Für den Untergang sorgen wir (nicht)

Der Dezember kommt mit Frost. Der berühmte Berliner Eiswind brennt in mein Gesicht. Ich werde heute Slime sehen. Niemand, den ich kenne, kennt die mehr. Slime? Was ist das? Deutschpunk? Werde ich gefragt. Was ist Deutschpunk? Macht die AfD jetzt Musik? Haha. Sehr witzig. Du Gnom. I kill you.

Warschauer Brücke. Normalerweise trage ich die Bürouniform, wenn ich hier unterwegs bin. Dunkelblauer Anzug. Maß. Dicker Winterstoff momentan. Mantel drüber. Ich bin hier oft unterwegs. Potente Kundschaft. Lassen Sie sich von den grindigen Easyjet-Idiotentouristen auf dem Boulevard der Versifften und Verpeilten nicht täuschen. Hier sitzt das Geld. Sie können es nicht sehen, wenn Sie draußen herumstehen und nicht reinkucken können. Hinter die Fenster. Da sitzt das Geld. Hinter den Fenstern. Abgetönt. Vertrauen Sie mir. Es ist da.

Hier zum Beispiel wird es bald auch sein. Schauen Sie, was sie hier bauen. Sie scheißen alles zu. Es wird eine Mall. Sie nennen das Projekt „Eastside“. Wie die Gallery. Einmaleins des Brandings: Nehmen Sie was mit Wiedererkennungswert. Eastside. Eine Mall. Be stupid – go shopping. Oben auf das Plakat hat jemand „Armes Fhain“ geschrieben. Armes Friedrichshain. Das ist korrekt. Ganz schön bräsig ist Friedrichshain geworden, dass es sich so widerstandslos in Arsch, Mund und Nasenlöcher penetrieren lässt. Es gab Zeiten, da hätte der Aufsteller gebrannt. Heute bleibt nur Bedauern. Passiv-aggressiv. Als kleines trauriges Statement auf einem protzigen Plakat, das sie nicht mal wegmachen, so egal sind kleine traurige Statements inzwischen. Die Sieger bauen imperial. Sie koten jeden Freiraum zu. Sie haben vernichtend gewonnen. Sie haben das alles gekauft. Kein Widerstand mehr. Und jetzt bauen sie ihre Malls. Und du? Shopp dich um den Verstand oder verpiss dich.

Auf dem Gelände, das sie da gerade zubauen, war mal eine ziemlich siffige Clublandschaft. Siffig, aber geil. Ich erinnere mich an die Busche. Und an das vollkommen verkeimte NonTox. Der Name war ein Euphemismus, denn mit „Non Tox“ hatte das da drin und vor allem drumherum nichts zu tun. Sie mussten nur aufpassen, dass Sie alles das, was Sie dort in den Ecken der gammligen DDR-Garagen kaufen konnten, nicht durcheinander genommen haben. Ich habe wenige Erinnerungen an das NonTox. Industrial. Ich glaube, sie haben vorwiegend Industrial gespielt. Ich weiß weder mit wem ich damals da war noch was diese Leute heute machen. Ich erinnere mich dunkel an rote Ledersofas. Ledertypen. Ziemlich fertige Frauen. Rauch. Ich auf dem Schoß von irgendwem. Und irgendwer auf dem Schoß von mir. Ich glaube nicht, dass ich getanzt habe, ich habe nur rumgehangen, vollkommen unproduktiv, über viele Monate, eine vollkommen sinnlose Existenz, aber eine zufriedene. Ich weiß gar nicht mehr viel von dieser Zeit. Ich habe nicht mal eine Ahnung, wann das NonTox zugemacht hat. Irgendwann ums Millennium vermutlich. Jetzt steht hier die O2-Arena, die jetzt Mercedes-Arena heißt, bis sie ein anderer kaufen und seinen Namen in den Nachthimmel branden wird. Dahinter Borgwürfel um Borgwürfel. Schwarz. Grau. Grau. Schwarz. Und jetzt diese Mall. Armes Friedrichshain. Wir singen Abgesänge.

Ich versuche in der von Hauseingangpissern verseuchten Billigfliegerhölle namens Simon-Dach-Kiez, in den ich seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt habe, eine Dose Jacky Cola zu bekommen, oder zwei, besser drei, etwas, das mir dieses bündnisgrüne Wellnessparadies bunter machen wird, aber da ist nichts außer des abzuwickelnden Supermarkts des Kaisers, der seine Dosen nicht kühlt, also muss ich zurück zum U-Bahnhof Warschauer Straße, wo mir Hurensöhne die Dose für 5 Euro verticken. Was für schlechte Menschen. Ich muss mich betrinken und sie nutzen das aus. Betrinken. Vorglühen. Ich habe noch Zeit. Ich möchte mir den Kiez anschauen. Ich möchte wissen, welche Entwicklung er genommen hat. Wie die Lage ist. Schauen, was hier noch geht.

Ein Schnitzelpuff geht. Tourifangidiotenname. Ficken 2000. Arschpoppensodaclub. Fang den Touri. Die Zielgruppe ist klar und da sitzt sie auch schon am Fenster. Fünfzehn-Semester-Soziologie-Gesichter aus Bremen. Mit Papa und Mama, die das Ganze hier finanzieren und die man in den Simon-Dach-Kiez ausführt, weil es hier Schnitzel gibt wie in Ischgl, nur mit so einem supercoolen Hip Hip Berlin-Namen wie Schnitzelpuff. Den Schriftzug können Papa und Mama knipsen und dann zuhause den ungläubigen Daheimgebliebenen zeigen wie wild und versaut Berlin ist. Schnitzelpuff. Hach. So ist eben Berlin.

Oder kuck mal da. Hip Hip Hyperlokal. Hier, ihr tollen hyperlokalen Regiofreaks, nur für euch. Ne Kieztanne. Totaaal lokal. Aus deinem Hain. Hain. Hain. Wer denkt da nicht an Friedrichshain? Jaja. Zum flauschigen Leben gehört natürlich ein Weihnachtsbaum, aber bitte mit Bio. Und von hier. Und aus dem Kiez. Von hier. Denken Sie? Nix da. Sauerland, bitches. Das Internet weiß alles. Kieztanne. Marketing für Dummies. Heute schon einen Idioten gefangen?

Simon-Dach-Fuck. Überall Scheißläden. Scheißnamen. Scheißzeug zu kaufen. Spielzeug für die gelangweilte neureiche Kinder auf Identitätssuche. Kalkuliert kindisch. Die Schweighöferisierung eines ganzen Bezirks. Ich weiß gar nicht, wo das Prekariat aus den Randgebieten bleibt. Die, die so leben wie die hier im Simon-Dach-Puff in der ironischen Version für viel Geld aussehen. Doch doch, wartet wartet nur ein Weilchen. Irgendwann kommen sie und ziehen euch eure ironischen Jogginghosen, eure ironischen Feinrippunterhosen und eure ironischen Blaumänner über die Ohren. Ihr Vinylgesichter.

Wenigstens haben sie auch hier scheiß Wortspiele. Als wären sie ein Friseur. Hier, komm, ich hab noch mehr, schafft 1, 2, 3, viele Vietnams Schuhläden: Schuhting. Schuhperb. SchuhDSSR. Los. Töte mich mal einer. Bitte. Es ist unerträglich.

Auf dem Weg zum Astra treffe ich noch einmal auf die Verticker, die mir schon auf dem Weg von der Warschauer Brücke aufgefallen sind. Krass viele Verticker hier. Enorm viele. Das war früher nicht. Ein wahres Spalier. Hash? Cocaine? Meth? Hey, Hash? Come on. Meth? Come oooon. Natürlich kauft man hier nicht. Wenn Sie gute Drogen haben wollen, kaufen Sie nicht an solchen Ecken wie ein Tourist und lassen sich hier im Hostelhonkhoneypot von ein paar armen Teufeln abrippen. Lassen Sie es ruhig angehen. Haben Sie Geduld. Lernen Sie die richtigen Leute kennen. In Bars. In guten Bars. Freunde von Freunden. Vertrauen ist alles. Machen Sie eigene Kanäle klar. Leute, die Sie nach einer Weile privat treffen können. Die selber brauen. Handcrafted, my dear. Das bessere Zeug. Nicht der Scheiß, der da unten vor dem dummen analogen Photoautomaten an arglose Idioten verscheuert wird, die es nicht besser wissen, aber Geld haben. Zeug von Leuten, die Sie nicht abrippen. Guten Leuten. Drogen sind Vertrauenssache. Und auf Straßen vertraut man nicht.

Astra. Slime wartet. Und Til Schweiger hat ein Schild geschrieben. Sieben Ausrufezeichen. Sehr schön. Mir fällt auf, wie viele Leute hier immer noch rauchen. Ich kenne das so krass gar nicht mehr. Ich komme aus Prenzlauer Berg. Rauchen ist dort ausgerottet. Niemand raucht da mehr. Hier schon. Ein Stelldichein der Freunde der Krebslunge. Ich finde ja die Dampfer viel schlimmer. Was für ein dämlicher Hype. Karamell. Lakritze. Tuntiges Erdbeeraroma. Gezogen aus einem Metallding, das aussieht wie Spritzbesteck, bei dem vorne eine LED-Lampe leuchtet, die die Glut einer normalen Zigarette vortäuschen soll. Meine Güte. Das sieht nicht nur vollkommen bescheuert aus, das ist vollkommen bescheuert. Und raus kommt nur gruselige Duftbaumscheiße, mit der arglose Konzertbesucher eingenebelt werden. Ein Aroma wie My Little Pony. Gummibärchenwichse. Schlumpfkotze. Hey, bitte, ich bin kein Purist, aber das hat zum einen wirklich nichts mit Punkrock zu tun und zum anderen riecht es hier wie in einem verschissenen Erdbeerpuff. Was soll das denn? Könnt ihr nicht wenigstens kiffen? Was stimmt mit euch nicht?

Astra. Lampenladen. Heute ist Veteranentag. Es gibt nur wenig Traurigeres als alternde Punks. Ich sehe einen locker 50jährigen mit lichtem grünen Iro. Typen weit in den 40ern mit Springerstiefeln an Hochwasserhosen und Nietenarmbändern. Meine Güte. Hier sind die, die überlebt haben. Hey, möchte ich rufen, hey, Ihr seid nur noch der Rest. Es ist wie nach einem Krieg. Die Besten sind tot. Und übrig sind nur die, die es nicht ganz so krass gebracht haben, so dass sie tatsächlich die 50 erlebt haben. Rentnerpogo. Ich warte darauf, dass einer in so einem pissegelben Sex Pistols-Shirt mit Gehhilfe hier reinwackelt. Leider passiert das nicht. Das macht die Angelegenheit seltsam unvollständig.

Ich nehme einen Jack an der Bar und höre, wie schon jemand auf der Bühne dilettiert. Die Vorband heißt DivaKollektiv. Sie ist kacke. Vorbands. Ich hasse sie alle. Die hier machen Babypunk. Sehr schlimm. Texte wie Menstruationsbeschwerden, eine kreissägeneske Stimme, die Murat Kurnaz in Guantanamo dazu gebracht hätte, die Schuld am zweiten Weltkrieg einzuräumen, und ein Gitarrist, der von den Frauen von Bass und Gesang angepflaumt wird, sobald er auch mal was ins Mikrofon spricht. Ganz schlimm. PMS-Gedudel. Nölig. Schwachbrüstig. Das ist Punk heute. Er ist keine Gefahr. In ein paar Jahren werden auch sie eine Familie gegründet haben und sehr glücklich pausbäckig sein. Und Bugaboos durch Friedrichshain schieben. Smoothie in der Hand. Kieztanne im Wohnzimmer. Bis auf den Gitarristen. Der wird sich vermutlich erschossen haben. Weil ihn nie jemand was sagen lassen hat.

Slime. Endlich richtige Musik. Die Lautstärke ist krass. Ich habe wieder die Ohrendinger vergessen, die ich immer vergesse, also haben wieder tausende Haarzellen in meinem Ohr ihr Leben gelassen. Morgen beim Kaffee wird es immer noch fiepen. Nein, das ist nicht gesund. Doch, ich werde das wieder machen. Der Körper muss den Bach runter.

Es ist ein großartiger Auftritt. Eine großartige Band. Das hat gesessen. Die alten Männer und die alte Frau haben noch einmal gezeigt wie es geht. Wie man es macht. Wie ein Aufruf zur Rebellion geht. Wie Haltung geht. Punk. Direkt. Politisch. In die Fresse. Zwischendrin drei Stücke in Acoustic. Und Dirk Jora geht von der Bühne. Wahrscheinlich zur Dialyse, keine Ahnung, jedenfalls kommt er irgendwann wieder. Zur Zugabe. Noch eine Zugabe. Und noch eine. Dann ist gut. Die da oben sind durch. Sind auch nicht mehr die Jüngsten. Sowieso, ich fühle mich gerade wie mein eigener Uropa, nachdem die Rolling Stones in der Waldbühne gespielt haben. Sind ganz schön alt geworden. Sie können nicht mehr, Sie sind wirklich durch, das hat man gesehen. Als ich diesen Gedanken nachhänge, brüllt mir ein ein alter hässlicher Hippie Scheißdreck ins Ohr. Natürlich nimmt er für seinen Scheißdreck, den er irgendwem ins Ohr brüllen muss, mich. Das ist folgerichtig, denn ich habe so ein Bitte-sprechen-Sie-mich-an-und-erzählen-Sie-mir-Ihren-ganzen-Scheißdreck-der-Ihnen-gerade-auf-der-Seele-liegt-Gesicht. Ich ziehe solche Leute an. Sie finden mich überall. Und erzählen mir Dinge. Scheißdreck. Viel Scheißdreck. Einfach so. Ohne dass ich das wissen will. Ohne dass ich danach gefragt habe. Der Hippie brüllt mich an:

Hääääääh! Was? Das war’s schon? Schon vorbei? Ey, das war’s doch noch nicht, nä? Sachdoma, nä?

(halt die Fresse)

Nur einmal Zugabe! Geht doch gar nicht, nä?

(halt die Fresse)

Is ja auch nich mehr das wasses ma war! Nä? Sachdoma, nä?

(halt die Fresse oder ich zünd‘ dich an)

Die sind eben alt, sage ich, und drehe mich weg.
Na und? Ick och! Ick bin och alt! Ha! Brüllt der Hippie hinter mir her. Einen noch. Einen müssen sie immer draufsetzen. Ich muss hier raus. Ich brauch ’nen Drink. Einen Späti. Irgendeinen Späti. Notfalls zuhause in Prenzlauer Berg. Wir haben da tatsächlich noch welche.

Eisige Luft. Da ist das Oktagon. Das jetzt Saray heißt. Der beschissenste Döner der Welt, der nur getoppt wird von der beschissensten Chinapfanne der Welt, die der Laden auch verkauft. So einen Dreck, den sie dort unter die Völker der Welt werfen, fressen nur Besoffene und so besoffen bin ich noch lange nicht. In der Straßenbahn, die mich nach Hause fahren soll, kapern minderjährige Schwachköpfe, die keinen Alkohol vertragen, den Raum. Sie brüllen Marmor Stein und Eisen bricht. Dam Dam. Dam Dam. Ich drehe die Lautstärke vom Player hoch und drücke das Plastik noch ein wenig weiter in den Gehörgang. Untergang. Schweineherbst. Rebellen. Auf Höhe Arnswalder Platz steigen die Bratzen aus. Ihr Lieblingslied hallt noch nach. Dam Dam. Dam Dam.

Später an der Eberwalder Straße verlieren noch mehr Vollidioten, die keinen Alkohol vertragen, jede Würde. Sie brüllen Joanna. Die geile Sau. Konopke hat schon zu. Focaccia gibt es auch nicht mehr. Nur Ali Baba hat noch auf. Der hieß früher mal Ali Baba und die 40 Hähnchen. Der Name war irgendwie cooler, denke ich, als die Vollidioten wieder anfangen zu brüllen. Olé Olé. Wir fahr’n in Puff nach Barcelona. Eine Frau erbricht sich neben einen Poller. Einer filmt das. Ich schaue zum Viadukt. Der Späti dort wird mir Alkohol verkaufen. Ich brauche den Alkohol. Ich muss das alles hier runterspülen. Weil sie ficken. Sie ficken meine Stadt. In Mund, Arsch und Nasenloch.
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