Tränenschwarz ./. Tod

Irgendwie hat es die Natur klug eingerichtet, dass wir zugleich alt und sarkastisch werden. Es erleichtert das Sterben ganz erheblich.
Matthias Eberling


Der letzte Tag des Novembers. Schon wieder Winter. Schon wieder der Tod. Gerade eben Fidel Castor (komm, einmal noch den schalen Gag, nur einmal noch). Der Blogger Dimi seit schon wieder viel zu vielen Wochen. Blogger Johannes ein halbes Jahr schon. Meine liebe Shirley bereits seit anderthalb Jahren. Nutzlos die Friseurdiplome, verloren die Skills bei der Kopfmassage, keine blonden Strähnchen mehr. Tot. Kürzlich lief ich an ihrem alten Laden vorbei. Es ist neu gestrichen. Deckweiß. Nichts blieb. Nur ein Schild. Wer will, kann sich einmieten.

Der Tod, die zentrale Randerscheinung. Ständig sterben Menschen. Dieses Jahr besonders, auch wenn es nur Prominente und niemanden aus meinem Umfeld getroffen hat. Roger Willemsen. Götz George. Bud Spencer. David Bowie. Als Vorbote dieses Pestjahrs Lemmy kurz vor Silvester. Heldensterben. Geballt.

Ich verstehe nicht, wie man dem Tod nichts gutes abtrotzen kann. So abgedroschen wie es klingt ist er die einzige Gerechtigkeit, die es gibt. Er trifft wirklich jeden. Der Tod diskriminiert niemanden. Er lässt niemanden aus. Sie. Mich. Bonzen. Deppen. Deutsche-Bank-Chefs. Fahrradnazis (wenn es dumm läuft recht schnell – LKW bei Rot und – fumm – Asphaltpizza). Face it: Wir werden alle alt, hässlich und in nicht wenigen Fällen dumm. Und dann sind wir weg. Wer berücksichtigt, dass alles Streben nach Irgendwas letztlich gar keinen Sinn ergibt, lebt sehr entspannt und glücklich. Oder wird depressiv.

In meiner Familie stirbt man gemeinhin an Krebs, ich kann mich somit schon einmal einstimmen auf das was kommt. Der Krebs war schon oft da und niemand hat überlebt. Brustkrebs. Lungenkrebs. Speiseröhrenkrebs. Leberkrebs. Und natürlich der Darm. El cáncer. Ein Dauerbrenner. Meine Großmutter hat gelitten wie kein zweiter mir bekannter Mensch. Der Darm wurde quasi von sich selbst aufgefressen ohne dass irgendwer irgendwas dagegen tun konnte. Als zuletzt der künstliche Darmausgang verkrebst war, kam die halbverdaute Nahrung zusammen mit alten stinkenden Kotstücken oben aus dem Mund raus. Wenn Sie acht Jahre alt sind, brennt sich so ein Bild für immer ein.

Andere hatten Glück und erlebten das Ende ihres Daseins im Delirium. Vollgepumpt mit Drogen, mit allem was der Medizinschrank hergibt. Schmerzbehandlung ist schon toll. Irgendwann wird sie wiederkommen, die Drogenzeit, nur dann legal. Pump up the jam. Pump it up. Dann dämmere ich dauersediert auf einer Liege herum und kacke mich ein, während alle darauf warten, dass es endlich vorbei ist, allen voran die Krankenkasse, die mich Kostenfaktor gerne aus den Bilanzen entfernt sehen würde.

Ich wünsche mir manchmal gnädiges Dahindämmern. Ein Hirn, dessen Fähigkeiten sich langsam auflösen. Hauptsache nicht mehr denken. Hauptsache nichts mehr mitschneiden. Ertragen müssen. Die Schläge nur noch dumm grinsend einstecken. Einscheißen, aus dem Maul sabbern, das Essen wieder rauskotzen und einfach weiter grinsen, am Mundwinkel der Sabberfaden, der aufs grindige Hemd tropft und den keiner mehr wegwischt, weil er immer wieder kommt. Dumm werden. Es klingt wie eine Erlösung. Hauptsache endlich nicht mehr denken.

Oder gehen wenn es beginnt. Bei passender Gelegenheit unter Aufsicht einen Becher austrinken, befreit von allen Pflichten, Ansprüchen und Lasten Tschüss sagen und einschlummern. Selbstbestimmt abtreten. Mit Stolz. Und nicht als leidendes Bündel Fleisch, das nur noch Qual oder Dämmerung kennt.

Ich trinke tränenschwarzen Wein. In 50, maximal in 60 Jahren werde ich tot sein. Sie vermutlich auch. Oder schon früher. 30. 20. Vielleicht in 10 Jahren. In 5. Und in 100 Jahren erinnert sich kein Schwein mehr an uns alle, es wird nicht mal mehr sorgfältig recherchierte vergilbte Fotografien geben, die Ahnenforscher erfurchtsvoll aus Archiven klauben, sondern nur noch Exabytes an Datenmüll, von jedem beschissenen Ostseeurlaub 400 blöde Knipsebilder, die sich keiner mehr anschaut, sondern routiniert entsorgt wie die stinkenden Altkleider, Einmachgläser und den Papierbüchermüll nach dem Ableben eines Erblassers. Früher blieben wenigstens vergilbte Fotografien. Heute bleibt gar nichts mehr. Selbst Google löscht Ihr Profil nach ein paar Jahren Inaktivität. Und mit dem Profil alle Ihre in die Cloud hochgeladenen Schnappschüsse. Sie vor dem Taj Mahal. Im London Eye. Mit einem Affen in Gibraltar. Oder auch nur dieses tolle Essen in diesem tollen Schnöselschuppen in der Weinmeisterstraße, den es auch schon zwei Jahre nicht mehr gibt. Zugemacht. Abgedampft. Gone with the wind. Sinnlos jedes Hinterherweinen. Auch dieses Blog hier. Irgendwann auch weg. Hinfort. Rauschen im Orbit und weg. Was? Ein Blog als Vermächtnis? Haha. Hahaha. Elender Romantiker.

Klemmen Sie sich also endlich Ihre Eitelkeit. Klemmen Sie sich diese ganze Selbstdarstellung. Das Gepose. Und klemmen Sie sich sowieso Ihre verdammte Empfindlichkeit. In 100 Jahren kräht kein Hahn mehr nach mir. Und nach Ihnen auch nicht. Ich bin Niemand und Sie nicht weniger. Lassen Sie uns gnädig dahindämmern. Bis das Licht ausgeht und witzelnde bärtige Angestellte zwischen einem Mettbrötchen und einem Schinkencroissant die Reste von uns in eine Holzkiste packen.

Was bleibt ist Humus.


Liebste Wilhelmine