Abgetakelt

Yolo Piraten. Better call the Hypertoniedoktor. 1,7%. Vom Hoffnungsträger zum Splitter. Doch lasst mal nicht den Wuschelkopf hängen. Die Linke nimmt euch gerne. Oder die SPD. Zur Not eben Springer. Oder wenn gar nichts mehr geht, geht irgendeine dubiose Stiftung. Sorry Jan Schrecker, der Wahlkampf war aufopferungsvoll, tapfer, all in, full force, mit dem Mut der Verzweiflung, nur von Beginn an sinnlos. Zu kaputt ist der Ruf. Von innen heraus von kompromisslos eitlen Selbstdarstellern, die jetzt schnell auf ein anderes Pferd steigen, runtergerockt und von außen erst hochgejazzt und dann in einer Gnadenlosigkeit runtergeschrieben, wie es einheimische Journalisten stets nur mit der Opposition machen. Jetzt ernten die, die euch so lustvoll abgefrühstückt und jedem Spinner sein Podium gegeben haben, eine ganz andere Opposition als euch. Jetzt kriegen sie die AfD. Das Kroppzeug haben sie vermutlich nicht wollen, doch sie haben es bekommen, nachdem alles, was in den letzten Jahren so an vorzeigbarer und aufrichtiger Opposition aufgetreten ist, entweder in die Linie assimiliert oder in Grund und Boden geschrieben wurde.
Jetzt haben sie die AfD bekommen. Nur das mit dem Runterschreiben klappt bei denen nicht so gut wie bei euch, Piraten. Woran liegt das? Es ist wie ein Fluch: Je mehr sie sich mühen, desto mehr fährt Rechts ein. Euch haben sie in ein paar Monaten mühelos filetiert, die Reputation ins Klo gespült, ein paar Sprallos mit Reisigzweigen über den Hof gejagt, die Ponaders, die Lauers, die Schramms, Höfinghoffs vorgeführt, ausgeschlachtet, verbrannt auf ewig, Skandälchen, skurrile Hinterbänkler, rhetorisch unbegabte Stotterer vor Heute Show-Mikrofonen, Streit zwischen irgendwem über irgendwas auf Titelseiten, das übliche Programm. Toilette auf. Piraten rein. Spülen.
Und die Gestalten, die Ihr in die Verantwortung geschickt habt, haben sich bereitwillig filetieren, vorführen und zuletzt wie Konkursmasse aufkaufen lassen. Mal kurz mit den Titten Bomber Harris danken, einer sterbenden Partei damit medial den Rest geben und jetzt auf dem Ticket der Linken ins Abgeordnetenhaus surfen. Oh, ich habe mein Pferd abgestochen? Egal, hier ist doch ein neues. Nehm‘ ich halt das.
Das war das Kapitel Piraten. Wenn das jetzt mal nicht der letzte Versuch progressiver, aufrichtiger, kluger und trotzdem nicht an die Verhältnisse angepasste Opposition gewesen war. Denn jetzt marschiert Rechts in die Plenarsäle. Mit Wucht, dem Rückenwind der Chauvinisten und flankiert von den Abgehängten, denen nichts anderes mehr einfällt. Vermutlich hat sich schon mehr als ein Chefredakteur inzwischen die lichten Haare gerauft, dass sie mit euch Piraten nicht so nachsichtig wie mit der Regierung waren. Opposition ist heute rechts. Und Rechts scheißt auf den eigenen Ruf. Es ist wie mit Trump. Jeder Bericht über Unvermögen, billige Provos vom Grabbeltisch, bizarre Statements zu bizarren Themen, skurrile Hinterbänkler, jeder rhetorisch unbegabte Stotterer vor Heute Show-Mikrofonen feuert die Anhängerschaft noch an. Hauptsache gegen die Etablierten, zu denen inzwischen auch die Linken gezählt werden. So ist das. Ein echter Fluch. Hey Hauptstadtjournalisten, Ihr werdet euch die Piraten noch zurück wünschen.
Normalerweise würde ich mir eher aus den alten Socken des S-Bahn-Sprittis, der in seiner eigenen Scheiße liegend besoffen über den Ring fährt, einen Tee brauen als Wahlwerbung von Parteivertretern anzunehmen. Ich nehme nichts. Ich schaue Parteigänger nicht mal an, wenn sie da unter ihren Schirmen stehen und ihre phrasenstrotzenden Faltblätter loswerden wollen. Nehm‘ ich nicht. Will ich nicht. Wenn ich einen Grill anzünden will, nehm‘ ich einen Grillanzünder. Nur bei den Piraten habe ich eine Ausnahme gemacht. Weil mir der Zettelverteiler auf der Frankfurter Allee so leid tat.

Gelesen habe ich den Wisch nicht. Kam nicht dazu. Ich wähle ja eh nicht. Ich hatte nur Mitleid, weil keiner die Piratenzeitung wollte und sich der freundliche Pirat so sehr mühte. Schade, wenn nur pures Mitleid bleibt. Mit allem. Mit dem Ganzen. Die eine Legislaturperiode dauernde Geschichte der Piraten ist an Tragik kaum zu überbieten. Pulverisiert. Ausgeknockt. Plattgemacht. Was jetzt noch bleibt, ist Boulevard und Polizeireport, Sackkarren und ein schales Gefühl. Viel Spaß mit der AfD.


Lesen Sie doch mal Kompa.


 

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