Retrospektive: Strandläufer

Wenn ich an der Ostsee bin, laufe ich gerne am Strand. Laufen im Sinne von Rennen. Sport. Jogging, wenn Ihnen das Wort besser gefällt. Gerne bei Sonnenaufgang. Ich. Brise. Wellen. Meditation. Friede.

Das war auch vor ein paar Jahren so. Ich glaube, es war in Zingst. 5:30 Uhr. Nur ich und der Strand. Nicht mal ein Gassigeher. Nur ich. Brise. Wellen. Meditation. Friede.

Und drei junge Frauen mit Alkohol in der Hand, die mir entgegen kamen. Keine Ahnung woher, keine Ahnung warum. Versprengte Partyreste. Vermutlich. Mit dem Wunsch nach Sonnenaufgang.

Warum macht ein Mann eigentlich das, was er tut? Warum wird er schneller in so einem Moment? Warum macht er die Schultern breit? Zieht den Bauch ein? Brust raus? Kopf hoch? Warum? Was soll das? Was läuft da für ein animalisches Programm ab? Und warum ist es auch dann aktiv, wenn junge Frauen gar nicht die eigene Zielgruppe sind?

Was ich nicht auf der Rechnung hatte, war das Sandloch voller Sandmatsch, das ich nicht sah, weil es vor lauter Kopf hoch nicht mehr in meinem Blickfeld war.

Ich sank mit einem Fuß ein. Bis zum Knöchel. Verlor jedes Gleichgewicht. Fiel dann hin. Das Gesicht in einem anderen Sandmatschloch.

Ein Untergang. Formvollendet. Ohne Grazie.

Sie können in so einem Moment nur über sich selbst lachen. Sie haben verkackt. Vollständig. Komplett verschissen. Sich endlos und für alle Zeiten lächerlich gemacht. Das ganze Programm. Aus so einer Nummer kommen Sie nie mehr mit Würde raus. Ich würde ja auch lachen, wenn ich das sähe. Habe ich auch. Gelacht. Sandmodder abgewischt. Mit den Schultern gezuckt. Weiter gelaufen. Sie haben keine anderen Optionen. Irgendein Gesicht war nicht mehr zu wahren. Wie auch. Es war voller nassem Sand.


credits
Machen wir uns doch einmal lächerlich. Lassen wir das Kindische, das Verdrängte, das Unliebsame doch heraus und sammeln es an einem Ort. Kein geschlossener Raum und eben doch genau das. Im Netz. In der Öffentlichkeit. In unseren Blogs.