Autobahnraststättentrauma

Ich bin autobahnraststättenendstadiumsbehandelt, jägerschnitzelgeschädigt, gummibockwursttraumatisiert. Das kommt noch aus den 90ern. Fünfzehntausendmal zu oft mit einer gestörten Mutter auf der Autobahnraststätte Seesen/Harz gewesen. Formjägerschnitzelfolter mit Tütensoßenpsychoterror meets Dosenpilzewaterboarding. Dazu Kautschukpudding in der Glasschüssel, den Sie als ein Gesamtekelgrindwerk aus der Schüssel holen und an die speckige Wand hätten werfen können, wo er dann kleben geblieben wäre – neben der Fliege, die kurz nach der Kapitulation der Wehrmacht jemand in seiner Wut totgeschlagen haben muss.

„Papa, ich hab‘ Hunger.“

„Hier is‘ nix. Hier is‘ Autobahn. Vorhin war McDonalds.“

„Bäh.“

„Yo. Dann lieber Sandwurststulle aus der Sahelzone der Tanke.“

„Papa? Da kommt ne Raststätte.“

„Mompf…“

„Papa? Da kommt ne Raststätte.“

„Gnarf Gnarf.“

„Papa? Da kommt ne Raststätte.“

Ich habe ein Kind, das nie aufgibt.

„Papa? Da kommt ne Raststätte.“

Raststätte. Dengeldongel, das Trauma klopft an. Das Jägerschnitzel aus der Gruft ruft nach mir und will einen Kautschukpudding in den Hals drehen.

„Ja doch, in Hetfields Namen lass es uns tun. Meine Güte, ich fahr‘ ja schon raus. Hier kommt doch bis Westdeutschland sowieso nix mehr zu fressen.“

Lost at Kreuz Hermsdorf: Es gibt nicht mal Jägerschnitzel. Keine Bockwurst in diesen siffigen Spiralheizbehältern, die der alte Fritz noch auf seinen Ausritten durch die Mark in der Satteltasche stecken hatte. Kein Gummipudding. Ich esse sogar ganz guten Schweinebraten. Ganz gute Nudeln. Nur diese glasigen Normkartoffeln aus dem Eimer mit ihrer vor lauter Rumliegen neu gewachsenen Haut lassen dann doch noch alte Wunden wieder aufreißen. Ein wenig dunkeldeutsche Gruselnahrung muss eben sein, der Tradition wegen. Hallo Kind. Wir begründen neue Traumata. An einer Raststätte. Die 90er sind zurück.

Zugegeben, es hat sich ein wenig was getan im Raststättengewerbe seit den 90ern, zumindest hier. Es ist natürlich immer noch viel zu viel zu wirklich viel Geld für zu wenig gutes Zeug, doch holt sich kein Kind mehr ein ernsthaftes Trauma weg. So wie wir noch vor 20 Jahren. Das ist doch was. Es wird nicht immer alles schlechter.

Optisch sind hier übrigens wieder die 80er eingezogen. Oder sogar die 70er.

Fehlen noch die Toiletten in orange. Und ein Wählscheibentelefon. Mit einem Postminister drauf. (Es gab einen Postminister? Gab es. Es gab alles. 80er, Baby. Prinz Pornetti, du Zeitforscher und Hottentottenmusikhörer, sag doch auch mal was.)


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