Verarsch mich doch (33) – Bayern Edition und Nanny-Content

Der Schein, der Schein, der so schöne Schein. Und ich fall‘ schon wieder drauf rein. Ich bin der, der alles glaubt. Erzählen Sie mir irgendwas, pappen Sie Luftschlösser auf Hochglanzpapier, ich glaub‘ das, ich glaub‘ alles. Verarschen Sie mich doch. Bitte. Ich brauch‘ das.

50 zahme Tiere zum Anfassen hieß es marktschreierisch auf dem Flyer. Flankiert von Farben. Rot. Gelb. Aufmerksamkeitslayout. 50 Tiere. Zum Anfassen. Für umme. Für lau. Für nüscht. Spitze. Ich muss da hin. Das Kind liebt Tiere.

Vor Ort stehen dann zwei Esel und zwei Ziegen auf einer vernachlässigten Weide herum und das war es dann. Sonst nichts zu sehen. Ich will Futter kaufen, um sie anzulocken, weil das Gehege nicht zu betreten ist, doch der Futterautomat ist kaputt. Irgendwann erbarmt sich eine Ziege, als ich eine Stulle auspacke, frisst ein wenig Brotrinde und geht wieder. Mit Streichelzoo, den sie da so vollmundig auf Flyern suggerieren, hat das nicht viel zu tun. Desillusion. Vollständig. Bei mir und Kind. Vermutlich wollen sie Leute in die Gastronomie dieser Ödnis locken. Hat geklappt. Ich habe Hunger. Und was anderes suchen hab‘ ich auch keinen Bock mehr. Glückwunsch.

Vor lauter Frust fahre ich mit dem alten quietschenden Sessellift, der wahrscheinlich schon Reichspräsident Hindenburg durch die Gegend gegondelt hat, auf einen Berg. Das ist ganz lustig und wie schon als Kind umfährt mich ein kurzer Schauer, wenn die Seilbahn in der Höhe kurz ruckelnd stehenbleibt, um dann kurz darauf weiterzufahren. 20er-Jahre-Schauer. Bei Dreikaiserwetter. Da ist sie wieder, die Nostalgie. Wie früher in Polen. Toll.

Die Sommerrodelbahn, mit der ich wieder ins Tal fahren kann, ist nicht ganz so alt, sie könnte bereits den Nato-Doppelbeschluss, jedoch nicht wie der Lift die Abdankung Bismarcks miterlebt haben. So richtig sicher ist das hier alles nicht, keine Schienen, keine automatische Drosselung, und wenn Sie nicht permanent bremsen, segeln Sie aus der Kurve in hohem Bogen über die Reling auf eine Wiese. Oder landen mit der Fresse auf der Bahn. Und wissen Sie was? Ich finde das gut. Endlich mal wieder ein wenig Selbstverantwortung. Im Nanny-Staat, der mich sonst von der Geburt bis zur Krebsstation in flauschigen Schaumstoff packen möchte, ist sie so selten wie kostbar. Mein Auto hat mich schon so versklavt, dass ich schon gar nicht mehr weiß was das heißt, Selbstverantwortung. Es piepst ständig hysterisch, wenn ich etwas mache, das ich nicht machen soll: Piep Piep Piep, wenn ich nicht angeschnallt bin, wenn ich zu nah an einem anderen Auto parke, wenn ich das Licht anlasse, zu schnell fahre, den Kasten Bier auf dem Beifahrersitz nicht anschnalle, wahrscheinlich bald auch wenn ich beim Fahren furze, in der Nase bohre, meine Eier kratze, meine fette hässliche Mutter verfluche… Piep! Piep! Hatespeechdetektor registriert ungebührliches Verhalten, essen Sie eine fair gehandelte Biopastinake zur Strafe… ach egal. Fick dich selbst, EU-geförderter bündnisgrüner Arschlochautomat im Auto. Wenn ich dein Kabel finde, knips ich dich aus.

Rodel Rodel. Nochmal fahren. Und nochmal fahren. Hier auf der Rodelbahn kann ich noch ein kleines Risiko eingehen in dieser komplett risikominimierten Welt: Keine Abgrenzung. Keine Schienen. Krasse Kurven. Eigene Verantwortung. Wer zu schnell rast, der bricht sich den Hals. So soll es. So muss es. So darf es. So möchte ich das. Jeder ist seines eigenen Schmiedes Schuld. Oder so.


Verarsch mich doch (32)