Berlin-Mitte-Blues

Mitte.

Leergefegt.

Huhu.

Die Hauptstadt mitten in der Woche an einem Abend im November.
Ihre Läden geschlossen. Kaum Menschen zu sehen.

Dabei ist die Stadt so voll, denke ich häufig. Wenn ich abseits der Touristenwege unterwegs bin, die nach Einbruch der Dunkelheit so öde werden. Die Stadt ist voll geworden, denke ich. Wenn ich da bin wo alle sind, an den Orten, an denen die sehr viel mehr gewordenen Einwohner unterwegs sind, an denen sie umsteigen, einkaufen, ihre Kinder spielen lassen, leben, an Orten, die nicht die neue glashausbetonbewehrte Mitte sind, spüre ich, wie voll die Stadt wird. Die S-Bahnen voll. Die Schönhauser Allee voll. Der Kollwitzplatz voll. Die verspießerten Kuchencafés voll. Die Tram M4 die Greifswalder Straße hoch. Überfordert. Voll. Sie kommen da kaum rein. Die Stadt stöhnt unter den hunderttausenden hinzugekommenen Einwohnern und dieser Unmenge an Übernachtungsgästen, auf deren Rekordzahlen sie so stolz sind. Berlin fasst die 4-Millionen-Grenze in den Blick, was nicht schlimm wäre, hätten die Verantwortlichen ein Konzept dafür, wie wir hier leben wollen. Verkehrswege. Infrastruktur. Verwaltung. Ausdehnung statt Verdichtung. Nichts. Keine Idee. Die Stadt wuchert. Meistens im Hochpreissegment. Normalverdiener kloppen sich um die selten gewordenen freien Objekte. Ansprüche runter, Kosten rauf. Sie sind Erbe und siebenstellig potent? Dann kaufen Sie jetzt. Am Besten in Mitte. Hier ist es schön ruhig, wenn die Touristen schlafen oder in den Friedrichshainer Bretterbudenclubs überteuerte Caipirinhas kaufen und sich fühlen als wären sie in Berlin, dabei verkaufen schneidige Windige nur noch das Abziehbild. Eine Illusion. Aber das merkt niemand mehr.

Unter den Linden. Hier muss irgendwo das Reiterstandbild sein. Friedrich der Große. Ich sehe es nur nicht, weil hier wie überall in Berlin seit Jahren gebaut wird. In der Stadt wird immer jahrelang gebaut, egal was. Schulen über Jahre eingerüstet, Schwimmhallen, ganze Straßenzüge verrammelt. Manchmal reißen sie die Asphaltdecken auf, um Rohre zu verlegen, schütten die Löcher wieder zu und planieren drüber, nur um die selbe Stelle ein paar Wochen später wieder aufzureißen, um Kabel zu verlegen. Dann verdient jemand viel Geld. Mehr als sein müsste. Immer wieder aus Mitteln der öffentlichen Hand. Berlins legendärer Bausumpf, dieser Selbstbedienungsladen von Gnaden einer verfilzten SPD, die diesen Seilschaftenstall seit 1989 ununterbrochen mitregiert, wurde nie trocken gelegt, es berichtet nur niemand mehr darüber und es interessiert auch niemanden mehr, wer welchem Parteifreund die Manteltaschen voll macht. Postdemokratie. Hier tritt einer, der gerade einmal 1/5 derjenigen, die überhaupt noch wählen gehen, hinter sich bringen konnte, nicht voller Einsicht, dass ihn rekordverdächtig wenige da oben sehen wollen, zurück und geht seine wahlschlappengewordene Demütigung in der Kneipe wegsaufen, um wenigstens noch ein wenig Restwürde zu wahren, sondern lässt sich würdelos mit einem selbstverständlichen Natürlich-Weiter-So zum Regenten wählen, worüber sich gar niemand mehr aufregen mag, weil derlei Gebaren normal geworden ist. Sowieso: Über der Stadt liegt eine Apathie, die inzwischen alles hinnimmt. Die Hochglanzprospektisierung von Mitte. Die Geldflüsse an Günstlinge. Die volle Bahn. Die kaputten Rolltreppen. Die Schlaglöcher. Die ruinierte Verwaltung. Das Heer an Obdachlosen, von denen jetzt im Winter, wenn Sie über den Ring fahren, an gut jeder Station einer einsteigt und seine Vita für ein paar Groschen feilbietet. Niemanden schert das mehr. Berlin-Mitte. Heimatmalereikitsch. Der Ort hat mich abgehängt. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Kann nichts mehr damit anfangen. War schon lange nicht mehr hier. Ich sehe das Reiterstandbild Friedrichs des Großen nicht. Wo ist es hin? Haben sie es versetzt? Die Sicht ist vollbebaut. Für Jahre. Als Jugendlicher habe ich als wöchentliches Ritual gegen das Reiterstandbild gepinkelt, wenn ich besoffen aus dem Uni-Club der Humboldt um die Ecke gekommen bin, den es auch schon lange nicht mehr gibt. Dann haben sie den Reiter eingezäunt. Mit einem lächerlich kleinen Zaun, der niemanden vom Dagegenpinkeln abhalten konnte. Jetzt ist die Prachtstraße eine Baustelle. Es gruselt mich bei dem Gedanken, dass das alles hier irgendwann tatsächlich fertig wird. Wenn die Bagger und Kräne weg sind, wird Mitte endgültig Disneyland sein. Noch mehr Kulisse. Und noch mehr Gestalten mit blöden Hüten und Selfiesticks, die das knipsen. Ein Tourist fragt mich nach dem Brandenburger Tor. Ich schicke ihn in die Klosterstraße.

Dann wende ich mich ab, weil ich den Ort nur noch schwer mit Erinnerungen verknüpfen kann. Ich sehe noch mehr Kräne. Irgendwelche reaktionären Pickelhauben aus der Gruft der Preußennostalgiker lassen dem Kaiser wieder ein Schloss errichten. Scheint als wäre es bald fertig. Es braucht also endlich wieder einen Krieg. Damit das Ding wieder weg kommt. Hurra. Hurra. Werft die Hüte.

Ich bin auch abseits dieser Postkartenkulisse für weserbergländer Omas, die Bilder knipsen, die nie jemand freiwillig schaut, nicht gerne in Berlin-Mitte. Hackescher Markt. Oranienburger Straße. Langweilige Läden mit langweiligen Kuchen. Langweilige Bauten mit langweiliger Vollverglasung. Langweilige Menschen mit langweiliger Attitüde. Glanz und Geld und Protz. Dazu muss ich nicht nach Mitte. Prenzlauer Berg ist voll davon. Nicht mal Touristen wollen mehr an meine Haustüre kotzen, seit Monaten hat das keiner mehr gemacht. Warum auch. In Prenzlauer Berg wird nicht mehr gesoffen, nur noch geknipst. Hier fährt keiner mehr hin, sondern nur noch durch. Und kotzt maximal noch die S-Bahn voll. Am Ostkreuz.

Ich werde Ben Becker sehen. Ein kaputter Typ. Ich mag kaputte Typen. Aus meinem Umfeld mag den keiner. Warum eigentlich? Schauspieler müssen so sein. Fertig. Durchgenudelt. Koksnasig. In ein paar Jahren werden sie ihn vermutlich auffinden. Mit dem Gesicht nach unten. Ein Hotelzimmer. Getrocknetes Blut an der Nase. Er wird einfach umgekippt sein. Der Cocktail. Die Mischung aus den Dingen ist es immer, die die Leute umwirft. Immer die Mischung. Der Cocktail. Früher war er mal niedlich, der Ben. Jetzt wird es Zeit. Ich kann mir den nicht mit 70 auf einem roten Teppich vorstellen. Kein Bild vor dem Auge. Der mit 70? Bitte nicht.

Natürlich versagt der Einlass in den Berliner Dom. In Berlin versagt der Einlass immer und es ist nicht die Schuld der Mitarbeiter, sondern der Personaldisponenten, die immer zu knapp planen und zu wenige Leute einsetzen, weil das gut für die Rendite ist. Sie haben für den ganzen Dom einen lausigen Eingang geöffnet, an dem sie zwei lausige Mitarbeiter postiert haben. Zwei Kartenabreißer für alle Zuschauer des gesamten ausverkauften Doms. Effizienzrendite, ihr Pottsäue. Könnte man Exceltabellen essen, würde ich sie euch ins Maul stopfen. Alle hundert Tabellenblätter. Optimierung. Effizienz. Das Ergebnis ist Warterei. Warterei. Endlose Warterei. Entnervende Warterei. Zum Töten langweilige Warterei. BWL sollte verboten und ihre Anwendung mit Ausweisung belegt werden. Nach Mossul.

Ich stehe mir die vergammelten Chucks in den Arsch. Mit mir steht die Kulturschickeria. Auch wegen denen ist Berlin-Mitte unbetretbar. Wenn ich mich umschaue wird klar: Sie haben den Ort eingenommen. Er gehört jetzt ihnen. Subventionen. Humboldt-Uni. Förderkreise. Laberrunden. Vernissagen. Hirschbratenplautze meets Veganerfurchen. Canapés. Stößchen. Dumme Brillen an dummen Brillenketten. Abgehobene Diskussionen über abgehobene Themen. Großmäuliges Gehabe mit verpuffender Wirkung. Berlin-Mitte ist ihr Vulkan. Und bald haben sie für ihren Tanz dieses fürchterliche Hohenzollernschloss. Dort werden sie Hof halten. Finanziert von EU, Senat und der Kulturstiftung des Bundes. Abseits vom Rest der Stadt. Fragen: Was braucht es, um diesen Pickel auszudrücken? Was kann ich tun?

Was kommen muss, kommt. Auf meinem Platz sitzt ein Typ. Neben ihm seine Frau. Ich spreche ihn an, dass er auf meinem Platz sitzt. Er bestreitet das. Er muss das bestreiten. Ich sehe im Vergleich zu ihm und seiner auftoupierten Frau liderlich aus. Keimiger Hoodie. Gammlige Sneakers. Speckige Lederjacke. Und trotzdem habe ich den besseren Platz als er. Solche Situationen mag ich. Ich bestehe zuckersüß auf der Tatsache, dass er auf meinem Platz sitzt. Es entsteht ein Wortwechsel, bis wir schließlich die Eintrittskarten vergleichen und das Offensichtliche zutage tritt: Er sitzt falsch. Muss nach hinten. Seine Frau auch. Er räumt mit einem beleidigten „Na dann habe ich Ihnen wenigstens den Sitz aufgewärmt.“ das Feld. Keine Entschuldigung. Solche Leute entschuldigen sich nicht. Schon gar nicht bei mir. Seine Frau kuckt zerknittert. Ich strahle sie an. Sie kuckt noch zerknitterter.

Als zum Auftakt der Veranstaltung die Orgel spielt, spuken mir aus irgendeinem Grund die dummen kleinen Ohren von Ralf Wohlleben im Hirn herum. Ich verstehe selber nicht, was in mir ständig solche abstrusen Gedanken zu maximal unpassenden Zeitpunkten entstehen lässt. Wenn ich einen Vortrag halten muss, stelle ich mir manchmal vor, wie ich unvermittelt auf den Tisch springe und anfange zu steppen. Oder ein Kaninchen aus einem Hut zaubere. Oder mir die Hose runterziehe und einfach wild onaniere. Das alles geht mir durch den Kopf während der Körper weiter redet und mit seinem Daumen auf den Presenter drückt, auf dass eine neue Powerpointfolie erscheint. Die Orgel donnert ihr Orgelgedonner. Ben Becker ist noch nicht zu sehen. Mir ist langweilig. Kennen Sie Ralf Wohlleben? Und kennen Sie seine dummen kleinen Ohren? Rechts und links von diesem strunzdummen schiefen Gesicht? Wie kann sich jemand mit diesem Gesicht und vor allem mit solch dummen kleinen Ohren für einen Herrenmenschen halten? Das passt doch nicht, das geht doch nicht, das ist doch unlogisch, das muss dem Neonazi doch selber auffallen, wenn er in den Spiegel schaut und doch wieder nur ein schiefes Gesicht mit dummen kleinen Ohren zurück glotzt. Merken die nix? Der möchte ein Herrenmensch sein? Der? Im Ernst jetzt? Der Typ?

Die Orgel verstummt. Da ist Ben Becker. Die Urgewalt. Ein wirklich sehr guter Schauspieler. Mit dieser Stimme, dieser tiefen Stimme. Ich würde nie sonst zu so einem Bibelscheiß gehen, wenn es nicht Ben Becker wäre. Alt sieht er aus. Verlebt. Verkokst. Meine Güte, ein Mensch. Hier in Mitte. Und die Schickeria glotzt ihn an wie ein wildes Tier, ist aber still, sehr diszipliniert, das muss ich ihnen lassen. Kein Sabbeln, kein Glasklirren, nicht mal Husten, maximal Räuspern. Zuletzt Ovationen im Stehen. Ein gelungener Abend, ein guter Mann, der Ben Becker. Das war ein starker Auftritt, danke, doch ich muss jetzt schnell los, fort, ich muss hier raus aus Mitte, weg von diesen Designerläden, diesem Touristentand, diesen Salad-Juice-Panino-Cakes-Buden mit ihrem roten ironischen Stuhldesign, dessen Schalenform für Bandscheibenvorfälle bereits in jungen Jahren sorgt, weg weg weg von den Linden, weg vom Hackeschen Markt, weg vom verfluchten Rosenthaler Platz, dem verdammten St. Oberholz und diesen Weinbergswegsprallos in ihren topsanierten Eigenheimen mit dem nachhaltigen Nussbaumparkettboden, nix, aus, fort, ich grabe mich jetzt ein, im Bett, das mitten in einem Ort steht, der auch nicht besser ist als Mitte. Da kommt die M1. Sie fährt mich zur Eberswalder Straße. Als ich aussteige ein Schild. Sie verkaufen Panini. Foccacia. Juice. Salads. Cakes.

 

 

 

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