Brise am Haff

Eine Brise weht über das Haff. Es sind die Tage vor einer Wahl, die den Status Quo dieses Bundeslandes umpflügen wird. Fast ist es, als hält das Land den Atem an. Im Edeka ist die Stimmung seltsam verhalten, fast still. Die Rote Beete ist im Angebot. Und Melonen. Es gibt massenhaft Melonen momentan. Keine Kerne. Nur die weißen. Aber die zählen ja nicht. Der Fischer hat Zander. Der Lila Bäcker Salzbrötchen. Die Kassiererin bittet mich freundlich um den Pfandbon, der in meinem Einkaufswagen liegt und den ich vergessen hätte.

Die Fahrt hierher führte mich wieder durch ausgestorbene Dörfer mit nur einer Straße, die fast immer Dorfstraße heißt. Es sind Dörfer, in denen ausschließlich die NPD plakatiert. Straßenlaterne um Straßenlaterne. Weiß auf Rot. Eine Materialschlacht. Heimat braucht Kinder. Rentner brauchen Anerkennung. Volk braucht Zukunft. In anderen Orten plakatiert die AfD stattdessen das Straßenbild zu. Weiß auf Blau. Nicht weniger Materialschlacht. Für unser Land und unsere Kinder. Schwarz-rot-gold ist bunt genug. GEZ abschaffen. Polizei stärken. Beiden gemein ist: Sie sind unversehrt und sie sind viele. An Kreisverkehren und vor Supermärkten stehen sogar diese riesigen Plakataufsteller, die ich sonst von den früheren Volksparteien kenne und an denen mich irritiert, dass sie von AfD und NPD sind. Hier in Nordostdeutschland malt ihnen nicht mal jemand ein Hitlerbärtchen über die Oberlippe. Das einzige aufgemalte Hitlerbärtchen finde ich kurz vor Polen in einem Ort namens Hintersee. Es ziert ausgerechnet jemanden von den Grünen. Er sieht jetzt aus wie der Hausmeister unserer alten Schule, den irgendeine Schwester irgendeines Schulfreundes mal beim Schnüffeln an den Mädchenschuhen in der Sportumkleide erwischt haben will.

In einem Café ergibt sich bei Pflaumenkuchen mit Streusel ein sonderbares Gespräch. „Ach? Aus Berlin? Was wollen Sie sich denn so alles ansehen hier?“ „Ach, einiges. Ich fahre morgen zum Beispiel nach Stettin.“ „Aha.“ Nichts weiter. Nur Aha. Kein Wort hinterher. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. ‚Oh, Stettin ist schön. Das Schloss. Besuchen Sie das Schloss.‘ Oder: ‚Ja, fahren Sie mal nach Polen. Es wächst ja alles immer mehr zusammen hier.‘ Auch nicht. Nix. Nur ein fatalistisches Aha.

Polen ist nur einen Bernsteinwurf weg. Doch davon merken Sie hier nichts. Der östliche Nachbar ist seltsam abwesend. Kein Einfluss zu sehen bis auf gelegentliche polnische Kennzeichen auf der Durchreise und radebrechende junge Polinen in der deutschen Gastronomie. Neun Jahre nach dem Schengen-Beitritt Polens wächst hier sonst gar nichts zusammen, höchstens die deutschen Autos mit den polnischen Tankstellen, den Straßenstrichs und den alten 90er-Jahre-Kippen und Suff-Büdchen. Doch das alles gab es lange vor Schengen schon. Ein wenig gewandelt hat sich das Angebot dennoch, seit ich das letzte Mal hier war. Hinter der Grenze folgt eine Verkaufsstelle für Zäune der anderen. Fünf, sechs, sieben davon die zehn Kilometer bis Stettin. Zäune. Zäune. Schmiedeeiserne Zäune rufen die Plakate. Auf deutsch. Jeder Nachfrage folgt hier schneller als anderswo ein Angebot. Und was gerade gut geht, sehen Sie immer zuerst auf den bunten Plakaten auf der polnischen Seite. Momentan: Weniger Zigaretten, mehr Zäune. Und Küchen. Küchen auch.

Meine Vermieterin führt eine Bücherwand. Darin Kopp über Kopp. Der Kopp-Verlag hat hier ein Heimspiel. Ich überfliege die Buchrücken. Irgendwas über Palästina. Deutschland vor dem Kollaps. Die geheime Migrationsagenda. Und Ulfkotte. Was uns Politik und Massenmedien über die Straftaten von Migranten verschweigen. Fast freue ich mich über die anderen Bücher. Es ist lauter Eso-Zeug. Feng Shui. Chi Gong. Heilsteine. Wasseradern. Lebenslinien. Sternbilder. Ayurveda. Horoskope. Und natürlich Homöopathie. Ein Buch fällt aus dem Rahmen. Es hat den Titel „Der Sex-Doktor“. Es ist kein Roman.

21% wollen am Sonntag laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage AfD wählen. 3% die NPD. Wenn Sie davon ausgehen, dass ein Teil der Befragten mit der eigenen Meinung hinterm Berg hält, können Sie locker 5% bei der AfD draufrechnen und bei der NPD so viel, dass es möglicherweise doch für den Einzug reicht. Das war in Sachsen-Anhalt zumindest was die AfD betrifft nicht anders. Da haben sie zwischen 17 und 19% prognostiziert. Tapfer. Hartnäckig. Über Monate. Geworden sind es 24. So daneben können sie liegen, die Prognostizierer. Rechts ist traditionell schwer berechenbar.

Eines ist seltsam an Mecklenburg. Ich sehe keine ins Auge fallenden Nazis hier. Es ist nicht wie in Brandenburg, wo Sie nur an eine Tankstelle vor eine Autobahnauffahrt fahren müssen, in deren Nachbarschaft idealerweise ein McDonalds steht, zu dem die kahlrasierte Dorfjugend ihre schwarz verdiente Kohle trägt, brüllend, geifernd, den Wodka Lime durch die Luft schwenkend. Jene gibt es hier nicht oder zumindest nicht so präsent, dass ich sie sehen kann. Keine Bomberjacken. Keine Heinrich-Himmler-Gedächtnisfrisuren. Keine Zwickauer Terrorzelle-Hassfratze. Keine einschlägigen Shirts. Kein einziger Böhse-Onkelz-Schriftzug auf einer Heckscheibe. Nicht einmal Kampfstiefel trägt irgendwer mehr. Das Land überrascht mich mit demonstrativer Bürgerlichkeit, die ich hier im Hinterland nicht erwartet habe und vor deren Hintergrund mich die Prognosen noch mehr irritieren.

Zum Auftritt der Menschen passt, dass ich kaum alte und nur wenige kleine Autos wie meines sehe. Audi ist beliebt. BMW auch. Manchmal bis zum 7er hoch. Nagelneu. Viele asiatische Wagen. Genauso neu. Die Fassaden der Häuser sind frisch gemalert. Ebenso die alten Platten. Vorgärten akkurat. Mehr Edeka als Lidl. Die Straßen top. Keine Schlaglochparade wie in meinem Straßenlandacker namens Berlin. Eine unglaubliche Menge an tadellosen Fahrradwegen. Neu planiert. Die Menschen erscheinen mir fast zufrieden. Es wird viel gebaut. Die Zinsen sind günstig. Carports. Dächer. Ganze Häuser. Einer bessert seinen Zaun aus. Der Nächste montiert eine neue Dachrinne. Und grüßt freundlich vom Gerüst. Die Mutter packt noch einen Milchreis extra in den Einkaufswagen. Bauarbeiter mit Hackepeterbrötchen. Schwarz-weiße Bicolorfrisuren mit Hündchen an der Leine am Asiaimbiss vor einer Nudelpfanne. Eine davon strahlt mich an. In ihrer mit obszönen hellrosa Plastikfingernägeln bewehrten Hand hält sie ein Lübzer Pils. Damit prostet sie. Mir begegnen Fahrradfahrer mit Handzeichen, die bei Rot halten. Da drüben macht eine Galerie auf. Auf einem Marktplatz trinke ich uralten Bowmore und weil das nicht reicht, bestelle ich einen Laphroaig Lore obendrauf. Ich könnte auch ein Gläschen Moët & Chandon‎ bestellen, wenn ich das mögen würde. Sie hätten den da. Wie so viele andere gute Dinge. Mein Kaffee wurde von irgendwem aus der Region geröstet, er ist so meisterhaft wie das Bier, das sie drüben in der Stube brauen. Die Pralinen, die ich für zuhause mitnehme, knetete ebenfalls jemand von hier. Noch ein Stück Blaubeerkuchen? Ist hausgemacht. Nein, danke, sehr freundlich. Bitteschön. Dankeschön. Stimmt so. Das Café ist voll. An einem Wochentag. Geschäftig Geschäftig. Ja. Doch. Die Menschen kommen mir zufrieden vor.

Warum also werden sie am Sonntag zu einem nicht kleinen Teil rechts wählen? Was kippt da um? Und woran liegt das? Gibt es so viele Abgehängte, unter die Räder Gekommene, zerstörte Gemüter, die ich nicht zu Gesicht bekomme, weil sie in der Butze eingeschlossen mit Kräuterlikör und Tiefkühlschnitzel vor RTL 2 dahinvegetieren? Ist es die Angst, das wenige Aufgebaute wieder zu verlieren? Ist es der Chauvinismus derjenigen, die es weitgehend geschafft haben, die ihre Dinge im Trockenen wissen und einfach nicht gönnen? Oder schlichter Ekel in Gegenwart eines eitlen postdemokratischen Politbetriebs voller seelenloser Parteiapparatschiks, der sie auch einen Schimpansen wählen lassen würde, der darauf dressiert wurde, den ganzen Tag beide Stinkefinger in die Luft zu halten, wenn er sich damit nicht gerade den Grind von den Eiern pult. Trump. Orban. Die Clique drüben in Polen. Wilders. Le Pen. Der Ziegenfreund vom Bosporus. Hofer. Brexit. Die starken Nationalisten in Skandinavien. Das über so viele Jahre vereinte Europa wird gerade von innen und außen filetiert, aufgefressen und demnächst vermutlich ausgeschissen, während ich mich frage, ob ich eigentlich noch lange zu Fuß zwischen Polen und Deutschland werde umher laufen können, ohne dass irgendwer Notiz von mir nimmt, einen Paß sehen will, ein Visum gar, und ohne dass mir jemand die Karre durchsucht.

Die Luft steht jetzt. Zwei Alte sitzen schweigend auf einer Bank in Altwarp. Ich kaufe ein Fischbrötchen. Es schmeckt tranig. Bald werde ich übersetzen auf die andere Seite. Nach Polen. Nowe Warpno. Neuwarp. Wenn ich wiederkomme, werden sie gewählt haben.