Anarchosyndikalistischer Rotwein

In den Straßen Prenzlauer Bergs riecht es bereits nach Winter. Die ersten Mütter backen ihr Zimtbackwerk. Die ersten Kinderbasteleien hängen in den Fenstern, die unvermeidlichen Tannenzweigkränze baumeln an den Türen und die Kirchen schreiben Anmeldungen für das jährliche Adventssingen aus. Und ich bekomme wieder nur Lust, auf die Hollandfahrradsattel meiner klerikalen Nachbarn zu kotzen. Was angesichts des finsteren Weihnachtsgeplärres, das seine arthritischen Finger schon jetzt fest um meinen bräsigen Idiotenbezirk krallt, immer hilft, ist Alkohol. Der betäubt so schön und macht so benommen fröhlich, auch wenn die Fenster der Nachbarschaft so bunt blinken als wäre ein Wettbewerb um das übelste Leuchtmittelinferno ausgebrochen. Wat dat wieder an Ökostrom kost…

Zum Alkohol. Der feine Herr Balcerowiak hat einen Rotwein empfohlen. Ich trinke grundsätzlich alles, was Herr Balcerowiak empfiehlt, denn Herr Balcerowiak weiß was gut ist. Er hat nachweislich Ahnung. Und er teilt sein Wissen, damit auch ich gute Dinge trinken kann. Das ist prinzipiell großartig.

Wir sind ein Röstkollektiv aus Berlin. Mit dem, was wir tun, erproben wir den Brückenschlag zwischen sozialem Anspruch und Qualität. Wir haben keinen Chef, treffen wichtige Entscheidungen gemeinsam, zahlen gleichen Lohn und tragen auch die Verantwortung gemeinsam.

So weit, so Pathos. Flying Roasters nennen sie sich. Sie rösten in Berlin-Wedding im dritten Hinterhof eines heruntergekommenen Altbaus ihre Kaffeebohnen. Nebenan ist ein Puff, der Freudenhaus Hase heißt und in dessen Hof ich zuerst versehentlich lief, wo ich auf einen verschämt auf einen Klingelknopf drückenden Typ mit kreisrundem Haarausfall traf, der mich vermutlich für den Privatdetektiv seiner zuhause vor der Glotze verwesenden Ehefrau hielt, die er mit Pflaumenlikör ruhig gestellt hat. Meine Güte, dieser Wedding.

Herr Balcerowiak empiehlt also ein Kollektiv, das Kaffee röstet und Rotwein vertickert. Es ist so überraschend wie beruhigend, doch noch auf Menschen zu treffen, die Ideale pflegen, dabei ist gar nicht die Zeit für Ideale, Ideale hat der common sense gefressen, nieder- und lächerlich gemacht. Niedergetrumpt. Menschen mit Idealen spielen heute in der selben Liga wie yogische Flieger, UFO-Sichter und Wasseradersucher. Unten bei den Freizeitmannschaften. Kleinfeld. Und in der Pause ein Bananenweizen. Keiner nimmt sie mehr ernst. Oder wahr. Es ist gar nicht die Zeit für Alternativen, es sei denn sie kommen von rechts.

Es beruhigt mich tatsächlich, dass es immer noch Menschen gibt, die die Dinge anders machen wollen, die Dinge bringen, die ich gemeinsam mit vielen anderen nicht bringe, die den Weg gehen, den wir aus irgendwelchen Gründen, die meistens mit dem Kontostand zu tun haben, nicht gehen. Gründe. Jeder hat welche. Welchen Grund haben Sie, die Dinge nicht anders zu machen als die Mehrheitsgesellschaft, die verlernt hat, in Alternativen zu denken? Kaum einer weiß mehr wie so eine Gesellschaft anders organisiert werden könnte und Alternativlosigkeit liegt wie Blei über dem Land und stumpft Gehirne ab. Die Mehrheitsgesellschaft implementiert ihr Konkurrenzdenken bis tief hinein in die Schulen, Universitäten und alle Seelen, es herrscht ein Gesellschaftsentwurf, der das Schlechteste in den Menschen hervorholt und belohnt. Gratulation. Sieht so das Paradies aus? Würden Sie arbeiten gehen, wenn man Ihnen kein Geld dafür geben würde? Ich nicht. Auf keinen Fall. Nicht eine Minute. Ich wäre schneller weg als mein Vorstandsvorsitzender „Powerpointpräsentation“ sagen kann.

Der Rotwein, den sie hier verkaufen, ist an Korrektheit nicht mehr zu überbieten. Lesen Sie mal. Die Typen, die den herstellen, sind quasi Heilige. Schauen wir mal kurz in den Spiegel? Ja? Die bringen es. Wir nicht. Ich nicht. Sie auch nicht. Wir leben in den meisten unserer Fälle ein Berufsleben in ununterbrochener Unehrlichkeit, getragen von aufgeblasenem Mist, den in grotesk vielen Fällen keine Sau braucht. Würden wir alle tot umfallen, würde unser Produkt abgesehen von Investmentwichsern und dummen Shareholderbratzen kaum jemand vermissen. Unsere Krawatten würde keiner vermissen. Unsere Meetings nicht. Unsere Exposees nicht. Und unsere kryptischen Reden voll Buzzwörterluftblasen auch nicht. Wenig was wir tun, kann nach gängigen Maßstäben gut genannt werden. Wir bringen die Welt in den wenigsten Fällen weiter. Wir produzieren in hohem Maße Bullshit. Heiße Luft. Geschwätz. Nichtssagenden Scheißdreck. Was wir tun ist maximal egal. Und ja, da hilft nur Saufen.

So. Schmeckt er denn, der Wein? Ich mache es mir einfach. Ich zitiere Herrn Balcerowiak:
Die Tannine sind dennoch bereits recht mild, die Säure ist spürbar und sorgt für einen frischen Eindruck, bleibt aber im Hintergrund und umspielt die feine Beerenfrucht, die im Mund von ein wenig Dörrobst und Backpflaume ergänzt wird.
Bahnhof. Ich habe dieses Weinvokabular noch nie verstanden und frage mich manchmal, unter der Beigabe welcher psychisch aktivierenden Substanzen die Weinschranzen alle immer auf diese Geschmacksrichtungen kommen, die mir in tausend Albträumen nicht einfallen würden. Beim Whisky auch. Nasses Leder. Frühlingsheu. Eiche und Fruchtpudding. Krawehl. Krawehl. Ich schmecke keine Backpflaume und Dörrobst schon gleich gar nicht, sondern Rotwein, verdammt guten Rotwein, es ist ohne Konkurrenz der beste dieses Jahr und das liegt nicht nur an der rot-schwarzen Attitüde, die ich natürlich mag. Ich habe einen ganz verspielten, nicht zu donnernd schweren Genossen im Glas, der mir große Freude gemacht hat. Ich wollte nur mal ein Glas probieren und habe die Flasche ausgesoffen. Ein außergewöhnlich guter Wein. Ich hätte mehr davon kaufen sollen. Ich hätte den ganzen Vorrat davon wegkaufen sollen. Alles. Ab in den Keller damit. Kaufen. Bunkern. Haben. Viel. Viel. Mehr. Haben.
Wenn Sie Glück haben, gibt es bei den Flying Roasters noch eine Flasche von dem Goldstück. Letztes Mal war nicht mehr viel da. Wenn Sie Pech haben … dann haben Sie Pech, dann sollten Sie unbedingt den Kaffee der notorisch sympathischen Gutmenschen mitnehmen, der kann auch was. Na los. Kaufen Sie doch einfach mal bei den Anarchisten. Kaufen Sie wie ich gekauft habe (wenn die wüssten von wessen Geld ich sie bezahlt habe, hätten sie mich vermutlich auf ein Holzkatapult gesetzt und rüber nach Prenzlauer Berg zurück geschossen).

Ihren Besuch sollten Sie genau timen. Die haben Öffnungszeiten wie im Osten:

Samstag Geschlossen
Sonntag Geschlossen
Montag 12:00–17:00
Dienstag Geschlossen
Mittwoch 08:30–13:00
Donnerstag Geschlossen
Freitag 12:00–15:00

Verdammte Anarchos. Auch noch zu faul, jeden Arbeitstag zu arbeiten. Was glauben die, warum der Arbeitstag heißt wie er heißt. Mann mann mann, was könnten die mit dem Ding für Profite einfahren. Mehr. Mehr. Immer mehr. Rendite. Verkaufen. Schichtenschieben. Produzieren. Raushauen. Gewinn ausschütten. Shareholder Fucking Value! Mann mann mann. Machen die einfach nicht. Anarchisten. Verdammte Axt.

Flying Roasters
Hochstraße 43 (dritter Hinterhof)
Wedding
https://www.flyingroasters.de
Edith sagt: Um die 8 Euro die Flasche. Keine Kartenzahlung. Klar, oder?

Bilden Sie sich doch mal weiter

Und hier die Fassung für Leute unter 30, die keine zwei Absätze mit je zehn Zeilen voller Buchstaben mehr verarbeiten können.

 

 

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