Großer Arber

„Großer Arber? Ist das ein Berg?“

Die Wirtin lacht. „Freili. De Grrrrössde hie.“

An der Seilbahn überfällt mich erneut die Berliner Paranoia, die ich nach den paar Tagen Bayern in der mir gegebenen Fahrlässigkeit für überwunden hielt. Ein Kinderwagen ist am Start. Ein paar Bayern wollen ihn haben, um ihn in die Seilbahn zu heben, damit ich das nicht alleine machen muss. Ein kurzes Zucken meines Augenlids. Sie wollen was. Den Kinderwagen. Was planen die? Doch ich entspanne mich. In der Hauptstadt würde ich niemandem das Kind, den Kinderwagen oder sogar das Kind im Kinderwagen in die Hand geben. Sie würden alles zusammen vermutlich umgehend nach Usbekistan verkaufen, darin das frisch gekochte Meth von der Weddinger Vertickerwohnung zum Görli fahren oder sogar – und das wäre wirklich das Schlimmste von allem – einem Politiker zum Knuddeln auf weichgezeichneten Wahlplakaten zur Verfügung stellen.

Hier kein Problem. Ich gebe das Kind her. Locker. Hier geht das klar. Hier ist ja Bayern. „Vie Frrreid!“ wünschen sie mir noch in die Seilbahn hinterher und lachen. Meine Güte, was sind die alle freundlich hier. Was für ein Aufriss. Das muss doch übelst anstrengend sein. Und dabei spekulieren sie noch gar nicht mal auf Trinkgeld oder wollen irgendwas verkaufen. Andrehen. Mich übervorteilen. Zocken. Zecken. Nix. Einfach. Nur. Freundlich. Was werde ich psychisch eingelullt sein, wenn ich nach Berlin zurückkomme. Sie werden mich schon bei der Einfahrt nach Wedding kurz vor der Seestraße abrippen. Filetieren. Auffressen. Und die Reste in die Spree auskacken, auf die dann ein besoffener norwegischer Tourist pisst, bevor er sich übergibt.

Oben an der Bergstation hilft mir eine Oma, ohne dass ich danach gefragt habe, den Kinderwagen den wirklich sehr steilen Weg hoch Richtung Gipfel zu schieben und entschuldigt sich auf der Hälfte des Weges dafür, dass sie nicht mehr kann. „I ko nimma. Dud ma loid.“ Tut. Mir. Leid. Haut die raus. Weil sie es nicht geschafft hat, mir noch mehr zu helfen. In dem Alter. Was ist hier los? Wieso sind die so? Ich geh‘ am Stock. Das macht mich kaputt. Ich glaube, ich bleibe einfach hier, auf diesem schönen Berg mit seiner fantastischen Aussicht, nehme mir ein Bier, baue mir einen Spliff (nee, lieber nicht, hier ist Bayern, die mögen hier keine Kiffer) und chille im Reinen mit meiner Umwelt dumpf vor mich hin, denn ich werde sowieso unreintegrierbar sein in der Hauptstadt der schlecht gelaunten Ellenbogen, der Arschlochrentner, der Fahrradnazis, der S-Bahn-Rotzer und der durch mein Treppenhaus geiernden illustren Immobilieninvestoren, diese ganze toxische Suppe unter der Regide dieses Dilettanten, den sie dort Bürgermeister nennen und der tatsächlich die Chuzpe besitzt, sich nach fünfzehn Jahren in einer ganzen Reihe verantwortlicher Positionen im Apparat zur Wahl zu stellen, obwohl er eigentlich geteert und gefedert auf eine Eisenbahnschiene gesetzt und aus der Stadt getragen gehört. Meine Güte. Eine knappe Woche noch bis Berlin. Da wird niemand mehr nett sein ohne Geld von mir zu wollen. Ohne irgendwas von mir zu wollen. Geld. Stolz. Meine Seele. Da falle ich emotional, nervlich, moralisch und verhaltenstherapeutisch in ein Loch. Oder besser: Ich falle in einen kapitalen Meteoritenkrater. In einen großen invertierten Arber quasi.

Ich und Bayern. Es könnte schlimmer stehen. Ich könnte in Bautzen sein. Grosny. Tripolis. Oder in Reutlingen. Doch ich bin in Bayern. Toll. Immer noch. Krasse Leute. Überall. Sehr unterschätzt. Auch hier auf dem Gipfel. Nur echt mit Gipfelkreuz. Luja.