Stinker

Wie der Rest meiner Stadt geht auch der öffentliche Nahverkehr in Berlin vor die Hunde. Festmachen können Sie das an den Stinkern.

Stinker heißen Stinker, weil sie stinken. Wie? Darf man mal wieder nicht schreiben? Warum nicht? Fahrgäste halten sich die Nase zu. Atmen flach. Würgen. Flüchten ans andere Ende des S-Bahn-Wagens. Wie soll man die sonst nennen? Dufter?

Stinker gab es schon immer in Berlin. Immer mal wieder einen. Manchmal wochenlang keinen. Dann wieder zwei Stinker in drei Tagen. Kam rein. Stank nach Verwesung, wochenlang nicht gewaschenem Puller oder schlicht nach Scheiße und ging wieder. Das ging klar. Luft anhalten. Wenn das nicht mehr ging flach atmen. Stinker rein. Stinker raus. Luft wird langsam wieder besser. Die Sache hinter sich gebracht. Ein paar Tage Ruhe. Ging. So viele waren das im Schnitt nicht.

Es ist jetzt 2019. Fahren Sie doch mal wieder Stadtbahn. Stinker olé. Einer raus, ein neuer rein. Der wieder raus, eine Station keiner, dann wieder einer. Kaum ist der Gestank nach altem Schweiß verflogen, geht die Tür auf und König Ammoniak betritt die Bahn, zwei Stationen später abgelöst von Fußballersocken gemischt mit Pisse, die wiederum nahtlos übergehen in Kotze mit Kot. In Charlottenburg angekommen rundet der säuerliche Traum von lange abgelaufener Milch und toter Ratte aus dem offenen Schritt des letzten Stinkers auf diesem Weg die lustige Wahnsinnsfahrt ab. Hinter Westkreuz steigt keiner mehr von denen ein. Lohnt nicht. Grunewald gibt nichts.

Berlin Berlin. Zwischen den glasbewehrten Bonzenfassadenneubauten im Zentrum meiner Stadt fährt das Elend vor sich hin stinkend in der S-Bahn herum und möchte Geld. Und es waren nie mehr als heute. Ein Indikator, dass da etwas kippt.

Es gibt die klappernden Stinker, die wortlos stinkend durch die Gänge schlurfen, Becher voran, klapper, klapper, den sie jedem einzelnen Fahrgast direkt vors Gesicht halten und dann damit klappern. Klapper klapper, wieder nix, also nächster, klapper klapper, keiner gibt einen Fick. Eine scheiß Taktik. Leute stressen ist nie gut. Leute mögen das nicht.

Dann gibt es die stinkenden Sabbler. Die sind häufig. Sie entschuldigen sich wortreich, zwar nichts fürs Stinken, aber für die Störung und geben bis locker zur übernächsten Station die wertvolle Hintergrundinformation zur Kenntnis, warum sie nicht arbeiten können, sondern von den Umständen gezwungen wurden, die Leute um Geld angehen zu müssen. Meistens ist das Amt schuld. Wollte irgendwas nicht zahlen. Oder hat irgendwas wollen, was nicht ging und zahlt deshalb nicht mehr. Oder es sind einfach Sozialamtsnazis und zahlen deshalb mutwillig nicht. Diese Taktik geht auch nicht wirklich auf, es sei denn, es ist ein Hund mit am Start und das Geld wird für Hundefutter verlangt. Da gibt der Deutsche gern. Bei Hunden ist der Deutsche spendabel. 2 Euro locker. Schein kann auch sein. Weil der Hund muss ja essen. So viel ist klar. Jeder versteht das. Merksatz: Wollen Sie Geld, nehmen Sie sich einen Hund mit. Der bricht jedes Eis.

Einer der stinkenden Sabbler hat mal statt zu sabbeln gerappt. Es war schlimm. Aber immerhin besser als die Geige, mit der ein anderer mal den S-Bahn-Wagen gefoltert hat. Ich bin froh, dass noch keiner auf die Idee gekommen ist, auf einer Flöte zu spielen wie die Panflötenindianer vor Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Panflöte und Sabbeln. Hölle. Oder Panflöte und Singen. Nur Rappen ist schlimmer. Dann lieber die Geschichte von den Sozialamtsnazis.

Die Gruppe, die am schnellsten das Meiste abgreift, sind die stinkenden Frauen. Je jünger desto mehr. Heimspiel. Ernte frei. Easy. Läuft eine junge Frau mit stinkenden Dreadlocks durch den Wagen, sind es pro Durchgang locker drei Fahrgäste, die abdrücken. Da ist mit einem Gang durch die vier Wagen einer S7 der Tag entspannt vorfinanziert.

Extrem zugenommen haben in Berlin die stinkenden Brüller. Die kommen rein und brüllen wahllos auf irgendwelche Leute ein. Thema egal. Sozialamt. Spießer. Angela Merkel. Die Weltlage. Es sind Schizos. Viele davon. Irgendwo tat sich offenbar ein Tor einer Irrenanstalt auf und jetzt fahren die alle S-Bahn und brüllen herum. Ob sie Geld wollen, ist hierbei oft nicht klar. Möglich, dass nur um die Vermittlung von Weisheit geht. Eine wichtige Sache, die es an die Menschheit zu bringen gilt. Die Weltformel, die der Brüller mit sich trägt. Auf jeden Fall ist es etwas, das dem Brüller so wichtig ist, dass er es der Welt möglichst laut verständlich machen muss. Freitag schrie mich einer auf Englisch an: „YOU GOTTA MAKE A NEW CONTRACT! MUST MAKE! MAKE A CONTRACT! FUCKER! SHIT! THIS CONTRACT IS SHIT!“ Mir war sofort klar: Er meint meinen Arbeitsvertrag. Er teilte mir eine Wahrheit mit, die schon längst kenne, aber für deren Änderung ich zu bequem bin. Trotzdem: Es ist natürlich ein Irrer. Einer aus der Masse der Irren Berlins. The Walking Dead. Hirn komplett durchgebraten. Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik hat hier jeden Tag Ausgang. Herzlichen Glückwunsch, hier ist Ihr täglicher Brüller. Meiner mit einem Atem aus purer Kotze. Magensaft in der Luft wabernd, die Haare wirr, oben licht werdend und der Bart filzig mit getrockneten Sabberresten brüllte er mich an als gäbe es kein Morgen. CONTRACT! SHIT! FUCK! YOU HAVE TO MAKE A NEW CONTRACT! Yo. Chill your base, mate. Geld gibt es dafür keines. Ein Brüller sieht nie Geld, deswegen bleiben die Brüller uns vor lauter Frust auch immer locker fünf bis sieben Stationen erhalten, von Station zu Station hysterischer brüllend. Von mir ließ er irgendwann ab und brüllte auf einen lederbejackten Schwarzen ein, der ungerührt weiter auf seinem Smartphone Edelsteine in Reihe wischte.

Viele Stinker sind das geworden. Es stinkt quasi permanent in der S-Bahn. Ich frage mich manchmal, ob es irgendwo jemanden gibt, der diese Unzahl an Stinkern schichtmäßig koordiniert, denn es ist mir nur einmal passiert, dass sich zwei von denen überschnitten haben. Sonst wechseln die sich penibelst ab. Dieses eine Mal, an dem irgendwas in der Matrix schief lief, waren es eine junge stinkende Frau und ein stinkender älterer Herr, die sich plötzlich einigermaßen überrascht voneinander im Gang des Wagens gegenüber standen. Sie fingen sich aber schnell wieder und handelten vor dem Fahrgastpublikum die Verteilung des Ackerlandes auf die beiden Hälften des Wagens aus: „Pass uff, ick nehm die da hinten ab hier un’n du machst die Leute ab da klar. Kay?“ Claims verteilt. Die Verhältnisse in kürzester Zeit geklärt. Großartig. Unsere Vertragsverhandlungen im Borgwürfel laufen nie so glatt.

Pro-Tipp: Wenn Sie in Berlins öffentlichem Nahverkehr plötzlich im üblichen Gedränge kackvoller Wagen einen vollkommen leeren Wagen sehen und sich freuen, dass Sie endlich auch mal einen Sitzplatz bekommen, der sonst so selten wie ein lebender Dodo ist, dann sind Sie nur ein blöder Tourist, der nicht weiß, dass der Wagen deshalb leer ist, weil da hinten auf den beiden Sitzen ein Stinker liegt und sich die ganze Hose bis runter dünn eingeschissen hat, so dass diesen Wagen niemand ohne Atemmaske betreten kann ohne sofort ins ewige Koma zu fallen.

Soweit die Lage. So ist meine Stadt und der üble Kontrast der Umstände beginnt mich zu stören: Quer durch die Stadt frisst sich inzwischen ausschließlich die hemmungslose Investmentarchitektur, mit der das internationale Großkapital zeigt, wer hier jetzt die dicksten Haufen in den Märkischen Sand scheißt. Sie hat Berlin-Mitte nicht nur besetzt, sondern quasi gesichtslos verbonzt und streut ihren Krebs nun kreisförmig in die Außenbezirke. Und zwischen dieser üppigen Verschwendung und den vielen schicken neuen protzigen Malls, in denen die Frauen osteuropäischer Oligarchen ihr Taschengeld verballern, sammelt sich Europas Armut sitzend oder immer öfter kniend in den Straßen, bei Wind, bei Regen, bei dem traurigen Versuch von Schnee. Mit einem Zettel, auf dem ein Becher steht. Und unter immer mehr Brücken der Stadt entstehen favelagleiche Zeltstädte voller Matrazen, Tüten, Einkaufswagen, Planen. Da sitzen sie dann und mockern die Unterführung zu. Quer durch die Stadt. Außer in der Nähe von Hauptbahnhof und Innenministerium. Da werden sie geräumt. Weil man den Anblick keinem Elitevertreter aus dem Regierungsviertel zumuten kann. Die Favelabewohner stellen ihr Zelt dann ersatzweise unter das Viadukt der Schönhauser Allee. Unter die Brücke in der Friedrichshainer Gürtelstraße. Oberbaumbrücke. Irgendwo am Ostbahnhof. Oder hinter den Bahnhof Zoo. Wo eben Platz ist. Oder sie fahren mit mir Bahn, hinter sich einen Schweif aus Ammoniak, Penisgrind, Kot und toter Ratte her ziehend. So ist sie geworden. Meine Stadt. Stinkreich und gleichzeitig verslumt. Nix zu machen. Weil keiner was macht. Unterkünfte bauen. Mit Duschen. Jedem von denen ein Zimmer geben. Muss doch drin sein. Würde ich gerne steuerfinanzieren. Doch die Stinker wählen Berlins Regierung nicht, also interessiert der Zustand keinen und die Dinge bleiben wie sie sind. Das Geld fährt den SLK gleich in die Tiefgarage des aus dem Eigenkapital problemlos gestemmten Glasklotzes und ich höre mir jeden Feierabend in der S-Bahn an, wie schlimm Angela Merkel ist. Oder das Sozialamt. Die Spießer. Oder die Weltlage.