Lass kacken

Es ist ein junger Dezemberabend in der Gegend um den Anhalter Bahnhof. Flutlicht brennt. Wind pfeift. Ein erfrischend multikulturelles Team spielt ein Trainingsspiel, dem ich lange zusehe. Drüben in einer Pizzeria neben dem Redaktionsgebäude des Tagesspiegels sitzen zufriedene Menschen satt vor Grappa und Espressi. Ich bin schon wieder hier. Und zu früh. Das Tempodrom hat noch zu. Also drehe ich eine Runde um den Kiez, in dem ich zuletzt vor 15 Jahren Runden gedreht habe.

In einem dieser üblen Kästen an der Stresemannstraße, solcher Gestalt, die sie im Osten Schließfächer nennen, wohnte Steffen. Ja, nennen wir ihn Steffen. Steffen ist ein guter Name. Ich habe ein paar Monate bei Steffen gewohnt. Steffen hat mir geholfen. Mit einer Couch. Mehr braucht es manchmal gar nicht.

Steffen hatte ein Händchen für gutes Zeug. Und das gute Zeug war überall drin. Wenn er Gäste empfing, stand es auf einem kleinen schäbigen Beistelltisch. Das Gelee. Der Pudding. Der Kuchen. Alles da. Sauber aufgereihte Tütchen auf Tabletts. Mein Asyl und meine Couch. Ich war monatelang drauf. Was geredet wurde, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht wurde gar nicht geredet. Und wenn, dann nur Unsinn. Wenn mal nicht Linton Kwesi Johnson, Wagner Pá oder 90er-Jahre-Hamburg-Digger-HipHop lief, lief Helge Schneider. Wenn man drauf ist, ist Helge Schneider richtig gut. Dann ergibt das ganze Zeug, das der in die Welt brabbelt, sehr viel mehr Sinn. Sinn, der am nächsten Morgen bei Kaffee und der ersten Zigarette des Tages wieder verschwand, nur um abends wieder zu kommen.

Die wichtigste Aufgabe jener Tage bestand darin, für Essen und Getränke zu sorgen. Unten beim Supermarkt, den jemand ins Parterre des Wohnkastens eingebaut hatte. Fahrstuhl runter. Rein. Raus. Wieder hoch. Nicht ist schlimmer als drauf sein ohne etwas zu essen und zu trinken in Greifnähe zu haben. Das war wichtig. Mehr Verantwortung war nicht.

Manchmal liefen nicht die Alben von Schneider, sondern die Filme auf einem für damalige Verhältnisse bemerkenswert großen Fernseher. In Dauerschleife. Einer drückte immer noch einmal auf den Knopf. Und noch einmal. 00 Schneider. Texas. Die Stelle mit der Mutter und der Butter gefiel mir besonders. Wenn diese Szene lief, war das, was ich dann nach außen trug, mit hysterischem Gekicher noch schmeichelhaft beschrieben. Auf einem der Alben war das alte Helge-Reinhold-Spiel drauf. Das mochte ich auch. Dazu ging ich kein Stück weniger ab. Irgendwann haben die anderen damit begonnen, das Ding zu skippen, wenn es dran war. Sie konnten mich nicht mehr ertragen.

Streckenweise wohnte Heike auch hier. Ja, nennen wir sie Heike. Heike ist ein guter Name. Irgendwann haben Heike und ich beschlossen, dass es eine gute Idee sein könnte, zusammen auf meiner Couch zu schlafen. Es war keine gute Idee. Es war unbequem. Ich bekam keinen hoch. Und Heike wurde nicht feucht. Sie hat kein Gefühl in ihren Brustwarzen. Das weiß ich, weil sie es mir gesagt hat, nachdem ich eine quälend lange Zeit wie an nicht angeschlossenen Radioknöpfen daran herumgedreht habe. Weil mir nichts anderes einfiel, nahm ich von dem Poppers, wovon Steffen von einem befreundeten Chemiestudenten eine ganze hochwirksame Regalreihe herstellen lassen hat. Nichts. Null. Da ging gar nichts. Außer Kopfschmerzen. Ganz zuletzt haben wir eine Creme gesucht, doch es gab nur diesen blauen Topf von Nivea auf dem Scheißhaus. Das Zeug brannte. Wir haben es gelassen. Wir haben das alles gelassen. Es blieb der mit Abstand jämmerlichste Fickversuch aller jämmerlichen Fickversuche dieser Erde. Niemand hat diese Stunden je wieder erwähnt. Ich würde das nie jemandem erzählen, der mich kennt.

Was mich am Koksen stört, ist der Affe ab dem nächsten Tag. Die Schweißausbrüche. Die Unruhe. Über Tage immer wieder in Wellen angeschwemmte Depressionen, die sich nur mühsam zurück ziehen, nur um Sie einfach so wie nebenbei wieder hinein zu werfen in eine Unsicherheit, die Sie überwunden dachten. Der nachwirkende Angriff auf die für intakt gehaltene Psyche stresst. Ein Körpergefühl wie ein Junk. Scheiß Affe. Gäbe es das nicht, wäre Koks grundätzlich eine gute Sache in Zeiten, in denen die Welt Sie herausfordert. An denen Sie stehen bleiben müssen. Diese Energie. Diese unendliche Energie. Die in dieser Intensität kein Körper ohne Hilfsmittel aufbringen kann. Optimismus. Selbstsicherheit. Unglaubliche Kraft. Die Welt aus der Verankerung reißen und ins All kicken. Alles ist in dem Moment in Ordnung. Und möglich. Koks macht ein gutes Gefühl. Während es wirkt. Bis schließlich der Affe kommt.

Wenn Sie die Sache nicht unter Kontrolle haben, frisst Sie das alles auf. Es gibt immer eine Kehrseite des Übermuts. Es kann gravierende Nachteile nach sich ziehen. Sozial. Seelisch. Gesundheitlich. Finanziell sowieso. Bei mir ging das Ersparte drauf. Alles. Als ich nach Monaten voller Kontrollverlust wieder arbeiten ging, hatte ich nichts mehr. Verraucht. Verzogen. Verschnupft. Nix mehr da. Und der Dispo ausgeleiert. Später in meinem Leben ging noch einmal Erspartes drauf. Für Aktien, die mir ein Freund empfahl. Solarbutze. Heißer Scheiß. Die Firma ging pleite, mein Geld war weg. Ich finde, da haben sich die Drogen mehr gelohnt. Ich hätte das Geld für die Solarfritzen gleich verkiffen sollen.

Als ich Steffen das vorerst letzte Mal sah, war ich drauf. Wir haben noch einmal alles gezogen, was es gab. Noch einmal das ganze Programm. Das ganze Helge-Reinhold-Spiel. Ich bin danach mit dem Auto zu meiner neuen Wohnung gefahren. Drauf wie ich war. Von der Stresemannstraße bis nach Neukölln. Orientiert habe ich mich an den Straßenlaternen, die vorbeizogen wie kleine Raumschiffe. Auf der Urbanstraße kurz vor dem Hermannplatz musste ich rechts ranfahren. Mir war schlecht. Karussell. Achterbahn. Hämmernde Schmerzen hinter dem Auge. Ich kam tatsächlich sicher an. In Schrittgeschwindigkeit. Mit dem Auto. Warum ich es nicht stehengelassen habe, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich gehörte es zur Vollständigkeit des Schlussstrichs, auch das Auto mitzunehmen, ich weiß es nicht. Doch dass ich es noch ordentlich eingeparkt habe, weiß ich noch. Und ich habe im euphorischen Übermut noch eine Straßenlaterne ausgetreten. Keine Bullen. Nicht gefickt worden. Diese Höllenfahrt tatsächlich zu einem Ende gebracht. So viel Glück hat kein Schwein. Das war immer schon so. Ich habe immer schon zusätzlich zu dieser Freude daran, mich mit voller Absicht den Bach runtergehen zu lassen, sehr viel Glück gehabt. Ich bin ein Glücksschwein, dem ein Schutzgeist im Arschloch steckt. Ich kam immer durch mit solchen Sachen. Andere erleiden schon beim ersten üblen Ding Schiffbruch und gehen unter. Ich komme aus irgendeinem Grund immer damit durch. Mit allem. Keine Vorstrafen. Keine Unfälle. Kein Schiffbruch. Kein Untergang. Das reinste Glück.

Das Pensum dafür muss irgendwann aufgebraucht sein. Irgendwann ist jedes Blatt ausgereizt. Jeder Becher an purem Glück geht irgendwann leer. Noch einmal ein vergleichbares Ding und die Dinge gehen zu Ende. Ganz tief drin weiß ich, dass das so sein würde. Heute bin ich vorsichtig. Ich fahre inzwischen viel mit dem Taxi. Keine Unverantwortlichkeit mehr. Weil es kein Leben lang gut geht.

2016. Ein Sicherheitsschlumpfstudent spricht mich an.

„Könnense mal die Jacke aufmachen?“

„Warum? Haben Sie Terrorparanoia? Schauen Sie nach Sprengstoffgürteln?“

„Vorschrift.“

„Ja natürlich Vorschrift.“

„Ja. Wirklich Vorschrift.“

„Ja. Ich weiß. Vorschrift.“

Er fasst in die Innentasche meiner Jacke.

„Ich muss das machen.“

„Müssen Sie.“

„Muss ich.“

„Ja. Müssen Sie. Ich weiß doch.“

Deutschland. Ein Land scheißt sich ein.

Als ich auf Helge Schneider warte, erinnere ich mich, dass bei Steffen einmal ein schräger Politaktivist aus dem Tommy Weisbecker-Haus von um die Ecke zu Gast war, der etwas von dem Zeug haben wollte, das es hier in unserer Betonbaubude in der Stresemannstraße gab. Es dauerte nur zwei Songs und er hielt eine Gardinenpredigt. Helge Schneider könne man nicht hören. Der sei sexistisch und rassistisch. Die Texte frauenfeindlich. Altenfeindlich. Behindertenfeindlich. Ausländerfeindlich. Irgendwasnochfeindlich. Was er predigte, hat niemanden interessiert. Schneider lief weiter. Und der Typ kam nicht mehr.

Heute betreibt dieser Mensch bestimmt ein Blog im Internet, flutet Twitter mit Verhaltensvorschriften oder hat das Kulturressort der Zeit übernommen. Irgendwas macht er bestimmt, nur sicher nichts, zu dem man sich locker macht.

Eine absolute Gewissheit für den heutigen Abend ist, dass ich auf einem Platz sitze, um den herum sich Arschlöcher gruppieren. Hier mir säuft einer Bier. Was viele wissen: Von Bier muss man rülpsen, Was viele nicht wissen: Die Schwade stinkt. Und sie zieht zu mir nach vorne. Borbs. Pfffft. Da kommt sie. Borbs. Pffft. Wieder eine. Ich drehe mich um und sage: „Wäre es machbar, dass Sie Ihr Bier nach oben rülpsen? Nehmen Sie es nicht persönlich, aber es mockert übelst. Über kurz oder lang muss ich davon kotzen.“ (Keine Frage, ich bin ein großer Diplomat)

„Wieso? Ich mach‘ doch gar nix.“

Ah. Der Klassiker. Natürlich macht er nichts. Das ganze Land besteht aus Leuten, die nie etwas machen. Deswegen bringt es auch nichts, die Leute anzusprechen, die sich unmöglich aufführen. Sie werden es sofort abstreiten, sich daraufhin nur kurz zusammenreißen und dann doch weitermachen wie immer. So auch hier. Etwa zwanzig Minuten hält er es aus. Dann macht er weiter. Nur jetzt ohne Borbs. Jetzt nur noch Pffffft. Und die Schwade. Die stinkende Bierschwade. Das lässt gleich wieder Gewaltfantasien entstehen. Ich möchte ihn an den Sitz fesseln. Sein Maul mit einer Maulklammer aus dem Bondageshop fixieren und ihm dann Zeug in die Kehle schütten. Seit Tagen abgestandenes Bier. Einen Urinbeutel vom Urologen. Ommas fleischfarbene Strumpfhose aus dem Wäschekorb. Alle Aschenbecher vor dem Eingang. Die Tampons vom Damenklo. Den abgepolkten Penisgrind vom Penner aus der U-Bahn vorhin. Rein damit. Arschloch. Darf ich nicht? Nein? Wieso eigentlich nicht? Ach, verboten? Wieso?

Ich war sehr weise beim Buchen. Denn vor mir sitzt niemand. Ich kaufe nach Möglichkeit immer Karten für Plätze, bei denen vor mir niemand sitzt. Denn wenn ich das nicht mache, wird dort ein Riese sitzen. Oder jemand mit Hut. Oder einem Afro. Wasserkopf. Oder einer macht Dehnübungen. Damit ich nichts sehe. Das ist immer so. Deswegen buche ich solche Plätze. Ich wehre mich gegen die feindliche Umwelt wo ich kann.

Dafür sitzen sowohl rechts als auch links neben mir Frauengruppen. Das bedeutet Gesabbel. Unendliches Gesabbel. Es ist kein Klischee. Wenn Frauen da sind, reden sie. Irgendwas. Ganz viel. Alle 30 Sekunden ein anderes Thema. Reden Reden Reden. Mehr reden. Das verfolgt mich bis in meinen virtuellen Fluchtpunkt: Ich spiele auf der Playstation gerade ein Spiel, das heißt „The Crew“. Dort müssen Sie mit verschiedenen schnellen Wagen mehr oder weniger schwierige Aufgaben lösen. Rallyes fahren, Geschicklichkeitsübungen, Fahren auf eisglatter Fahrbahn auf Zeit. Und damit das nicht zu einfach wird, quatscht Sie entweder vom Beifahrersitz oder über Funk eine Frau voll. Sabbel Sabbel Bla Bla. Alex, mach schneller. Vorsicht! Pass auf. Da hat dich einer überholt. Alex, du musst wieder an die Spitze. Bleib dran. Lass dich nicht abhängen, Alex. Aleeex! Sowas. Seier Seier Bla Bla. Das macht mich kaputt. Ich könnte ausrasten. Ich hätte viel bessere Zeiten und würde viel weniger gegen Hindernisse fahren, wenn die Alte einfach die Backen halten würde. Hält sie aber nicht. Sie sabbelt und sabbelt und sabbelt und ich fahre volles Rohr gegen die Leitplanke und überschlage mich, wonach mich ein Bus erwischt und mein Wagen Schrott ist. Scheiß Kombination. Geiles Spiel, nerviges Geseier. Es hat ein Sadist programmiert.

Schnell wird klar: Rechts neben mir sitzen Studentinnen. Sie sind lauter als die von links. Es geht um Tutoren. Dozenten. Süße Typen. Knackige Ärsche. Die Prüfung zu schwer. Das Mensaessen zu schlecht. Der Hörsaal zu klein. Der Stoff zu kompliziert. Das Geld von Papa zu wenig. Der Barjob zu anstrengend. Die Hörsaalsitze zu unbequem. Die Verwaltung ein Stall voller Schlümpfe. Die neue Tapasbude lecker. Woher ist das weiß? Ich habe mir das alles gemerkt. Das ganze Gesabbel. Ich habe ein Gehirn, das die Fähigkeit besitzt, Unmengen stumpfsinniger Informationen zu speichern und nie zu vergessen. Mein Fluch.

Als das Konzert beginnt, beginnt eine der Schnepfen neben mir damit, von diesem wirklich weit vom Geschehen entfernten Platz zu fotografieren und ihre WhatsApp-Gruppe mit aktuellen Bildern vom Konzert zu versorgen.

Mit Blitz.

Kein Scheiß.

Regelmäßig.

Immer wieder.

Noch eins.

Und noch eins.

Mit Blitz.

Und da ist sie nicht die einzige.

Blitze. Beim Konzert. Was soll das? Halten Sie sich fest: Das bringt nix. Nix! Überhaupt null! Es hat keine Funktion außer die, alle anderen um Sie herum zu Tode zu nerven. So ein Smartphoneblitz kann so einen großen Saal nie so erhellen, dass es Wirkung entfalten würde. Kein Stück. Lassen Sie es sein. Es bringt nix. Es wird Ihr verschissenes Foto nicht besser machen. Was ich jetzt gerne hätte, wäre ein Flammenwerfer. Für den Haufen. Den ich aus ihren ganzen blitzenden Smartphones bauen möchte.

Dann plötzlich war es das für heute. Was für ein schwaches Konzert. Runtergerotzt. Nicht witzig. Ohne Verve. Ohne doppelten Boden. Ohne Wortwitz. Raffinesse. Kein Stück originell. Ich hätte mich zukiffen sollen. So bringt das nix. Nüchtern alte Dinge aufzuwärmen bringt eh nix. Nicht mal das alte Helge-und-Reinhold-Spiel oder irgendwas vergleichbar Schräges hat er gebracht. Sinnloses Gedudel mit Kinderspielzeug, ein lauwarmes Schlagzeugsolo, gelangweilt aneinander gereihte Hits ohne die exotischen Variationen, für die er bekannt ist. Kaum Slapstickeinlagen. Lustlos. Mau. Mittendrin gingen einige. Nicht wenige. Die, die blieben, sind von Begeisterung weit entfernt. Das merkt auch der Künstler, der heute sichtbar keinen Bock hat. Die Zugabe besteht aus einem öden Nationalhymnengezimbel auf der E-Gitarre. Dann geht Schneider von der Bühne und der vergeigte Auftritt dieses verschenkten Abends ist vorbei. Ich habe in Frankfurt in der Alten Oper mal ein Konzert von Helge Schneider gesehen, das war großartig. Musikalisch und verbal. Selbst nüchtern. Der Mann ist ja eigentlich ein Wortakrobat. Ein fantastischer Musiker. Heute nicht. Das hier war schlecht. Lass k(n)acken heißt die Tour. Sehr witzig. Hahaha. Haha. H. Nein. Vielleicht sollte er endlich aufhören. Und ich sollte endlich aufhören, alte Geschichten mit teuren Eintrittskarten aufwärmen zu wollen. Ich bin noch nicht alt genug für diese traurige Sorte Nostalgie.

credits:

Für den so schön passenden Begriff „Affe“ für einen schwer zu fassenden Zustand einen schönen Dank an Glumm.