Retrospektive: Linton auf dem Dach

Flashback 90er:

Wenn mir die Luft zu dünn wurde: Nach Hamburg.
Wenn eine Beziehung kaputt ging: Nach Hamburg.
Wenn ich üblen Streit hatte: Nach Hamburg.
Wenn ich nicht mehr weiter wusste: Nach Hamburg.
Wenn alles den Bach runterging: Nach Hamburg.

Dort wohnte jemand, der mich wieder ruhig stellte: Der Verpeiler.

Der Verpeiler hat dort Zivildienst gemacht. Ich habe ihn bei den Chaostagen von Hannover kennengelernt.

Der Verpeiler bewohnte ein kleines Dachgeschoss, von dem aus man ganz nach oben aufs Dach auf ein kleines Podest steigen konnte. Des Verpeilers Leben war noch mehr Chaos als meins. Seine Familie noch beschissener. Sein Zustand noch mülliger. Seine Seele noch zerfetzter. Es tat immer gut, bei ihm zu sein.

Der Verpeiler hatte Matratzen. Und Gras. Und Reggae. Meistens Linton Kwesi Johnson.

Wenn ich in Hamburg war, haben wir kaum gesprochen, der Verpeiler und ich. Zwei zu junge Männer ohne Kompass und sonstigen Halt. Kaum Worte. Nur das Nötigste. Nacht. Dach. Sterne. Gras. Und Linton. Man hört immer von jugendlichen Sommern, die nie zu Ende gehen. Das war wohl meiner.

All tensed up
In the bubble and the bounce
An the leap an the weight-drop

Linton sprach für uns, damit wir es nicht mussten. Linton auf dem Dach. Nachts. Sterne. Hamburg unter uns. Alles war egal. Alles war weit weg. Die Ruhe ersetzte das Gewirr voller aufgestautem Unrat, das unser Leben sonst war.

It is the beat of the heart
This pulsing of blood
That is a bublin‘ bass
A bad bad beat
Pushin‘ against the wall
Whey bar black blood

Der Verpeiler hatte immer eine offene Tür mich. Wahrscheinlich war er mein einziger Freund zu der Zeit. Er hat nichts auf die Reihe bekommen. Aber er hat immer seine Türe für mich aufgemacht.

An is a whole heappa
Passion a gather
Like a frightful form
Like a righteous harm
Giving off wild like is madness

Irgendwann fiel der Verpeiler vom Dach.