Die unerträgliche Freundlichkeit in Bayern

Edeka. Irgendwo in Bayern. Ich streife missmutig durch die Gänge.

„Grüß Gott!“

Meine Güte, die Angestellte hat mich gegrüßt. Woher kennt die mich? War ich hier schon mal? Hab‘ ich hier ein Kind gezeugt und weiß nix davon? Bin ich Stadtgespräch mit dem B vom Autokennzeichen?

„Grüß Gott!“

Wah! Nochmal eine! Was ist hier los? Halten die mich für einen Ladendieb und wollen mich einnorden, einlullen oder einfach nur unter Beobachtung halten? Heda! Landstrich-kurz-vor-Polen-Bewohner! We are watching you! Do not klau a Weißbierblechbüchse.

„Grüß Gott!“

Eine Kundin. Mir vollkommen fremd. Das gibt’s doch gar nicht. Sehe ich aus wie ein Promi? Oder wie der Sohn vom Bürgermeister? Wollen die Geld? Ein gutes Wort für die Baugenehmigung der zweiten Scheune? Was wollen die?

„Grüß Gott!“

Und ein Regaleeinräumer. Ganz jung. Pausbacken. Kernig arisch fesch. Er strahlt. Himmel. Das alles hier trifft direkt ins Gefüge meiner Weltordnung. Bin ich etwa der Irre und wollen die am Ende gar nix, sondern sind einfach nur freundlich? Bin ich es? Ist es mein Problem, meine Berlin-Paranoia? Die so tief sitzt, dass mir jedes mal, wenn jemand plötzlich freundlich zu mir ist, meine im Hypothalamus integrierte Alarmsirene meldet, dass der doch nur wieder was von mir will, Geld, mir was verkaufen, Werbung, Zeitungsabo, Datentarif, Unterschriftenliste für/gegen Dinge oder einfach nur seine vollkommen verratzte Lebensgeschichte loswerden, weil sonst keiner mehr zuhört außer den paralysierten Fahrgästen einer heruntergewirtschafteten S-Bahn, die nicht anders können als zuhören, weil die Wagentüren zu sind und die Fenster zu klein zum Rausspringen.

Berlin. Berlin. Wenn Sie dort wohnen, werden Sie zwangsläufig neurotisch. Kurz nach der Muttermilch schon, wenn Ihnen das erste Arschloch des jungen Lebens das Milchfläschchen aus dem Kinderwagen klaut. Ich bin sogar so neurotisch, dass ich hier an der Wursttheke bei Edeka irgendwo in Bayern eine unverschämt lange Zeit ganz viel Aufschnitt bestelle, was immer lange liebevoll geschnitten werden muss (unter anderem der beste Leberkäse seit vielen Jahren, welcome to Bayern, ihr Leberkäsestümper aus der Mark, das kriegt ihr nie hin) und ganz angespannt darauf warte, dass ich von denen, die seit zehn Minuten hinter mir stehen und warten müssen, endlich angepöbelt werde, weil sie nur deshalb warten müssen, weil ich so verkackt viel bestelle. Aber nix. Nix! Die halten hinter mir mit einer entnervenden Gemütsruhe einen netten Plausch – tiefenentspannt, lachend, unter Wahrung würdevollen Abstands, der mich nicht unter Druck setzt – während ich schwitzend, fahrig und aufs Äußerste angespannt auf eine Attacke warte, die in der Hauptstadt bei Kaisers an der Theke schon vor fünf Minuten geritten worden wäre.

Das ist mein Zustand. Berlin trifft auf Bayern in Bayern. Es ist wie immer. Ich brauche Wochen, um mich an normalen zwischenmenschlichen Umgang abseits meiner in allen möglichen Hinsichten verwahrlosten Hauptstadt zu gewöhnen und es dürfte wohl Monate dauern, bis endlich das nervöse Zucken von Auge und Ringfinger nachlässt, wenn mich Menschen ansprechen. Bis dahin bin ich längst wieder weg. Zurück an den Bahnhöfen Berlins. Obdachlosenzeitung. Junks. Sprittis. Brüller. Pöbler. Krakeeler. Politprediger. Kaputte Seelen. Geld. Geld. Haste ma. Haste ma. Kleingeld. Groschen. Was zu Essen für den Hund. In Teppiche gehüllte Mütter, die mit der einen Hand Kleinkinder in angewiderte Gesichter halten und mit der anderen Hand Greifbewegungen markieren. Bittääää.

Bayern. Ich habe keine Wochen. Ich habe nur eine.