitet das Kind über die erste Straße.

Ich versuche es noch einmal. „Hallo! Bitte! Es ist in Ordnung. Das Kind kann alleine gehen. Lassen Sie bitte los!“

Sie blickt irritiert als sähe sie gerade einen, der mitten auf dem Helmholtzplatz ein totes Schaf penetriert. Lässt aber tatsächlich los.

„Danke. Es ist alles in Ordnung. Gehen Sie weiter. Es ist nur eine Übung. Das Kind wird leben. Meine Güte.“

Und nein, die Dinge enden an dieser Stelle nicht. Denn was hier auch schon lange nicht mehr geht, ist Stille. Hinnehmen. Maul halten. Die Dinge gut sein lassen. Die Mitmenschen machen lassen. Das können sie hier nicht. Wenn Sie diesen Menschen die sehr notwendigen Grenzen setzen, räumen sie nicht das Feld ohne Ihnen noch einen mitzugeben: „Ach so, eine Übung, was? Hätten Sie ja auch gleich sagen können.“, schüttelt sie das Sauerkrauthaar und wackelt gen Prenzlauer Allee. Nänänä. Hier haste noch einen, Vater. Boar ja. Mach doch. Dummes Kuhgesicht. Es war eine Übung. Was sonst? Es trägt nicht jeder sein Kind noch mit 10 Jahren über die Kreuzungen wie ihr. Ich erziehe zur Selbstständigkeit. Kennt Ihr nicht. Weiß ich. Ist euch fremd. Macht euch Angst. Merke ich. Alle eure Kinder wachsen in einem Watteknast auf, also kommt Ihr mit meinem Ansatz nicht zurecht und müsst zwanghaft intervenieren. Weil Ihr gerne interveniert. Weil Ihr gerne scheiße seid. Weil Ihr mich so gerne nervt.

Ich versuche es erneut. Das Kind steht wieder unentschlossen vor der ersten Überquerung und will gerade nach links und rechts schauen als erneut eine Übermutter das Steuer übernimmt: „Na du, willst du über die Straße?“ Und nimmt die Hand.

„Bitte“, rufe ich erneut. „Bitte, es ist gut so wie es ist! Lassen Sie los! Meine Güte…“

Sie lässt nicht los, sondern bringt mir mein Kind. Über zwei Straßen. Der Wahnsinn. Double Standards my ass. Ich möchte die Übermütter mal erleben, wenn ich eines ihrer Kinder einfach so an die Hand nehme. Der Terminus Furien würde deren Zustand dann vermutlich perfekt beschreiben. Aber umgekehrt geht das, kein Problem, das geht. Das dürfen die. Denn das da ist ja nur der Vater. Und Prenzlauer Bergs Übermütter sind sowieso sakrosankt.

„Warum machen Sie das? Es ist eine Übung. Kreuzung queren. Es hat alles seine Ordnung. Lassen Sie doch die Finger vom Kind.“ versuche ich mein Glück. „Dein Papa macht ja komische Sachen“ entgeget sie darauf. Nicht zu mir. Sondern zum Kind. Es ist die typisch passiv-aggressive Prenzlauer Berg-Methode, einen Konflikt zu führen. Dem anderen noch einen mitgeben ohne ihn direkt anzusprechen. Über Bande. Via Kind. Ich kenne das, spiele das Spiel mit, beuge mich zu meinem Kind runter und sage „Die Tante versteht nicht, was wir hier machen, muss sich aber unbedingt einmischen, weil sie sich hier immer einmischen. Ich verstehe es auch nicht. Ich gehe nochmal da rüber und dann versuchen wir es nochmal.“

Und auch hier habe ich nicht das letzte Wort. Mit einem „Tja, wenn Sie meinen, dass das was bringt.“ schüttelt sie ihr Haupt und verpisst sich endlich. Boar ja, ich meine, dass das was bringt. Und außerdem hasse ich dich wie die Pest, du vollgeschissene Kuh. Wo kommen die Arschlöcher alle immer her? Was ich sage: Es ist ein Scheißbezirk geworden. Mit scheiß Leuten. Was wollen die alle hier?

Wir versuchen es ein drittes Mal. Ich stehe gerade wieder quer über die Kreuzung zum Kind, da sehe ich aus 20 Metern Entfernung eine dritte Übermutter Witterung aufnehmen. Sie beschleunigt den Schritt, das Haar flattert, ihren Kinderwagen hat sie bei ihrem größeren Kind stehen gelassen.

Ich gebe auf. Wir brechen das ab. Das machen wir anders. Vielleicht kaufe ich einen mit Straßen bedruckten Teppich. Oder male Straßen mit Edding aufs Parkett. Dann nehmen wir ein Playmobilmännchen, zwei Matchboxaustos und machen Trockenübungen. Oder wir fahren raus nach Brandenburg, um zu lernen, wie man eine Straße überquert. In Brandenburg kennen die sowas wie Kinder kaum noch, weil da sowieso kaum noch Frauen wohnen. Oder ich gehe gleich rüber nach Wedding. Bei den Türken habe ich solche Probleme nicht. Die interessiere ich einen Scheißdreck. Der Wedding ist noch stückweit altes Berlin. So schön archaisch. Da könnten wir üben. Egal. Irgendetwas wird mir schon einfallen, denn Kreuzungen Prenzlauer Bergs mit ihren herumflirrenden Spaghettiköpfen sind für meine Zwecke unbenutzbar.