Seefeuer / Kinospacken

Na ihr Wohlstandsbürger. Gute Laune? Oh das lässt sich ändern. In den verkeimten Kulturhinterhof-Off-Kinos der Stadt läuft gerade ein Film, der es nie in die idiotenverseuchten Multiplexe schaffen wird und deswegen in den idiotenverseuchten Kleinkinos gezeigt werden muss, was hinsichtlich des Beschissenheitsfaktors des Publikums keinen Unterschied macht, sondern nur bedeutet, dass die Anzahl der Idioten prozentual gleich, wenn auch absolut geringer ist. Huh? Said what? Mathe? Anyone? Ach nee, hier ist Berlin, hier lernen sie kein Mathe mehr, hier kriegen sie in ein paar Jahren auch mit Malen nach Zahlen ihr Abitur. Oder durch Ringelreihen mit Händeklatschen.

Ich habe einen Film namens Seefeuer gesehen. Wen dieser Film kalt lässt, der hat ein Herz aus Backsteinen.

Der Film wurde auf Lampedusa gedreht.Sie brauchen nicht zu denken, dass die beschissenen Arschgesichter in den kleinen Off-Kinos weniger als in den Multiplexen das Karma solch eines Raums verpesten. Gefehlt. Weit. Natürlich sind auch hier heute in diesem blöden kleinen bis zum Anschlag subventionierten Kulturding jede Menge beschissene Arschgesichter am Start und sie sind gut drauf. Hier, an diesem Tag, an diesem Ort kommen sie in der Berlin-Mitte-Version daher. Mit dieser unerträglich blasierten Ich-stand-heute-neben-Sven-Marquardt-an-der-Fußgängerampel-Attitüde. Nur in der Ich-stand-heute-neben-Cem-Özdemir-bei-Alnatura-Version. Ein furchtbares Volk. Grässlich alternative Optik. Geisterbahn. Vogelscheuchen. Sauerkrautfrisur. Riesige Hornbrillen. Und auf jeden Fall diese ekelhaften Birkenstockpantoffeln, die jeden mit zumindest ein wenig Stil hoffen lassen, dass dieser verdammte Sommer endlich zu Ende geht, so dass sie alle wieder Gummistiefel tragen müssen. Mit lila Pünktchen. Wie vorletzten Herbst. Birkenstock. Bah. Birkenstock ist kein Schuhwerk, Birkenstock ist ein Charakterfehler. Fast wünsche ich mir diese Crocks zurück, mit denen sich der Sternburgadel vor ein paar Jahren reihenweise öffentlich lächerlich gemacht hat, bevor sie zumindest in dem Streifen von Hohenschönhausen bis Biesdorf-Nord wieder zu den fiesen lackierten Proll-Adidas-Slippern zurückgekehrt sind. Mit Goldstreifen. Und Leggins. Lackplusterwindjacke. Helle-Mitte-Style, Baby. Huha.

Schlumpfkino. Kinoschlümpfe. Mich überkommt schon nach zwei Minuten der Hass. Die Türe fällt auf und zwei durcheinander sabbelnde Frauen betreten den Raum. Blablabla authentische Pizza Blablabla neuer Laden in der Torstraße Blablabla muss mehr Sport machen Blablabla lieber doch nicht so viel Pizza Blablabla dann Sushi Blablabla authentisches Sushi Blablabla. Was ich jetzt noch nicht weiß: Das Gesabbel wird sich bis weit in den Film rein ziehen.

Was ich jetzt schon während der Werbung weiß, ist, dass eine von den beiden zu blöd ist, eine Flasche Cola zu bedienen. Sie schmeißt die Flasche um, die sie offenbar auf den Boden gestellt hat. Dann stellen sie gemeinsam fest, dass ihr Platz scheiße ist, und stehen auf. Dabei fällt die Flasche noch einmal um. Es folgt Gackern. Sie werfen ihre Köpfe nach hinten. Setzen sich woanders hin. Der Platz ist jedoch auch scheiße, wonach sie öffentlich feststellen, dass der Platz auch scheiße ist und aufstehen. Dabei fällt die Flasche zum dritten Mal um. „Wie blöd kann man eigentlich sein?“ Huh? War ich das? Ha. Ich war das. Das ist das Schöne, wenn Sie die verunsicherte Pubertät und dieses stets viel zu behutsame Erwachsenwerden endlich hinter sich gelassen haben. Sie hauen nun solche Dinger raus und es ist Ihnen dabei vollkommen egal, ob der Adressat Sie danach noch leiden kann oder viel eher in die Hölle verflucht. Egal. Spielt keine Rolle. Inzwischen weise ich Vollidioten gerne mal plakativ auf den Umstand ihres Vollidiotentums hin. Das geht gut klar und macht auch Spaß. Sie müssen sich nur bremsen, um nicht zu enden wie Meckerrentner Kowalke aus Laubenpieperkuckucksheim, der derlei zu seinem Lebensinhalt macht. In Maßen genossen hat eine Runde fröhliches Gepöbel eine angenehm positive Auswirkung auf meine Laune. Hier ist sowieso Berlin. Mich sehen die Bratzen nie wieder. Ich kann hier sagen was ich will. Berlin Berlin. Keiner kennt mich und ich will niemanden kennenlernen. Und schon gar keine neuen Freundschaften schließen. Drei Millionen. Vier Millionen. Wir werden hier immer mehr und nie sehen Sie irgendwen wieder, wenn Sie sich nicht verabreden. Menschen sind in diesem Moloch so Massenware wie austauschbar. Das schafft Freiheiten. Ich mag das.Nach meiner Einschätzung zum intellektuellen Horizont der Protagonistinnen des Colaflaschendesasters ist es kurz still, dann geht die Sabbelei weiter. Im Moment läuft die Vorschau. Die Vorschauen werden intensiv diskutiert. „In dem Film war ich schon drin.“ Haut diejenige ohne umfallende Colaflasche raus und fuchtelt dafür mit einem leuchtenden Smartphone. „Knaller. Das ist ja eine tolle Information.“ Wieder ich. Geil. Der Trollolo von der letzten Bank. Dumme Kommentare sind mein Gemüse. Die Colaflaschenstümperin dreht sich um, doch sie kann mich nicht sehen, denn ich sitze unter dem Projektorfenster und von dort aus leuchtet die Vorschau in den dunklen Raum. Großartig. Spacken anpöbeln. Aus der Anonymität heraus. Ich mag das sehr. Fast wie Internet.

Dann fällt die Colaflasche wieder um. Erschieß dich doch. Will ich gerade sagen, doch da fängt der Film an. Zwei Smartphones sekundieren den Film mit der Beleuchtung ihrer fahlen Displays. Links. Rechts. Und kaltes weißes Licht flackert über die Kinodecke. Es ist meins. Ich habe noch eine dunkle Ecke entdeckt. Das geht so nicht. Ich muss die ausleuchten. Ich mache begeistert mit beim fröhlichen Smartphonewinken. Die köpfedrehenden Leute blende ich aus. Keine Ahnung was die wollen. Ab jetzt wird immerhin geflüstert. Die beiden Bratzen diskutieren auch jetzt immer noch Dinge. Es muss etwas erörtert werden. Eruiert. Thematisiert. Zerkaut und in Wortfetzen ausgekotzt. Alles ist wichtiger als Fresse halten. Menschen sind die Pest.
Boote. Marine. Seenotretter. Ärzte. Leichen. Heulende Afrikaner. Dieser Stoff wird kein leichter sein. Für einen Moment herrscht tatsächlich eine Art Ruhe. Dann fällt wieder die Flasche um. Einer reißt eine Tüte mit Naschzeug auf. Raschel. Hält inne. Raschel. Ruhe. Nochmal Raschel. Klappt wohl nicht. Dann reißt er die Tüte mit einem Ruck auf. Eine Tasche fällt von einem Kinositz. Ein Motorradhelm rollt ein paar Stufen hinunter. Dann fällt jemandem ein, dass er noch Popcorn hat. Krams. Raschel. Mompf. Sie werfen auf der Leinwand gerade die Müllsäcke voller Leichen von einem Schlauchboot auf ein Schiffsdeck. Plumps. Plock. Seltsam verdreht, dieser Arm da. Oder ist es ein Bein? Na wenigstens schmeckt das Popcorn gut. Der Kerl vor mir schlingt. Und schmatzt.
Flasche.

Jemand reißt Alupapier auf. Vermutlich Schokolade. Was für Pestbeulen sie mir heute wieder in die unmittelbare Gesellschaft gepackt haben. Und dann immer diese Fresser. Sie müssen wirklich überall fressen. Es muss überall gefressen werden. In der Dreiviertelstunde Flug von Tegel nach Frankfurt: Sie verteilen Fressen im Flieger. Damit die Leute in der kurzen Zeit was fressen können. In der S-Bahn zwischen Frankfurter Allee und Greifswalder Straße: Irgendein Arschloch frisst immer einen Döner. Chinaboxpfanne. Oder Mettbrötchen. Mit Zwiebeln. Mompf Mompf. Beim Borgwürfelmeeting: Sie fressen sogar die alten Scheißkekse, die die mumifizierte Schachtel von Vorzimmerdame aus den Resten der Bauernkriege zusammengeklaubt hat. Mampf Mampf. Cluster. Mampf. Milestone. Mampf. Müssen evaluieren. Mampf Mampf. Und hier im Kino, während ein Dokumentarfilm ein paar der 15.000 toten Menschen zeigt, die bisher im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa ersoffen, erstickt oder auch nur dehydriert verreckt sind: Fressen sie auch. Popcorn. Gummibärchen. Einen kapitalen Tobleronebalken. Fressen. Es geht nicht ohne. Sie können nicht ohne. Kriegen sie nicht hin. Überschwemmung? Abgerissene Gliedmaßen? Gasleck? Putin vor der Stadt? Egal. Erst mal was fressen.Der Film endet mit Samuele, dem Hauptdarsteller aus dem Erzählstrang abseits der Elenden auf den Booten. Samuele ist ein Kind, das auf Lampedusa aufwächst. Samuele lockt einen Vogel an. Sie zwitschern sich zu. Ein bisschen Frieden im ganzen Wahnsinn. Dann ist der Film aus. Zwei Vollidioten ganz vorne klatschen tatsächlich. Was ihnen wohl gefallen haben mag? Die verzweifelt singenden Afrikaner? Die kranke Schwangere mit den Zwillingen im Bauch, die direkt vom Boot in die Klinik gebracht wurde? Oder doch die Leichen. Klatsch Klatsch. Wie dumme Touristen im Bumsbomber aus Mallotze nach der Landung auf dem Gruselflugplatz Schönefeld. Patsch Patsch. Vermutlich ist es nur eine Ersatzhandlung. Der Überforderung wegen. Ich habe sogar Verständnis.

Beim Rausgehen jedoch lachen sie. Der war gut, sagt einer. Der war krass, sagt der andere. Krass gut. Wieder Lachen. Die beiden Sabbelschnepfen erörtern wieder die Pizzafrage, die wieder in eine Sushifrage übergeht. Colaflasche und Smartphone in der Hand. Leute schreiben Nachrichten. Jeder sabbelt. Einer frisst die Reste aus einer Erdnussflipstüte. Ich kaufe mir ein Bier. Die M1 bringt mich zurück zur Danziger Straße. In der Bahn Kopftücher. Abgerissene Typen. Touristen mit Bier. Wer aufmerksam beobachten kann, erkennt die Flüchtlinge problemlos. Billige blaue Gummibadelatschen. Es ist ganz einfach, wenn man es weiß. Meistens sind es die billigen blauen Gummibadelatschen. Achten Sie mal drauf. Der Straßenzeitungsmann am Supermarkteingang ist manchmal gar kein Rumäne mehr, sondern ein Syrer. Iraki. Libyer. So weit weg ist Lampedusa gar nicht.

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