Eat this, Omma

Wer die letzten Jahre tatsächlich damit verbracht hat, hier mit zu lesen, kennt das komplett zerstörte Verhältnis zwischen mir, dem Vater, und den Ommas. Sie mögen mich nicht. Meist ist es eine Art Stellungskrieg mit gelegentlichen Scharmützeln, in dem wir uns gegenseitig belauern, beäugen, abwartend lauern, immer mal wieder jedoch überfallen sie mein Kind in einer Art Handstreich, quasi ein Putsch durch die kalte Küche, in dem der alte Machthaber (ich) durch den Überraschungsmoment komplett kaltgestellt und übergangslos die unmittelbare Gewalt über den kleinen Menschen übernommen wird, der mich begleitet. 1. 2. Sturzflug. Zugriff.

Revierzwiste zwischen mir und den Ommas um die Lufthoheit über mein Kind sind so sicher wie ein Zugschaden bei der S-Bahn oder die nächste Kostensteigerung beim großartigen Berliner Flughafen – sie kommen ganz sicher. Die Frage ist nur ob jetzt oder in ein paar Minuten. Es ist der Klassiker meiner Vaterschaft: Occupy my baby. Sie putzen dem Kind ungefragt die Nase, fassen an, knuddeln, ermahnen mich, dass die Jacke nicht ganz zu ist und dass es nunmehr Zeit für Handschuhe ist. Sie nehmen sich meines Kinds an und ich habe nur wenige Mittel, denn ich bin im Zweifel nicht der mit den verdammten Süßigkeiten im Jutebeutel. Gummibärchen. Hier, ein Gummibärchen. Das stammt noch aus der Senatsreserve. Iss, Kind, iss. Was sagt der Mann da? Gibt gleich Mittagessen? Spielt doch keine Rolle. Hier, nimm noch eins.

Doch wie immer kommt irgendwann der Tag der Rache. Irgendwann kriegt jeder alles irgendwie zurück, Ying, Yang, Pendeltheorie, das antichristliche Rachedogma, nennen Sie es wie Sie wollen, irgendwann kommt immer eine Gelegenheit für Typen wie mich, die Dinge gerade zu rücken, einen Ausgleich zu erzielen, Dinge zurück zu zahlen. Ich genieße Rache kalt, warte oft lange dafür, denn was es braucht ist eine Gelegenheit. Und wenn die da ist, filetiere ich. Kalt und grausam. Und hier stehen wir jetzt, wir sind soweit, es ist meine Zeit:

Das Kind ist nun in dem Alter, in dem ich ihm beibringen kann, nicht mit Fremden zu reden. Keine Bonbons, kein Kopfstreicheln, kein Dialog ohne dass der Fremde vorher mit dem Kind bekannt gemacht wurde. Das klappt prima und vor allem: Es trifft nur Ommas (und als Kollateralschaden manchmal ein paar harmlose Prenzlauer Berg-Mütter mit widerlichen Hirsekeksen, die sie an fremde Kinder auf dem Spielplatz verteilen). Es trifft also genau die richtigen. Ommas sind die primäre Zielgruppe der Maßnahme, denn Männer sprechen normalerweise keine Kinder an (Pädo, eins aufs Maul, Polizei, Knast, Leben kaputt – eine Linie), andere Kinder tun das in der Regel auch nicht (Berlin, hartes Pflaster, gebotene Vorsicht, sonst Schelle – eine Linie) und auch Mütter halten sich mit direkten Eingriffen meist zurück (oje, da ist ein Papa, unfähig aber bemüht, insofern besser mal beobachten falls was schief geht, aber lassen wir ihn mal machen, wir müssen ja modern sein, auch wenn es weh tut – na? Genau: Eine Linie).

Wenn das Kind also wieder einmal von einer Omma angesprochen und betatscht wird, steht es inzwischen mit ausdrucksloser Miene da, sagt gar nichts und dreht dann ab. Wortlos. Fantastisch. Mit absolut ausdrucksloser Miene. Ich könnte ausflippen. Das kommt von mir. Ausdruckslos schauen. Weil ich das immer mache, wenn mich jemand nervt, ein S-Bahn-Spritti, ein Zeitungsverkäufer oder die ekligen hysterischen Winkestudenten von irgendeinem Tierschutzverein („Heyyyyiiiiiii duuuu-huuuuuu willst du ein Abooo…“). Ausdruckslose Miene. Und abdrehen. Hach mein Kind. Ich bin sehr stolz. Genau so lässt jeder von Verstand hier in Berlin nervende Leute abtropfen, die hier überall warten, um mit Anlauf fremde Nerven zu zersetzen. Ich kriege mich nicht mehr ein. Mein Werk. Es ist schön, wenn Erziehung Früchte trägt.

Und dann, wenn mich der Jutebeuteldrachen verwirrt anschaut, weil das Kind ums Verrecken gar nicht reagiert, kommt mein Auftritt, meine bis zum letzten Augenblick auszukostende Replik, mein Moment des Siegs, mein Satz: „Das Kleine spricht nicht mit Fremden. Kann ich auch nix machen.“, um dann diesen wunderschönen von verwirrt zu vergrämt und wieder zurück wechselnden Gesichtsausdruck zu genießen, der mein Leben wieder lebenswert macht. Und dann abzudrehen. Ohne noch ein Wort.

Eat this, Ommas. Do widzenia.