Rixdorf

Hassen Sie Weihnachtsmärkte auch? Diese hirnlose Ansammlung überfüllter Blinkbuden, in denen sie miesen gepanschten Wein mit Zucker versetzen, worauf dumme alte Schnepfen und dicke blöde Blinkemützenträger jede Würde verlieren? Dort wo sie teuren Tand aus den Erzgebirgewerkstätten des Landes noch teurer als sonst schon verkaufen? Dort wo sie prekäre Bratwurst aus püriertem Elchabfall als Delikatesse für 4 Euro das Stück anbieten und den Rotz tatsächlich los werden, weil Hirnspenderkandidaten aus Paderborn (oder Berlin-Mitte, was sich inzwischen nur wenig unterscheidet) denken, sie äßen was besonderes? Rummel. Idiotenabfüllanlage. Fuselfässer. Halbe Meter Bratwurst. Grünkohlgulaschkanone. Und immer wieder Holzkrippenspiele oder Kerzendrehfigurenscheiße, die sich nur Hirntote, die nie wieder Sex haben wollen, in ihr Wohnzimmer stellen. Sagen Sie, darf es noch ein Mistelzweigfigürchen aus Schwarzenberg sein? Dörrpflaumenmännchen aus Nürnberg? Dresden? Chisibubikaio? Oder ein Klumpen zusammengeklebter gebrannter Mandeln, die Ihnen die Ecken von den Zähnen brechen? Selbergeschnitzte Bonbons aus Eukalyptuswaldmeister? Ein Nußknacker, den Sie nie benutzen werden, für den Sie aber aber jeder auslachen wird, der erfährt, dass Sie Zeug gekauft haben, das schon Ihre Oma in der Vitrine stehen hatte? Nutellacrêpe. Prager Schinken. Krakauer Fettdarm. Oder irgendwas von diesen erbärmlichen Ständen voller Mecklenburger Honigtöpfchen, Brandenburger Schlehenschnäpsen und Marillenmarmeladen aus Sachsen-Anhalt. Kaufen Sie. Kaufen Sie. Und fressen Sie. Los. Fressen Sie schon. Hier ist unser Mist. Und jetzt her mit dem Geld.

Ich bin sehr froh, dass es jetzt diese Terrorhysterie vor Menschenansammlungen zum Vorschieben gibt, weil ich dann einen Grund habe, nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehen zu müssen. Seit Jahren schleift mich ständig jemand mit auf diese Ausgeburt an Karnevalssubstitut, dessen Anblick mir körperliche Schmerzen bereitet, so dass ich zweistellige Beträge für die doppelte Portion Billigrum im Billigfuselglühwein bezahle, der schmeckt wie Scheibenreiniger in schmierigem Traubensaft, nur um mich gnädig zu betäuben. Die Weihnachtsmarktenthusiasten kennen keine Gnade. Irgendwer findet sich immer, der mich aus falsch verstandener Geselligkeit dorthin zwingt. Ein wohlmeinender Freund, die bucklige Verwandtschaft oder – als Gipfel der Unwürdigkeit – ein Entscheidungsträger aus dem Borgwürfel, der eine Lage fürchterlichen Eierpunsch ausgibt und das dann für die Ausgeburt an Führungswärme hält, von der wir alle wieder ein Jahr zehren sollen. Bis zum nächsten drecks Weihnachtsmarkt. Und dem nächsten Eierpunsch. Feuerzangenbowle. Frostschutzmittelgrog. Nächstes Jahr. Doch nicht mehr mit mir. Ich bin da jetzt raus. Ich gehe nicht mehr hin. Tut mir leid, islamistischer Terrorismus, verstehen Sie, irgendwann sind wir dran und da muss ja nicht ausgerechnet ich in der Menschenmasse vor einem gendarmenmärkischen Holzchristind stehen, das ein fehlgeleiteter Dschihadist genau dann, wenn ich da stehe, in die Luft bläst. Ich steig‘ da voll drauf ein. Terrorhysterie ist mein Gemüse. Damit komme ich durch. Hurra. Terror zieht, Unlust nicht. Kommen Sie. Stevenson. Weihnachtsmarkt. Teambuilding. Eierpunsch. Wir haben auch eine Blinkeweihnachtsmütze für Sie. Kommen Sie mit. Seien Sie teamfähig. Oh nein. Leider nein. Schauen Sie. Gefährdungsstufe. Ich bin untröstlich.

Dem Innenminister sei Dank für diesen Ausweg. Endlich keine Weihnachtsmärkte mehr.

Es gibt jedoch einen Weihnachtsmarkt in der Stadt, auf den ich immer schon gerne gegangen bin. Die rühmliche Ausnahme. Der Aufrichtige unter den Ghulen. Ehrlich. Es ist ein nicht- oder zumindest wenig kommerzieller Weihnachtsmarkt und er ist in Neukölln, in Rixdorf genau, und sie finden dort die Machwerke aller möglichen lokalen Initiativen, sozialer Träger, die ganze Gutmenschenparade guter Menschen, die gute Dinge tun, gute Dinge herstellen, die sie verkaufen, um noch mehr gute Dinge tun zu können. Und ich kaufe das alles, ich kaufe die Lose aus den Händen behinderter Kinder, den Kaffee der Kubagruppe, esse vom Spanferkel der deutsch-türkischen Freundschaft, spende in Spendenboxen waffelverkaufender Flüchtlingsaktivistinnen mit Sauerkrautfrisur und kaufe sogar diesen grässlichen Kreuzberger Rotwein (aber nur einmal, der ist so übel, der geht nicht mal für eine Rotweinsoße, selbst für Glühwein für Weihnachtsmarktbesucher aus dem Borgwürfel, die sonst jeden Dreck in sich reinschütten, ist der zu sauer). Rixdorf. Habe ich jahrelang gemacht. Es ist ein vergleichsweise angenehmer Weihnachtsmarkt.

Inzwischen ist das Ding leider dergestalt am Kippen, dass es fast auch am Kollwitzplatz, dem Hausfrauenparadies Prenzlauer Bergs, stehen könnte und keiner würde es merken. Bio hat Einzug gehalten. Es gibt immer mehr von dem, was es in fast jedem durchgentrifizierten Kiez gibt. Bio. Vegan. Dinkelcrap. Quinoascheiße. Chiasamenfuck. So ist es halt. Eine Weile ist eine Sache gut und dann nicht mehr. Zielgruppe und so. Neukölln holt auf. Wird jetzt wie alle. Da fall ich raus.

Es hat sich sowieso rumgesprochen. Kein Geheimtipp mehr. Jetzt ist es voll. Voller als jede S-Bahn. Letztes Jahr schon war kaum ein Durchkommen mehr, voll, voller, ausrasten, alle da, Bärtige, selig lächelnde Mütter, Jack Wolfskin-Jacken, ironische Schiebermützen, Prenzlauer Berg-Publikum. Das bedeutet natürlich, dass die Preise anziehen werden, die Profesionellen werden einreiten. Oxfam. Greenpeace. Und mittendrin wahrscheinlich noch Bündnis 90, die auch hier so tun werden, als gehörten sie zu den Alternativen.

Wenn Sie da Bock drauf haben, gehen Sie hin. Er ist immer noch einer der Guten. Noch. Auch wenn klar ist, wo es hin geht. 2. – 4. Dezember. Freitag ab 17, Samstag und Sonntag ab 14 Uhr. Richardplatz. Neukölln. Ich bin raus. Ist mir zu voll.

Hier ein paar Bülder vom letzten Jahr. Wie Sie sehen, es blinkt nicht, was ein großer Vorteil für Epileptiker sowie mich ist, denn ich hasse blinkenden Scheiß:

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