Der Brüller ist weg – Medienwandel am praktischen Beispiel

Keiner mehr da.

Werktag.

6:30 Uhr.

Keiner mehr da.

Vor ein paar Monaten war da noch wer. Ich nannte ihn den Brüller und er hat Zeitungen verkauft.

Der Brüller hielt es für verkaufsfördernd, jedem, der vorbeiging, ein verrotztes „Morgääääääään!“ hinterher- oder auch prophylaktisch von weitem zuzubrüllen. Leider hat darauf nur selten einer reagiert. In Berlin reagiert man auf so etwas nicht, es sei denn man ist frisch zugezogen oder Tourist, dann steht man unschlüssig vor dem Brüller und fragt sich, ob er einem gleich aufs Maul haut oder sich besänftigen lässt, wenn man schüchtern zurück grüßt.

Der Brüller hat kettengeraucht und in regelmäßigen Schüben sein karzinomeskes Husten über den S-Bahnhof gebellt, so dass sich selbst die fliegenden Ratten, die anderswo Tauben genannt werden, in den Ritzen ihres vollgeschissenen Mauerwerks verkrochen haben. Teer. Nikotin. Flachmann in der Seitentasche. Ganz alte Schule. Der personifizierte Krebs. Morgääääääään!

Berliner gingen an dem Brüller vorbei. Da konnte er brüllen wie er wollte. War jedem egal. In dieser Stadt werden Sie alle Nase lang von irgendwem angelabert. Bebrüllt. Zugeseiert. Besoffene. Bekokste. Methylamphetaminbedröhnte. Lebensgeschichtenerzähler. Bibeltreue. Zettelverteiler. Aggrowichser. BFC-Fans. Wenn Sie klug sind, lernen Sie schnell, die Dinge auszublenden, einen Schleier des gnädigen Dämmerns über die hässliche und menschlich verrottete Szenerie zu legen, Sie lernen durch Menschen hindurchzuschauen, Sie kaufen sich In-Ear-Kopfhörer, um sich noch besser von dieser Zumutung von Umwelt abzuschirmen. Sie fahren Auto wo Sie können. Und Taxi, wenn Sie kein Auto mehr fahren können und gerade Geld übrig haben. Öffentlicher Nahverkehr in Berlin ist eine Strafe.

Trotzdem hatte der Brüller seine Kundschaft. Meistens ältere Leute. B.Z. Bild. Berliner Kurier. Der Spiegel. Die ganze Boulevardbandbreite. Für die Seriösen hatte er noch den Tagesspiegel und die Morgenpost im Angebot. Das kauften welche. Wirklich. Ich habe mal welche gesehen, die bei ihm gekauft haben. Papierzeitungen. Zum Ausbreiten. Rascheln. Fühlen. Dran riechen. Mmmmh, diese Druckerschwärze. Wie früher. Ein haptischer Orgasmus. Papierzeitungsleser fahren auch gerne Dampflok auf Rügen. Oder haben große Regale. Für die Vinylschallplatten. Die sie auflegen, wenn mal einer der anderen CB-Funker zu Besuch kommt, einer von denen mit den alten oliven Bundeswehrpullis, auf denen sich oben am Kragen Tomatensoßeflecken eingefressen haben, die Mama nicht mehr rauskriegt.

Der Brüller stand locker sechs Jahre hier. Davor stand der dicke Gännä-Mann dort. Viele Jahre lang. Der hatte auch seine Kundschaft und immer wenn einer eine Papierzeitung verlangte, verbeugte er sich und sagte ganz laut „Gännä!“ Wo kommt Gännä her? Saarland? Hessen? Egal. Ich mochte den Gännä-Mann und habe ihm manchmal sogar eine Zitty abgekauft, als die Zitty noch cool war. Was auch schon sehr lange her ist.

Jetzt steht niemand mehr hier und verkauft Papierzeitungen. Das ist neu. Das gab es noch nie.

Es ist der Medienwandel. Viele schreiben viele Dinge über ihn. Hier sehen Sie ihn, ganz einfach, indem Sie etwas nicht mehr sehen. Den Brüller. Der ist weg.