Berlin als Beute

Solche Filme sind nix für mich. Mich packt der Hass. Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich fantasiere von Fackeln und Mistgabeln. Mehr Teer. Mehr Federn. Arschtritte. Noch mehr Arschtritte. Ich möchte die Protagonisten mit einer ganzen Serie von Arschtritten zur Stadt hinaus treiben. Köpfe in Kloschüsseln drücken. Sie mit Scheiße bewerfen. Mit Kompost. Unrat. Ich bekomme überbordende Gewaltfantasien. Ich träume davon wie ich einen von ihnen an den Ohren durch die von Seinesgleichen verödeten Kieze voller neureicher Schnösel schleife. Sie sind Immobilienspekulanten. Makler. Anleger. Wohnungenkäufer. Eine Brut. Die Pest. Widerliche Schmocks. Ich hasse sie aufrichtig. Ich wünsche, dass es ihnen schlecht geht. Diese Gestalten machen mich durch ihre schiere Existenz zu einem schlechten Menschen. Zu einem, der vor Hass brennt. Ich darf solche Filme nicht sehen. Sie schlagen aufs Gemüt. Sie gehen aufs Herz. Sie sind ungesund für mein Gleichgewicht.

Na? Bock auf einen Trailer? Bock auf einen kleinen Ausschnitt? Nur einen ganz kleinen? Hier. Bitte. Viel Spaß. Die Stadt als Beute.

Ich finde es sehr interessant zu sehen, wer mit mir heute hier in diesem kleinen verkackten und überraschenderweise vollbesetzten Off-Kino sitzt und sich diesen Minderheitenfilm reinzieht. Normale Typen. Typen in Hemden. Studentisches Publikum. Doch auch ältere. Leger. Casual. Gar nicht mal aktivistisch. Nicht die üblichen rothaarigen Politsirenen und ihre routinierten Leiern. Das da sind keine Typen, die kreischend auf Lautsprecherwagen stehen. Das sind Nachbarn. Normalbewohner im Block. Frauen in Sommerkleidern, noch vorne im Foyer darüber redend, wo sie danach noch eine Kleinigkeit essen gehen können. Ach nicht schon wieder Pizza. Lieber was Leichtes. Salat. Avocado. Hähnchenbrust maximal. Lachen. Sie lachen. Noch ganz gut gelaunt. Noch. Denn die Stimmung wird schnell umschlagen. Doch das wissen sie jetzt noch nicht.

Der Film zeigt die meine Stadt abgrasenden Immobilienhaie in ihrem puren Wirken. Die Investoren. Die Aufkäufer. Sanierer. Sie zeigen die Geier. Ungeschminkt. Unkommentiert. Sie lassen sie reden. Das reicht schon. Mehr braucht es nicht. Sie lassen sie einfach nur reden. Und sie reden sich um Kopf und Kragen. Sie nehmen kein Blatt mehr von den Mund. Sie verbrämen ihr Handeln nicht mehr. Sie legen die Karten auf den Tisch. Verstecken muss sich keiner mehr. Sie sind da und sie kaufen auf. Pur. Nackt. Rein. Unverkleidet. Und so potthässlich.

Es sind unheimliche Szenen. Sozial gestörte Unsympathen streifen suchend, die Straßenzüge scannend durch die Stadt und überlegen laut wo sie zuschlagen sollen. Ein Pärchen. Sie laufen durch die Dänenstraße. „I could not live here“ haut er in blasiertem Tonfall raus, während er angeekelt umher blickt und die S-Bahn unten auf ihrem Weg Richtung Gesundbrunnen rattert. Sie hingegen ist begeistert. Berlin. Berlin. Kaufen. Kaufen. Goldgräberstimmung. Wo sind die Nuggets? Kaufen. Jetzt. Das große Fressen. In Berlin ist so viel möglich momentan. Der Mund wäßrig. In der Stimme Euphorie. Die Kamera begleitet Investoren auf ihrem Triumphzug durch die Stadt.

Auf einem Podium steht der nächste Unsympath. „Ich sag mal was muss ein Hartz IV-Empfänger am Potsdamer Platz wohnen. Fragezeichen?“ Haut er raus. Zuckt die Schultern. Alle lachen. Gut gelaunt. Es gibt Häppchen. Jeder versteht was er meint. Jetzt mal im Ernst. Was will denn der Hartzer in Mitte? Wohnen? Haha. Sehr witzig. Die Mitte gehört uns. Und die Mitte wird immer größer. Sie reicht bis weit nach Pankow hoch. Lichtenberg ist auch schon dran. Mitte ist heute sogar schon Köpenick. Berlin. Es herrscht Aufbruch. Sie haben da was aufgetan. Sprudeln soll es. In einem Jahr stehen wir bei 150%. Kaufen – Abfinden – Sanieren. Oder so: Kaufen – Rausmobben – dann Sanieren. Geht auch. Berlin is se pläis to bi. Ju schutt bai nau. It will not bikam tschipa. Hahahaha. Bla. Bla. Noch mehr Bla. Sie lassen sie einfach reden, die Geier, die mit dem Geld, diejenigen, die durch bewohnte Wohnungen latschen und den Schnitt der Sache, die sie kaufen wollen, begutachten, während der Mieter danebensteht und dulden muss. Dulden, dass ihn bald einer kauft. Als Investment. Dulden, dass sie ihm ein Angebot machen. Überhaupt dulden, dass er geduldet ist. 10.000 und er ist raus. Bei 10.000 gehen alle. Bei 10.000 gehen sie immer. Lacht der Makler dem Investor ins Gesicht. Und wenn sie nicht gehen, zermürbt sie der Bauherr. Durchbrüche. Wasserschäden. Staub. Von Gerüsten abgedunkelte oder gleich ganz zugemauerte Fenster. Warmwasser kaputt. Bohrmaschine. Zementmischer. Schuttrutsche. Irgendwann kriegen sie jeden klein.

Es dauert gar nicht lange und die Stimmung kippt im kleinen verkackten Off-Kino. Locker die Hälfte der Besucher macht den Eindruck als hege sie Gewaltfantasien. Arschloch, zischt Frau Sommerkleid, als einer der Sanierer vor einer Powerpointfolie über die skandalös niedrige Eigenheimquote der Hauptstadt schwadroniert. Drecksau. Brummt ein anderer. Über einen, der sich diebisch über die im Vergleich zu London, Paris, Prag, Kopenhagen fantastisch geringen Preise für sein neues Eigenheim freut. Noch einer verliert die Contenance. Was für ein dummes Schwein, stellt er fest. Die Bezeichnung galt dem potenziellen Käufer, der befreit über die Messestände hinweg lachend den Satz des Abends raushaut: „Haha. Geld ist nicht das Problem.“

Das Gehabe kenne ich gut. Es ist immer das gleiche und begegnet mir in den letzten Jahren zunehmend öfter: „Schauen Sie mal her, ich habe sehr viel Geld. Warum haben Sie keins?“ Letzten Samstag um 8 liefen sie wieder durchs Treppenhaus. Makler und ihre Interessierten. Kaufen. Kaufen. Kaum noch was ist übrig bei mir im Kiez, wenig, das noch nicht umgewandelt ist. Der Markt läuft heiß. Goldnuggets, Digger. Kauf Kauf. Kaufen. Jetzt.

Knapp eine Stunde läuft der Film nun. Das Publikum ist ungehalten. Unruhe im Saal. Flüsternde Diskussionen. Der Film macht wirklich sauer. Produziert eine aufgewühlte Stimmung. Gut gemacht. Einfach reden lassen. Zeigen was sie sagen. Zeigen wie sie ticken. Zeigen was sie wollen. Lasst sie reden. Das reicht schon. Was für ein blasierter Reigen an Charakterfehlern auf zwei Beinen. Welchen Defekt muss man eigentlich haben, um Immobilienmakler zu werden?

Ich bin traditionell leicht aufzuwiegeln in solchen Dingen und schon nach fünf Minuten bereit, hoch zu Obi zu fahren und mir eine Mistgabel zu kaufen, um einen der Geier aus seinem Audi TT zur Stadt hinaus zu pieken. Ich empfinde die Situation als ungerecht. Von der Politik hofierte Kapitalgeber mit Narrenfreiheit treten gegen allein gelassene Kapitalschwache ohne Lobby an. Geldscheißer laufen wie auf einem Viehmarkt durch meinen Kiez und überlegen laut wo sie zuschlagen werden, während auf der anderen Seite Menschen ihre inzwischen stets gegenwärtige Angst vor der nächsten Mieterhöhung, die den Umzug bedeuten könnte, managen müssen. Ich denke mal wieder an den freundlichen alten Mann, der schräg über mir wohnte und dem sie die Miete so lange erhöht haben bis er nicht mehr mitgehen konnte. Dann haben sie ihm ein paar Tausend Euro und eine Wohnung irgendwo weit draußen geboten. Er hat es gemacht. Er ist jetzt weg. Ausgedrückt wie ein Pickel. Jetzt ist auch seine Bude ein Eigenheim. Fett saniert. Fett verkauft. Jetzt wohnen Geige spielende Kinder drin. Mit Müll trennenden Arschlöchern als Eltern, die Freude dabei empfinden, mahnende Zettel ins Treppenhaus zu hängen, mit denen sie ihr Umfeld erziehen wollen wie früher die Rentner auf den Fensterbänken die fußballspielenden Jungs. Schmocks. Aus irgendeinem Grund kommen nur noch Schmocks. Ich wohne mitten in Prenzlauer Berg. Und das sind jetzt meine Nachbarn. So sehen die alle aus. Fahrradhelme. Warnwesten. Jack Wolfskin. Glückliche Menschen zwischen Blumenbeeten, meditativem Bogenschießen und Bio-Zisch. Ich wünsche mir manchmal einen S-Bahn-Penner in den Hausflur, mit einer Pulle in der Hand, der eingeschissen hat und unflätige Dinge in die Welt keift. Ein bisschen mehr Leben im Block. Überhaupt Leben.

Der Film ist aus. Sichtbar verstört, seltsam schweigsam und definitiv nicht gut gelaunt verlässt das Publikum den Saal. Das hat gewirkt. Gesessen. Ein Brett. Ein intensiver Film. Dass sie sie einfach reden lassen, macht die Beschreibung der Zustände härter als es jeder Kommentar hinbekommen könnte, der bei solchen Filmen sowieso immer droht ins Manipulative fortzudriften, weil er zu bemüht agitiert. Hier nicht. Niemand kommentiert. Und das muss auch keiner. Die ganze Suppe voller Immobilienheinis ist so blasiert und bar jeder Empathie, dass sie sich selber zu gerne reden hört und gar nicht versteht, dass sie sich dabei nur selbst bloßstellt. Das hier ist ein Film, der so plastisch wie bisher kein anderer zeigt, wessen Geist hier inzwischen durch die Straßen weht. Was sie machen. Was sie wollen. Und wie sie es tun. Und dass sie keine Skrupel haben. Denn wer im Weg ist, muss weg.

Wie immer nach so einem Film muss ich die Dinge sacken lassen. Ich setzte mich auf eine Bank, mache mir ein Bier auf, nehme einen großen Schluck. Ich habe so ohne Ende Bock auf Mistgabeln. Wie sie da immer durch mein Treppenhaus lärmen und die Dinge taxieren, bewerten, eruieren, gute Lage, Lage, die gute Lage, ihr Gelaber, ihr Gelache, was kaufen sie als nächstes, wo stecken sie ihr Geld hin, wer ist fällig, kaufen, ausweiden, abstoßen, wenn ich sie so sehe dann hab‘ ich so Bock auf Mistgabeln. Fackeln. Teer. Federn. Eisenbahnschiene. Holzlatten. Eimer mit Scheiße. So Bock.

So Bock.

(danke Matthias)

http://www.diestadtalsbeute.com

Wenn Sie mögen, hier läuft der noch:

Sputnik Kino (Höfe am Südstern)
3. Hof, 5. Stock
Hasenheide 54

Kreuzberg

30.9. 19:00 Ticket1.10. 15:30 Ticket2.10. 15:30 Ticket3.10. 17:00 Ticket4.10. 19:00 Ticket5.10. 19:00 Ticket

Acud Kino
Veteranenstrasse 21
Mitte30.09. 18:15 (Originalfassung Ut: englisch) reservieren
Sa 01.10. 18:00 (Originalfassung Ut: englisch) reservieren
Mo 03.10. 18:15 (Originalfassung Ut: englisch) reservieren
Di 04.10. 20:00 (Originalfassung Ut: englisch) reservieren
Mi 05.10. 20:00 (Originalfassung Ut: englisch) reservieren

Urania Kino

An der Urania 17

Tiergarten
10.10. / 16:00 Uhr (Ticket) und 19:00 Uhr (Ticket)

Noch mehr Termine 

Mistgabeln, Baby, Mistgabeln. Sie hätten den Text mal in seiner ersten Fassung sehen sollen…