Schockstarr mich am Arsch

So. Gut. Ist jetzt genug Zeit vergangen? Können wir drüber reden? Vielleicht haben Sie es mitbekommen. Meine Stadt war jetzt auch einmal Gegenstand der Terrorberichterstattung. Nizza. Boston. Brüssel. Paris. Paris. Paris. Ich krieg’s nicht mehr zusammen. Berlin gehört nun in diese Reihe. Jetzt kann ich das, was sie so berichten, mal mit mir abgleichen, diese Berichte über die Stimmung einer Stadt, in der so ein Ding stattfand, diese Versuche, den seelischen Zustand der Bewohner zu beschreiben, die Schwingungen einzufangen, denen, die nicht hier wohnen, zu verklickern was hier so geht.

Lächerlich.

Ehrlich. Lächerlich. Das meiste von dem Scheiß. Lächerlich.

Ich war unterwegs. An dem Abend. Am nächsten Tag. Zwei Tage später. Bis heute. Wie immer. Wie viele. Wie wohl die meisten. Schockstarre? Nein. Nichts. Niemand. Ich weiß auch warum. Weil hier Berlin ist. Berlin ist beim Bäcker. 3 Schrippen. Bitteschön. Dankeschön. Schönen Tag noch. Berlin ist vor der Kita. Die Erzieherin hat verpennt und ich stehe vor dem verwaisten Eingang mit anderen Eltern in der Gegend herum. Dann kommt sie angerannt. Oh, das tut mir so leid, das ist mir ja noch nie passiert. Macht nix. Passiert den Besten. Die Themen bei den Eltern da vor der Türe? Eine sagt, ihr sei das egal mit dem zu spät kommen, sie arbeite heute zuhause. Eine andere ist etwas hibbelig. Sie hat einen Termin um neun. Ob wir auf ihren Kleinen aufpassen können. Sie müsse los. Wir können das. Wir regeln das. Wir sind locker. Oder hier. Berlin ist Borgwürfel. Mein Arbeitsplatz. Der Garant für dummes Geschwätz. Auch hier keine Schockstarre. Nur ein wenig Fatalismus, der den Beschäftigten sowieso immanent ist. War doch klar, dass hier mal was passiert. Jetzt haben wir es hinter uns. Das Warten darauf war das Schlimmste. Kaffee in der Hand. Och nee, wer hat denn schon wieder diesen drecks Rondo-Kaffee gekauft? Der knallt mir noch die Magenwand weg. Oder da. Berlin ist S-Bahn. Voll wie immer. Keine Panik. Einer, der aus Tunesien stammen könnte, hat einen Rucksack auf dem Rücken und spielt an seinem Smartphone rum. Einen Bart hat er auch. Einen gibt es in der ganzen Bahn, der glotzt den an. Was denkt der wohl? Huhu. Wird er das Ding zünden? Jetzt? Hier in der wie immer überfüllten S42? Natürlich nicht. Gar nix is‘ da. Der kuckt auch gleich wieder weg. Kein Gepöbel. Niemand thematisiert das, was passiert ist, in der Form, die behauptet wird. Und ich habe ausnahmsweise mal den Player in der S-Bahn ausgemacht. Das Gesabbel dreht sich um den Job. Meistens um den Job. Oder Kinder. Auch hier: Keine Hysterie. Keine Schockstarre. Einmal nur der Satz „Also das mit dem Weihnachtsmarkt lass ich dieses Jahr so lange der Typ noch frei rumläuft.“ Das war’s. Auch hier nüchterne Festellung der Handlungsoptionen statt Schockstarre. Nix. Nirgendwo. Und ich habe echt zugehört. Die Ohren gespitzt. Die Augen offen gehalten. Berlin blieb locker wie immer. Was schreibt ihr da für einen Scheiß? Wo habt ihr das her? Woher kommt das? Von Twitter wieder? Sitzt einer eurer unbezahlten Praktikanten vor dem Monitor und scannt den Hashtag #PeaceForBerlin, #OhMyLordWePraiseBerlin oder #FickMichInsWeltallBerlin nach diesen ganzen dummen Flaggen, schwarz-rot-goldenen Brandenburger Toren, sinnbildlichen Facebook-Kitschbildchen und routiniertem Betroffenheitsgesäusel? Ist das eure Realität inzwischen? Ach bitte. Ihr schreibt doch nur ab, was das Internet schreibt, oder besser dieser belanglose Teil des Internets, diese 0,01%-Blase plappernder Sprechautomaten aus Berlin-Mitte, die mit dem ganzen Rest der Gesellschaft, der mit mir beim Bäcker, vor der Kita, in der S-Bahn und meinetwegen auch im Borgwürfel steht, nix zu tun hat, nix weiß, nix merkt und stattdessen von wem auch immer alimentiert die Server mit Belanglosigkeiten vollschreibt, was schon Minuten später vergessen ist, außer von den nicht minder abgehobenen Internetvollschreibern der großen Portale, die das abpausen und mit einer knalligen Überschrift vom Grabbeltisch für schlechte Buzzwörter dekorieren.

Gute Nacht. Ich gehe schlafen. Hier war nix, ihr nervigen Trompeter. Gar nix. Hier lief alles wie immer. Die Straßenbahn fuhr. Sogar die S-Bahn fuhr. Beim Bäcker nahm die Bäckereifachverkäuferin 12 Cent für die Schrippe. Zum Abendbrot gab es frisch abgeknödelten Tête de Moine, weil der bei Lidl gerade im Angebot ist. Playstation. Bier trinken. Die Nachbarin lallt Scheiße im Treppenhaus. Ein Penner in der S-Bahn hat sich eingeschissen. Irgendwer hat auf einen Sitz des Bahnhofs Prenzlauer Allee gekotzt. Vermutlich ein Tourist. Mehr war hier nicht. Alles wie immer. Keine Schockstarre. Nicht eine Minute. Hier ist Berlin. Wir haben das ganze Jahr Ausnahmezustand. So etwas wirft hier nur aufgeregte Journalisten aus dem Regierungsviertel aus der Bahn. Sonst nimmt das jeder hin und macht weiter. Ich mag das an meiner Stadt. Ehrlich. Das mag ich sehr. Die Ignoranz. Den Stoizismus. Und ja, dieses Achselzucken und Weitermachen. Und auch wenn hier irgendwann mal ein kapitales Ding hochgeht. Boom. Auch das wird Berlin hinnehmen. Niemand wird da ausrasten. Oder in Schockstarre verfallen. Oder wieder anfangen, eure blöden Zeitungen zu lesen. Da könnt ihr schreiben was ihr wollt, ihr Märchentanten.

 

 

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