Die kunterbunte Schnepfe und ihr Führungsseminar

Führung lehne ich ab. Mit jeder Faser. Führung ist Faschismus. Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland. Und so weiter. Wer führt, will unterjochen, brechen, kaputt machen, ausbeuten, aussaugen, auslutschen. Und dann wegwerfen. Anarchie ist die Lösung. Klar doch. Jeder führt sich selber, wird ein neuer Mensch. Keine Chefs. Keine Chefinnen auch nicht. Paradies. Punk’s still not dead yet. Kullerkeks.

Dachte ich mal.

Gut, ich dachte auch noch viele andere Dinge. Dass ein Leben ohne Drogen den Durchblick verhindert. Dass man Idioten nur lange genug aufs Maul hauen muss, dann gehen die weg und kommen nie wieder. Dass ich hinten beim Späti immer Bier auf Pump bekommen werde.

Hat auch nicht so geklappt.

Guten Morgen. Es ist Anfang des Jahres und der Borgwürfel, mein großartiger und in seiner vorausblickenden Weisheit einzigartiger Arbeitgeber, hat mich zu einem Führungsseminar geschickt. Es kostet tausende von Euro, findet irgendwo in der versnobten Asia-Tapas-Einstein-Kaffee-Rollkoffer-Politschranzen-Glasbetonhölle von Berlin-Mitte statt und ich hatte gestern Nacht einen Döner mit Knoblauch und extra Zwiebeln aus dem Wedding. Den riecht man auch.

Blablabla. Seit Tagen geht das schon so. Seier Seier. Sabbel-o-rama. Wellen an Platitüden rollen in unkontrollierten Eruptionen über mich knoblauchstinkendes Affengesicht hinweg. Ich lerne Bla. Bla. Mehr Bla: Es gibt gute Führung. So richtig mit Loyalität in zwei Richtungen. Mit Motivation. Mit gemeinsam füreinander einstehen. Mit gemeinsam durchs Feuer gehen. Der gute Vorgesetzte stellt sich vor seine Mitarbeiter, wenn Feuer von außen kommt. Er versucht, das Feuer abzuwehren oder wenigstens abzuschwächen. Er kommuniziert danach ganz klar nach innen, was sich ändern muss, damit es nicht mehr so ein Feuer gibt. Aber er steht ein für sein Team. Und lässt sich grillen. Denn er trägt die Verantwortung. Er fördert. Er lenkt. Er richtet auf. Ist Kumpel. Aber auch Leader. Er gibt auch mal ein Bier aus. Und er kann sich, weil er so ein Geiler ist, darauf verlassen, dass ihn keiner anscheißt.

Ich möchte mich ritzen. Wollen die mich verarschen? Wie viele seiner bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit beförderten Führungskrüppel hat der Borfwürfel bislang hierher geschickt? Jedes Jahr zehn, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich suche in der blöden Handoutmappe etwas, mit dem ich mich bis auf den blanken Unterarmknochen ritzen kann. Das stimmt doch alles gar nicht, was die kunterbunt angemalte und nach einem Kärchertank Coco Chanel stinkende Schnepfe in ihrem knallroten Kokstraum-Klischee-Businesskostüm und ihren Klapperschuhen da vorne erzählt. Nix glop. Im Borgwürfel gibt es keine Augenhöhe. Keine Kumpanei. Nur Kennziffern. Zahlen. Zielmarken. Controlling. Teamboards. Reporting. Leistungsbilanzierung. Druck. Druck. Mehr Druck. Und Anscheißerei. Kommt Druck von außen, wird der nach unten durchgeleitet und dabei verstärkt. Immer. Bis der Druck ganz unten angekommen ist. So ist am Schluss gerne mal der Praktikant schuld, auf den alle zeigen, weil jeder weiß, dass der bald wieder weg ist. Und bezahlt wird der eh räudig, also kann er auch bluten. Der Narr. Mohr. Der seine Schuldigkeit getan hat. Gibt es keinen Praktikanten momentan, weil es keinen Blöden gibt, der sich die Irrenanstalt bei uns für das traurige Taschengeld antut, dann trifft es den, der am kürzesten da ist. Der kann das alles noch nicht wissen. Der repräsentiert die ideale Ausrede. Was? Ja, Chef, ich hab’s ihm erklärt, aber irgendwie hat er es wohl nicht begriffen. Ja, ich werd’s ihm nochmal erklären. Kommt nicht wieder vor.

Kommt doch wieder vor. Und dann geht das Spielchen von vorne los. Und der, der letztes Mal den Riesendildo mit den dicken Äderchen ohne Betäubung in den Darm geschoben bekommen hat, kann froh sein, wenn das nächste Mal jemand da ist, der nach ihm eingestellt wurde, es also jemanden gibt, der statt ihm den Dildo in der Kimme stecken hat. So ist das hier. Also was soll das? Was erzählen die da vorne? Wo bin ich hier?

Seit der Pestkübel von Genderkrebs seinen Inhalt in den Borgwürfel ausgekippt hat, hat sich das Klima noch einmal um eine Nuance mehr ausgekühlt. Wir müssen jetzt mehr Frauen auf gutbezahlte Posten sprungkatapultieren, vollkommen unabhängig davon was und ob die überhaupt was können. Im Moment nehmen wir alles, das keinen Penis hat. Seiteneinsteiger ohne Berufserfahrung. Völlig verblödete Fünfte-Wahl-Juristinnen, die in den Nullerjahren kein kosovarischer Eierdieb freiwillig angeheuert hätte. Verkappte Soziologinnen, bei deren verquastem Deutsch jedes Wörterbuch freiwillig in die Spree springen würde. Letztens haben wir vor lauter Verzweiflung sogar jemanden vom absoluten gesellschaftlichen Unterboden eingestellt: Eine studierte Journalistin, die offenbar keine Lust mehr hatte, feministische Fleißaufsätze auf bento, watson oder zeit.de aus dem Gender-Studies-Floskelbaukasten zusammen zu setzen. Macht nix. Wir nehmen im Moment alles. Egal was. Hauptsache Akademiker.

Vor ein paar Monaten kam tatsächlich eine … ich weiß nicht, was die ist … Frauenbeauftragte oder so vom Berliner Senat zu unserem korrupten Betriebsrat in den Borgwürfel. Da waren die letzten paar SPD-Wähler Berlins, aus denen sich unser Betriebsrat zusammen setzt, ganz aufgeregt. Keine Ahnung, was die Torte hier wollte, wahrscheinlich kontrollieren, wie es denn um die Förderung der Premiumhälfte der Belegschaft aussieht, ob wir denn im Vergleich zum letzten Jahr noch mehr unerfahrene Frauen mit Mitte 30 in die 10.000 netto geschossen haben, die eine Woche nach Übernahme der Geschäfte den Home Office- und Teilzeitantrag einreichen, was der schlechter bezahlte Vertreter dann im Rahmen seiner unbezahlten Überstunden abfangen darf.

Dieser Politbürokratenghul aus der Gruft des über Jahrzehnte gewucherten verfilzten Berliner Funktionärsestablishments, der unseren Puff da heimsuchte, sieht aus wie Jabba the Hut und aus irgendeinem Grund hatten die Personalverantwortlichen im Haus mehr Angst vor ihr als vor einer Darmkrebsdiagnose. Memo Memo Tralala. Die Polittorte kommt. Keine Blöße. Beulen ausbessern. Zahlen frisieren. Hier bei uns läuft alles gut. Und auch der letzte Schlumpf in der Buchhaltung begriff, dass heute jemand im Haus ist, der politisch und damit wirtschaftlich große Probleme bereiten kann. Ich wette, sie haben dem Alkoholikerhausmeister aufgetragen, den Rasen anzumalen. Weil der plötzlich grüner als vorher war. Ich warte jetzt, nachdem sie wieder weg ist, darauf, dass wir bald alle so einen dieser modischen Antidiskriminierungsawarenesskurse machen müssen, von denen man in letzter Zeit aus dem bedauernwerten Skandinavien immer öfter hört und in dem ich dann von Verbrechen geläutert werde, die ich noch nie begangen habe.

Ole Ole. Gender Popender. Kennt jemand noch den Pawlowski? Der Pawlowski ist doof. Der Pawlowski ist selber schuld. Den Pawlowski haben sie kürzlich an den Ohren durch die Personaler-Bel-Etage geschleift. Und alles nur, weil auf der vollkommen privaten Feier seines Sportvereins irgendwo in Kackhohenschönhausen ein paar Stripper aus einem Kuchen gesprungen sind. Zwei. Ein Mann und eine Frau, jaja, an Gender Mainstreaming hat der Sportverein schon gedacht, das war aber auch falsch, völlig falsch gedacht, denn dem freudlosen Puritaner, dem ein Bild vom feisten Pawlowski mit der spindeldürren Stripperin und ihren unfassbar großen Atomtitten auf dem Schoß in die Hand fiel und der genau das Bild im Borgwürfel gestreut hat, war es völlig egal, dass neben der Atomtittenfrau auch ein nackter Mann mit einem verdammt dicken Schwanz im Tanga für das johlende Volk der Kaffeetratschen herumsprang und die weibliche Käsekuchenfraktion zum Auslaufen brachte, nein, alles falsch, unanständig, unzüchtig, nackte Haut, sexuell aufgeladen, bah. Sex. Würg. Ist wie Autobahn. Geht gar nicht mehr. Und warum liegt hier Stroh? Und warum hast du eine Maske auf? Und warum grinst der Pawlowski so debil? Wer ist Pawlowski überhaupt?

Ja. Wer ist der nur? Dummerweise steht der Pawlowski mit Bild auf unserem superseriösen Internetauftritt. Pawlowski der Top-Vertriebler am Standort Berlin. Goldstück. Allseits geachtet. Ansprechpartner für Hinz, Kunz und die krawattierten Entscheider von Siemens. Bayer. Oder für die Beschaffer in von der Leyens Idiotenministerium. Und genau von dem guten blöden Pawlowski kursiert nun das Bild mit den Atomtitten auf seinem Schoß. Einmal die große Runde. Hafen. Rund. Fahrt. Ich habe es früh zum gruseligen Automatenkaffee und meinem kleinen keimigen Bahnhofs-Hackepeterbrötchen von einem der stinkfaulen Azubis aufs Smartphone geschickt bekommen. Mir war also bereits um 8:45 Uhr klar, dass der Pawlowski jetzt geliefert ist. Dass den jemand abgeschossen hat. Dass der einpacken kann. Um 11:15 Uhr kam es wie es kam. Pawlowski ahoi. So ist das hier. Nach dem Druck kommt immer nur Ritual. Das Wegducken. Irgendwen schlachten. Nebelkerzen werfen. Kratzen Sie mit blutigen Fingerkuppen am Eingangstor zum höheren Management, müssen Sie sich jetzt sofort wortreich distanzieren. Unverständnis ins Protokoll trompeten. Also ich hätte das nie gedacht. Ja, wenn ich das gewusst hätte. Also nein, ich wusste wirklich nicht, dass der sowas … Wirklich nicht, also wenn wir vorher gewu…

Fump. Den Pawlowski haben sie abgeschossen. Einen Fehler hat er gemacht. Ein dummer Zufall kam geflogen. Fump. Abschuss. So ist das hier. Und da vorne beim großartigsten Führungsseminar der Welt erzählt mir die Business-Schnepfe mit ihren Klapperschuhen gerade etwas von Fehlertoleranz. Leute auffangen. Ängste abbauen und so. Gesprächskultur. Bla. Blaha. Ja. Bitte mehr Platitüden. Ich habe die alten gerade ins Klo gekotzt. Was? Fehlertoleranz? Nein. Die gibt es nicht. Gab es nie. Wir haben Zero Tolerance. Besser alle Dinge vermeiden, die vermieden werden können. Aalglatt werden. Sich von niemandem Atomtitten auf den Schoß setzen lassen, auch nicht in der Freizeit. Lassen Sie sich auch nicht besoffen in der Hotellobby erwischen wie der Kollege Mauser letztens von so einem Finanzheini der Telekom. Der ist jetzt auch weg, der Mauser. Irgendwo in Frankfurt in einer Außenstelle verklappt. Oder Stuttgart. Bad Bevensen. Keine Ahnung wo der Mauser heute sein Magengeschwür mästet. Der besoffene Sack. Kann ja keiner wissen, dass die Telekom sich für die Tagung in dem gleichen Tagungshotel wie wir eingebucht hat. Und einer von denen den Mauser dabei erwischt wie er hackedicht mit Sabberfaden am Maulwinkel vom Barhocker rutscht.

Wenn ich hier, während mir die Schnepfe vorne etwas von neuer Führung, neuem Denken und blablablawichweg erzählt, in meiner ganzen Nüchternheit an unser Führungspersonal denke, dann sind das alles Nullleister. Nichtskönner. Im Vergleich zu dem Zeug, das man ihnen für viel Geld an dem Ort, an dem auch ich gerade dumm herumsitze, beibringt. Dann können sie das alles nicht, was ihnen hier erzählt wurde. Dann sind sie feige, ängstlich, ignorant, empathieunfähig, herrschen mit Druck, Angst und dem ewigen divide et impera. Und den immer so bewährten Intrigen. Alle waren bisher so. Sie können es nicht. Keiner kann das. Angeblich gibt es irgendwo Arbeitgeber, die das können. Loyalität. Zugehörigkeit. Oder auch nur eine angenehme Atmosphäre. Soll es geben. Sagen sie. Ich glaube daran nicht. Denn ich lande immer bei denen, die das nicht können. Immer. Keine Ausnahmen. Hier bei uns im Laden führen sie sogar immer noch ihren abgekürzten Zweitnamen mit sich als wären die Nullerjahre nicht schon seit knapp einer Dekade vorbei: Martin E. Arschgesicht. Ellen C. Dummfick. Thorsten A. Fickdichselbst. Die sind so doof. Die sind so unfassbar doof. Wer die da oben in ihren Einzelbüros tatsächlich für was besseres hält, für so etwas Absurdes wie Elite gar, der kauft auch so etwas Nutzloses wie … keine Ahnung … Glasbruchversicherungen. Riester Rente. Was weiß ich.

Wenn Sie bei uns Glück haben, haben Sie einen, der ist einfach nur ignorant. Der interessiert sich zwar auch einen Scheißdreck für Sie, lässt Sie aber wenigstens in Ruhe. Mehr können Sie hier nicht verlangen und mehr kriegen Sie auch nicht. Träumen Sie von mehr, dann hören Sie bitte damit auf. Denn es führt zu nichts außer irgendwann auf den Sessel eines Therpeuten, der Ihnen auch nicht helfen kann, aber wenigstens Ihre Krankenkasse in den Ruin treibt.

Den führungsmäßigen Vogel abgeschossen hat eine Führungskraft, die auch noch den allerletzten verschimmelten Rest von Empathie über Bord geschmissen hat: Es brannte mal im Borgwürfel. Irgendein Pavian hat in der Kaffeeküche die Mikrowelle falsch bedient und das, was er da drin hatte, fing nach 10 Minuten Dauerbestrahlung Feuer. Wahrscheinlich war es ein in Alufolie eingewickeltes Croissant oder so. Popcorn. Plastikverpackung. Mullbinden. Damenschlüpper. Egal. Der Rauchmelder ging los, kurz danach quäkte die Feuersirene und es dann geschah genau das, was in solchen Fällen immer passiert: Panik. Unordnung. Chaos.

Alle haben es irgendwie ins Freie geschafft und dann stand dort auf dem trostlosen Vorplatz eine völlig verunsicherte Belegschaft herum und wusste nicht wohin. Derjenige mit der Führungsverantwortung für den ganzen Puff war gar nicht da, sondern begab sich umgehend ins nächste Café, um auf den Schock erst mal einen Cappuccino zu zischen. Auf die Idee, diejenigen, die er anführen soll, durchzuzählen oder überhaupt zu schauen, ob alle noch am Leben oder zumindest unverletzt sind, kam er nicht. Eine Niete. Und wir haben nur solche. Empathielose Totalausfälle. Egoratten. Charakterloses Gesindel. Wenn die vor ein Auto laufen, freuen sich sogar deren Mütter, weil auch die wissen, dass es keinen falschen getroffen hat.

Uh. Mein Hirn stirbt. Die da vorne redet immer noch. Und ich tippe gerade diesen Scheißdreck hier ins Smartphone und freue mich schon auf die Kaffeepause. Dann werde ich für das einzige Highlight dieses erbärmlichen Tages sorgen, indem ich mir auf der Toilette dieses stupiden KPMG-Fortbildungspuffs einen runterholen werde. Und als Papier zum Abwischen nehme ich dieses traurige Seminarhandout, in dem Dinge stehen, die niemals auf dieser Erde irgendwer umsetzen wird.