Das Bier und die Sauerkrautköpfe

Schon mal mit Bierflasche in der einen und dem Kind an der anderen Hand über den Kollwitzplatz, dem superkorrekten Übermütterparadies von Prenzlauer Berg, gelaufen? Woah. Herrlich. Die Blicke. Diese Blicke. Sie machen sich keine Vorstellung. So etwas haben Sie noch nicht gesehen. Aus den Pupillen funkt und sprüht nur ein Wort: Jugendamt. Mit sehr vielen u. Juuuuuuuugendamt.

Ich steigere die Dinge gelegentlich mit einer Dose Jack Daniels Cola. Natürlich können Sie so etwas hier am Kollwitzplatz nicht mehr kaufen. Sie bekommen hier sonst alles: Handgeschöpfte Schokolade aus basisdemokratisch verfassten Produktionsgenossenschaften zwölf verschiedener lateinamerikanischer Staaten, Chiasamen aus 268 verschiedenen ökologisch verifizierten Anbaugebieten, einen nachhaltig geschlagenen Natursteinemix aus Anden, Himalaya und Chisibubikaio, Mareikes selbstverzauberte Heilsteine, Salzkristallampen aus Chiapas, den letzten ultimativen Burner der diesjährigen indischen Naturfilzmodekollektion und natürlich das unvermeidliche Birne-Quinoa-Basilikum-Sorbet für die nonbinären Nachwuchsfrutarier. Mit einem Topping aus zerstoßenen Weizenkeimen. Bestellen Sie hier mal schnödes Erdbeereis. Oder irgendwas mit Kuhmilch. Die kucken Sie an wie einen Irren, der geraden Kalbshirn zum total leckeren Hafer-Gojibeeren-Porridge mit Rucola bestellt hat. Nein, bitte, vergessen Sie das, meine Jacky Cola-Dose habe ich natürlich importiert. Quasi eingeschmuggelt aus meinem Kiez nebenan, in dem es immer noch einen Späti gibt, der so Zeug aus einem Karton unter der Ladentheke vertickt. Und ich kaufe das und trinke das. Denn davon bekommen die Vogelscheuchen meines Bezirks irreversible Schnappatmung wie von den letzten drei besoffenen Pennern am S-Bahnhof Schönhauser Allee, die sie seit zwanzig Jahren ums Verrrecken nicht rüber nach Lichtenberg gentrifiziert bekommen und von deren Gegröhle sie deshalb sauerkrautkopfschüttelnd ihre glutenfreien Transkinder wegziehen.

Juuuuuuuugendamt.

Sie können sich im Filzparadies Prenzlauer Berg aber immer noch unbeliebter machen. Tragen Sie zu den Lederschuhen doch mal einen schicken Ledermantel. Aus unschuldigen neuseeländischen Lämmchen. Dort vor Ort mit einer zackigen Machete aufgeschlitzt, enthäutet, gegerbt, zu meinem Mantel genäht und in der Folge per Flugzeug mit einem CO2-Fußabdruck, der jeden Greenpeacevollzeitaktivisten dazu bringen würde, sich mit einer Pfandflaschenscherbe ein Ökosiegelmuster in die Unterarme zu ritzen, hierher zu mir nach Berlin-Prenzlauer Berg gebracht. Damit ich das tragen kann. Weil ich gerne tote Tiere auf dem Körper trage. Weil das schmückt. Weil ich der Letzte hier bin. Und natürlich weil Ihr euch alle ficken dürft.

Juuuuuuuugendamt.

Ich spare auf eine Lederhose.

Juuuuuuuugendamt.

Eine Dose Fanta ist auch gut. Für mein tolles Kind. Kann es trinken. Fanta kriegen Sie hier auch nicht mehr. Hier kriegen Sie nur noch diese dümmliche ChariTea-Fair-Trade-Bioholunderlitschischeiße mit Ingwer. Wenn ein Laden bei Ihnen nebenan aufmacht, der dümmliche ChariTea-Fair-Trade-Bioholunderlitschischeiße mit Ingwer verkloppt, dann können Sie sich in einem ganz sicher sein: Ihre Miete setzt zum Explodieren an und bald wohnt auch in Ihrer Wohnung ein reicher Grünwählerschnösel, der sich das alles leisten kann. Sie können ja schon mal schauen, ob in Brandenburg noch Platz für Sie ist. Da ganz hinten nördlich von Frankfurt/Oder soll’s günstig sein. Habe ich gehört. Und zu Ihrem Arbeitsplatz nach Berlin, wo Sie dann immer noch für die Coworkingspaceflachwichser mit eigener LPG-Kundenkarte die Klos putzen, fährt von dort die Regionalbahn. In anderthalb Stunden. Alle zweieinhalb Stunden. Ich bitte Sie, kein Problem, oder? Das muss doch drin sein. Es gibt doch jetzt den Mindestlohn.

Juuuuuuuugendamt.

Nein, Dose Fanta ist gut, denke ich, und drücke dem Kind eine Dose aus meiner Ledermanteltasche in die Hand. Dose Fanta ist gut. Weil diese ganzen blöden Ingwerlimonadengesichter so toll sind, weil ich dieses bräsige hypermoralische Kuhgeglotze, das Sie bisher in der Ausprägung nicht in Berlin, sondern maximal in irgendwelchen Inzestdörfern mit exzessiver sozialer Kontrolle genießen konnten, so unglaublich toll finde. Weil der Rest hier im Bezirk streng genommen nicht mehr viel Spaß macht. Weil die da jeden Spaß in ihrem Muff austrocknen wollen. Weil es mir so sehr Spaß macht, ihnen die Laune zu verderben. Weil ein dicker fetter Fickfinger in einem vom Mehltau zugeschissenen Ponyhof einfach mal, ehrlich, ganz ehrlich, verdammt gut tut.